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Der Knackpunkt ist die Höhe

Stadtplaner und Architekten zum Entwurf für das Ibis-Styles-Hotel

„Grauenhaft“, „fürchterlich“, „Plattenbau“ – die Kommentare auf Facebook zur Optik des geplanten Ibis-Hotels an der Blauen Brücke sind in der Mehrheit ablehnend. Doch wie bewerten Fachleute den Entwurf des Architekten Jörg Aldinger? Wir fragten Stadtplaner und Architekten.

01.08.2014
  • Sabine Lohr

Tübingen. „An diesem Standort darf man keinen Standard planen“, hatte Architekt Jörg Aldinger bei der Präsentation seines Hotel-Entwurfs vor der Presse gesagt. Ein Satz, über den sich Ursula Schwitalla angesichts der Visualisierung mächtig ärgert. „Das ist jetzt weit unter Standard“, schimpft die Kunsthistorikerin und ausgewiesene Expertin für moderne Architektur. „Dieser Kasten ist wirklich kein Musterbeispiel für architektonische Lehre“, findet sie. Da habe ja der Blaue Turm mehr Charakter. Transparenter hätte sie sich den Bau gewünscht, denn Architektur müsse auch den Ort berücksichtigen, an dem sie ist“.

Oed will es niedriger, Hähnig gefällt Entwurf

Nicht ganz so harsch fällt das Urteil der Stadtplanerin Ursula Oed aus. Sie findet das Hotel vor allem zu hoch für diese Stelle, denn es verstelle den Blick auf die Silhouette der Altstadt mit der Stiftskirche und den Verbindungshäusern auf dem Österberg. „Ich bräuchte da keine Torsituation“, sagt sie. Lieber wäre ihr ein niedrigeres Gebäude, vier bis fünf Geschosse hält Oed für ausreichend. „Um ein richtiges Urteil zu fällen, müsste ich mir die Pläne genauer ansehen“, sagt sie.

Das hat Mathias Hähnig getan. Der Tübinger Architekt, der unter anderem die Bebauung der Alten Weberei geplant hat, findet es gut, dass mit dem Hotel „ein Stadteingang formuliert“ wird. Man dürfe, findet er, das Hotel nicht isoliert betrachten: „Es ist ein Ensemble aus drei Gebäuden, das zeigt die Visualisierung nicht“, sagt er. Damit meint er die Gebäude, die hinter dem Hotel auf dem Foyer-Gelände entstehen – ein siebenstöckiges Bürogebäude sowie ein weiteres, sechsstöckiges Gebäude mit Wohnungen und Büros. Zudem verweist Hähnig auf die Bebauung des Güterbahnhof-Areals hinter dem Blauen Turm, an dessen Kopfseite ebenfalls ein höherer Bau geplant ist. „Das ist ein urbaner Charakter, der darf dort auch sein.“

Baubürgermeister verteidigt Planung

Architektonisch gefällt Hähnig die „ruhige und unaufgeregte Fassade“. Ansonsten hält er sich mit Äußerungen zur Arbeit seines Kollegen zurück: „Das Büro Aldinger hat einen sehr guten Ruf. Man darf froh sein, dass dieses Büro das Hotel plant.“

Stadtplaner und Architekten zum Entwurf für das Ibis-Styles-Hotel

Ähnlich bewertet Baubürgermeister Cord Soehlke den Entwurf. Auch er verweist auf das entstehende urbane Ensemble. „Die drei Gebäude stehen auf einem gemeinsamen Sockel und nehmen die Form des Hotels auf“, erklärt er. Und auch am Güterbahnhof werde „die Höhenthematik aufgegriffen“. Die Sichtachsen auf die Altstadt-Silhouette habe er sich genau angeschaut, die Villen am Österberg seien weiterhin zu sehen. „Wir brauchen dringend ein Hotel“, sagt Soehlke. Er finde sowohl den Standort als auch den Zeitpunkt richtig. Und auch die Höhe des Hotel hält Soehlke für angemessen. „Kann es richtig sein, an dieser Stelle nur vierstöckig zu bauen?“ fragt er rhetorisch.

Über Details, räumt der Baubürgermeister ein, könne man durchaus streiten: „Ich hätte lieber Klinker als Putz.“ Doch müsse der Betreiber auch wirtschaftlich bauen.

Soehlke betont, dass er sich mit dieser Einschätzung nicht in den OB-Wahlkampf einmischen wolle. Gleichwohl ist das Thema bereits Wahlkampfthema geworden: Palmers Herausforderin Beatrice Soltys hatte gegenüber dem TAGBLATT den Entwurf von Jörg Aldinger sowohl architektonisch als auch städtebaulich scharf kritisiert (wir berichteten).

Stadtplaner und Architekten zum Entwurf für das Ibis-Styles-Hotel
Entwurdf für ein Best-Western-Hotel

„Nichts gegen was Hohes an dieser Stelle“ hat der frühere Tübinger Stadtplaner Andreas Feldtkeller. Gleichwohl würde es ihm besser gefallen, wenn das Hotel eine Etage weniger hätte. Architektonisch gefällt ihm Aldingers Entwurf gut: „Das ist nicht überkandidelt – mir ist etwas Strenges lieber als etwas total Modernes, Schräges“, sagt er. Es sei gut, dass die Hotelfassade „eine Mauer mit Löchern“ sei und eben nicht aus Glas.

Was ihm allerdings überhaupt nicht gefällt, ist der Sockel auf Höhe der Brücke. „Der ist ziemlich geschlossen“, kritisiert er. Besser fände er Öffnungen – Schaufenster oder Ähnliches, „damit der Passant, der vorbeigeht, auch was davon hat“. Ein Lob bekommt Aldinger von Feldtkeller, weil er die Form des Hotel dem Straßenknick angepasst hat und das Dachgeschoss nicht zurückgesetzt ist. Insgesamt meint Feldtkeller. „Der Entwurf führt nicht zum Entzücken, ist aber okay.“

Die Kritik am geschlossenen Sockel teilt Architekt Rüdiger Krisch. „Man wünscht sich dort ein Geschoss mit Präsenz zum Straßenraum“, sagt er. Allerdings glaubt er, dass das Hotel von der anderen Seite her, aus Richtung Stadt kommend, „wohl gut“ aussehe, weil dort das Restaurant untergebracht ist.

Krisch: Hotel wirkt höher als der Blaue Turm

Insgesamt findet er den Aldinger-Entwurf „ansprechend, aber sehr urban“, das Hotel sei eben eine „große Fläche mit Löchern drin“. Viel besser als der jetzt geplante Bau habe ihm der erste Ibis-Entwurf gefallen. „Ich fand das auch charmanter als das Best-Western“, sagt Krisch. Die neue Planung sei „ein großer Rückschritt“. Er wolle aber „keine Kollegenschelte“ betreiben, zumal sich die Qualität eines Baus immer an der Detailausbildung bemesse. „Aldinger ist ein sehr fähiger Kollege – ich bin sicher, das Gebäude wird gut, wenn auch simpel“, sagt er.

Stadtplaner und Architekten zum Entwurf für das Ibis-Styles-Hotel
Ursprünglicher Ibis-Entwurf für ein Hotel an der Blauen Brücke

Zur Architektur will Rüdiger Krisch nicht mehr sagen, zum Städtebau aber durchaus. „Dass das Hotel genauso hoch wird wie der Blaue Turm, finde ich erschreckend“ – vor allem, weil das Obergeschoss des Blauen Turms zurückspringe und deshalb kaum sichtbar sei. „Optisch wirkt das Hotel höher.“ Vor allem deshalb sagt Krisch, der von seinem Büro aus aufs Baugelände schauen kann: „Ein angemessener Zugang zum Innenstadtbereich sieht für mich anders aus.“ Vor allem der Blick auf die Innenstadt mit der Stiftskirche müsse erhalten bleiben – „das ist die Qualität von Tübingen“. Und der Blaue Turm sei ja schon eine Erbsünde.

Nachdem die französischen Streitkräfte, die am Foyer ein Hotel und ein Kino betrieben, abgezogen waren, wurden beide Gebäude zunächst an verschiedene Nutzer vermietet. Lange wurde an Perspektiven gefeilt – bis 1995 der damalige Musikschulbetreiber Wei Tsin Fu kundtat, er wolle das Gelände kaufen und einen Konzertsaal darauf bauen. Baubeginn war 1997, fertig sein sollte der Bau im Jahr 2000. Doch dann ging Wei Tsin Fu 1998 das Geld aus, zurück blieb eine Bauruine. Erst zwölf Jahre später gelang es der Stadt, das Gelände zu kaufen. Zwei Jahre später wurde die Ruine abgerissen. Auf der freien Fläche sollte ein Best-Western-Hotel gebaut werden. Doch dessen Investor sprang ab. Nun plant die Stuttgarter Success Group ein Ibis-Styles-Hotel.
Siehe auch Kommentar zum projektierten Ibis-Hotel an der Tübinger Blauen Brücke: Zurückhaltung ist auch eine Qualität 06.08.2014Der Knackpunkt ist die Höhe: Stadtplaner und Architekten zum Entwurf für das Ibis-Styles-Hotel 01.08.2014Ibis-Styles-Hotel kommt - itdesign bleibt: Drei Gebäude entstehen auf dem Foyer-Gelände 26.07.2014Hotel-Grundstück verkauft: Neu gegründete Gesellschaft will Ibis-Hotel bauen 18.07.2014Ibis plant sein Hotel mit den Best-Western-Architekten: Bank muss Hotel-Finanzierung zusagen, dann wird weiter geplant 18.02.2014Kommentar Stadthallen-Hotel: Mit allen Optionen nochmal von vorn 15.02.2014Reutlingen: Investor Steinbach winkt ab: Hotel-Projekt neben der Stadthalle vorerst gescheitert 15.02.2014Investor gefunden: Ibis für Hotel an der Blauen Brücke im Gespräch 13.02.2014Hotel-Gespräche laufen wieder: Investor verhandelt erneut mit dem potenziellen Betreiber 28.11.2013Auch die Reutlinger Hotelpläne sind nun geplatzt: Das „Best Western“ bei der Stadthalle wird nicht gebaut / In Tübingen sind neue Bewerber in Sicht 26.10.2013Kommentar: Worst Case mit „Best Western“ 26.10.2013Die Hotelpläne an der Reutlinger Stadthalle sind vorerst vom Tisch: Betreiber und Investor können sich nicht einigen 25.10.2013Neue Runde für Hotel am Foyer beschlossen: Chance auch für Ibis 16.10.2013Nach der geplatzten Hotel-Finanzierung: Investorensuche mit Frist 02.10.2013Kommentar: Muss es denn ein Hotel sein? 26.09.2013Hotelstandort soll neu ausgeschrieben werden – ohne Bauverpflichtung: Investor dringend gesucht 26.09.2013Stadthallen-Hotel nicht tangiert: Investor Steinbach: „Finanzierung für das Projekt steht“ 26.09.2013Hotel ade?: Finanzierung für Best Western ist gekippt 25.09.2013Kein Geld fürs neue Hotel auf dem Foyergelände an der Blauen Brücke: Investor „km Business Networks“ kann die Frist nicht einhalten 24.09.2013Vermarktung der Foyer-Grundstücke verzögert sich: Bloß nicht nochmal eine Bauruine 12.07.2013

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01.08.2014, 12:00 Uhr

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