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Widerstand bei der Kontrolle aus Sorge um den Gast

Stadträtin Sabine Gross wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt

Verkehrskontrolle mit bösen Folgen: Die Reutlinger Grünen-Stadträtin Sabine Gross ist gestern vom Amtsgericht Reutlingen wegen Widerstands gegen Beamte und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Geldstrafe von 900 Euro verurteilt worden.

13.11.2012
  • Thomas de Marco

Reutlingen. Als Sabine Gross, 49, am 14. Oktober vergangenen Jahres mit einem Gast aus Reutlingens Partnerstadt Bouake (Elfenbeinküste) von einem Konzert kam, hatte sie nur einen Wunsch: so schnell wie möglich nach Hause! Doch dann wurde sie kurz vor ihrer Wohnung von der Polizei kontrolliert. Gross, nach eigenen Angaben hundemüde, fragte, ob sie denn nicht heimfahren dürfe.

Da hatte der Beamte aber etwas dagegen, worauf die Stadträtin die Frage nach Drogen- oder Alkoholkonsum schnippisch wie folgt beantwortete: „Da haben Sie die Richtige erwischt, ich kiffe und saufe jedes Wochenende!“ Spätestens als beim Alkoholtest 0,5 Promille gemessen worden waren, war Schluss mit lustig. Der Beamte wies die Krankenschwester auf den Grenzwert hin und forderte sie auf, zum Bluttest ins Polizeirevier mitzukommen. „Von da ab machte ich mir große Sorgen um meinen Gast, der nicht deutsch sprach und kein Geld hatte“, rechtfertigte sie sich. Gross, schon vorher nach eigenen Worten diplomatisch nicht auf der Höhe, verlangte vom Beamten mehrfach, er solle ihr zuhören. „Als er begann, an mir zu ziehen, bekam ich Panik.“ Immer im Kopf, den afrikanischen Musiker ja nicht alleine in Reutlingen stehen lassen zu können, wehrte sie sich dagegen, dass ihr Handschellen angelegt wurden.

Bei diesem „Gefuchtel“ (Gross) trugen sie und der Beamte Verletzungen davon: Als er der Angeklagten die Hand auf die Schulter gelegt habe, um sie erneut zum Mitkommen aufzufordern, habe sie ihm die rechte Hand festgehalten, erklärte der Polizeikommissar, der gestern auch als Nebenkläger auftrat. Er habe sich losgerissen – aber erst später sei er von Kollegen darauf aufmerksam gemacht worden, dass sein Ehering fehle. Dieser ist angeblich bis heute trotz Suche mit Metalldetektor nicht wieder aufgetaucht, wie seine Frau in einer Verhandlungspause sagte. Er wurde wegen einer Kapselverletzung für zehn Tage krankgeschrieben.

Gross wiederum klagte über „entsetzliche Schmerzen im Handgelenk, Schürfwunden an den Fingern und stechenden Schmerz in der Schulter“. Ein Fingerbruch wurde später diagnostiziert, sie kam im Dezember für mehrere Wochen wegen psychosomatischer Traumata in eine Kur. Ihr Anwalt Axel Oswald wertete das als Folgen eines polizeilichen Übergriffs und verlangte die Einstellung des Verfahrens.

Zwei Jugendliche, die zeitgleich kontrolliert worden waren, hatten das aber ganz anders mitbekommen: Eine 18-jährige Schülerin wertete das Verhalten des Beamten als angemessen, Gross habe sich geweigert, mitzukommen. Ihr 20-jähriger Bekannter erinnert sich, dass der Beamte selbst mit Hilfe seiner Kollegin „kläglich gescheitert“ sei, Gross in einen „Festhaltegriff“ zu bekommen. Der Polizist habe irgendwann keine Lust mehr gehabt auf die ewige Diskussion. Er könne Gross nicht fahren lassen, der afrikanische Gast sei ihm da egal, sagte der Zeuge.

Deshalb blieb Staatsanwalt Tobias Handschell dabei: Die Körperverletzung sei vorsätzlich gewesen. Deshalb seien 60 Tagessätze angemessen – allerdings angesichts der finanziellen Verhältnisse der Angeklagten nur zu je 20 Euro. Das sah der Anwalt der Krankenschwester anders: Die Beweisaufnahme habe keine Klarheit bezüglich Widerstands und vorsätzlicher Körperverletzung gebracht. Vielmehr habe der Beamte den Kontext des Geschehens im Auge behalten müssen – die Sorge seiner Mandantin um ihren Gast. Angesichts des hilflosen Ausländers sei der Polizist überfordert, mithin seine Handlung rechtswidrig und nicht mehr verhältnismäßig gewesen. Der Widerstand von Gross sei zwar zu bestrafen, die Körperverletzung könne – wenn überhaupt – nur als fahrlässig gewertet werden. Deshalb beantragte er eine Geldstrafe von höchstens 20 Tagessätzen.

Richter Dominik Skauradszun verhängte letztlich wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung eine Geldstrafe von 45 Tagessätzen zu jeweils 20 Euro. Da er schon bei der Polizei hospitiert habe, wisse er, dass eine solche Kontrolle in der Regel 30 Sekunden daure. Die Wurzel von so viel Übel sei hier die Fahrt mit Alkohol. „Dann ist auch noch die Täter-Opfer-Rolle verdreht worden, das werte ich als strafverschärfend.“ Die Rechtmäßigkeit der Diensthandlung durch den Beamten sehe er als gegeben.

Info: Amtsrichter: Dominik Skauradszun; Staatsanwalt. Tobias Handschell; Nebenklage: Maximilian Schlereth, Verteidiger: Axel Oswald.

Lesen Sie dazu auch “Mit Engelszungen” in der Mittwochsausgabe des Schwäbischen Tagblatts.

Stadträtin Sabine Gross wegen fahrlässiger Körperverletzung verurteilt
Stadträtin Sabine Gross gestern vor ihrer Verhandlung beim Reutlinger Amtsgericht.Bild: de Marco

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13.11.2012, 12:00 Uhr

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