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Die Sicherheit geht vor

Stadtverwaltung und Feuerwehr verteidigen verschärfte Vorgaben beim Brandschutz

Immer wieder sorgen verschärfte Brandschutz-Anforderungen für Unmut, ob bei öffentlichen Veranstaltungen oder bei privaten Neubauten. Die Reutlinger Stadtverwaltung hat jetzt deshalb bei einem Pressetermin die Hintergründe aufgezeigt.

27.08.2015
  • Matthias Reichert

Reutlingen. Brandschutz sorgt immer wieder auch in Reutlingen für stöhnende Veranstalter – ob die Künstlerinnenvereinigung Gedok im Spitalhofsaal wegen breiter Fluchtwege weniger Platz für Gemälde und Skulpturen hat als früher oder ob das sommerliche Open-Air-Kino womöglich künftiger weniger als 600 Stühle in den Spitalhof stellen darf. Dahinter steckt nicht etwa Bürokratie, unterstreicht Ottmar Haar, der Leiter des städtischen Bürgerbüros Bauen. „Die Tendenz ist klar: Die Standards sind höher geworden – zu Gunsten von mehr Sicherheit.“

Es geht um vorbeugenden Brandschutz. 1984 wurde in Baden-Württemberg der zweite Rettungsweg für neue Wohn- und Betriebsstätten Pflicht. 2010 wurde die Landesbauordnung, die Bibel des Baurechts, erneut geändert. Seither gilt eine Einteilung in fünf Gebäudeklassen. Demnach hängen die Brandschutzanforderungen nicht mehr von der Gebäudehöhe ab, sondern von der Nutzung – also auch davon, wie viele Personen sich dort aufhalten. Und 2014 wurde der Einbau von Rauchmeldern in Schlafräume und Rettungswege verbindlich vorgeschrieben.

Die Feuerwehr ist für den „abwehrenden Brandschutz“ zuständig – also das Retten und Löschen bei Bränden. Durch die neuen Brandmelder habe es laut Stadtbrandmeister Harald Herrmann zuletzt 50 zusätzliche Alarmierungen gegeben, ein Drittel davon waren Kleinbrände.

Doch die neuen Vorgaben liegen vor allem an veränderten Bauweisen. Heutzutage sind Häuser besser wärmegedämmt, es gibt Niedrigenergiehäuser, teils aus Holz, – was das Brandrisiko erhöht. Denn das Rauchgas kann im Brandfall nicht aus den gedämmten Räumen abziehen. So kommt es zu Explosionen, sogenannten Rauchgasentzündungen, wenn die Wehr beim Einsatz die Türen öffnet. „Das Problem ist nicht das Feuer, sondern der Rauch“, sagt Herrmann. Deshalb seien die verschärften Brandschutz-Standards kein Grund zu Klagen, sondern vielmehr Voraussetzung für die Schadensabwehr.

„Wir brauchen Rettungswege“, sagt der Stadtbrandmeister. Außerdem müsse die Feuerwehr größere Brand-Abschnitte definieren, die im Notfall teils aufgegeben werden können. Nötig seien Brandmeldeanlagen und Sprinkler. Weiter brauche es Wände oder Türen, die dem Feuer eine bestimmte Zeit standhalten.

Die Voraussetzungen dafür schaffe das Baurecht. Bei Neubauten muss die geltende Brandschutzverordnung eingehalten werden. Sachverständige und Feuerwehr wirken deshalb bei den Planungen der Architekten mit. Haar sagt, der oft gehörte Vorwurf, die Feuerwehr sei für Kostensteigerungen bei Neubauten verantwortlich, greife nicht. Denn: „Der Planer schuldet dem Bauherren ein genehmigungsfähiges Werk.“

Altbauten genießen Bestandsschutz – erhöhte Standards wirken sich hier nicht aus. Die Ausnahme sind so genannte „Sonderbauten“: darunter Hochhäuser, Verkaufsräume, Büros und Gewerbeflächen über 400 Quadratmetern, Schulen und Hochschulen, Kindergärten, Seniorenheime, Krankenhäuser und Versammlungsräume. Hier gibt es alle fünf Jahre „Brandverhütungsschauen“ mit der Feuerwehr, um die Gefahrenpotenziale zu erkennen und zu beseitigen. Bei Sonderbauten muss die Evakuierung möglich sein, bevor die Feuerwehr da ist, weil so viele Menschen nicht auf die Drehleitern passen – deshalb werden an Schulen und Rathäusern neue Außentreppen als zweite Rettungswege gebaut.

„Wir wollen Schwachstellen mit Augenmaß beseitigen“, sagt Haar. „Nicht, um die Eigentümer zu plagen, sondern für die Sicherheit. Sonst haben wir im Schadensfall auch ein Haftungsproblem.“ Auch bei Sondernutzungen wie Festen in Fabrikhallen oder in Festzelten müssen sich die Veranstalter mit Stadtverwaltung und Feuerwehr zusammensetzen. „Kosten diese Lösungen Geld, stößt man auf Unverständnis“, weiß der Leiter des Bürgerbüros Bauen.

Stadtverwaltung und Feuerwehr verteidigen verschärfte Vorgaben beim Brandschutz
Die 2009 angebaute, der denkmalgeschützten Architektur angepasste Außentreppe am Reutlinger Rathaus.Bild: Stadt

Die Stadt Reutlingen gibt laut Peter Geier, dem Chef des Gebäudemanagements, jährlich rund 300 000 Euro für Brandschutz aus. In den Jahren 2008 und 2009 kostete der Umbau dafür allein am Rathaus sogar knapp 1,5 Millionen Euro. Weitere 2,2 Millionen wurden damals am Bildungszentrum Nord verbaut. Von außen sieht man seither nur die neuen Rettungstreppen (im Bild die am Rathaus) – aber viel teurer sind Notausgänge, Brandschutztüren, Rauchabzugsanlagen und Brandmeldeanlagen. Bei Neubauten wie den Flüchtlingswohnungen in Modulbauweise im Hammerweg wird der Brandschutz bereits in die Planungen integriert, damit man später nicht teuer nachrüsten muss.

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27.08.2015, 12:00 Uhr

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