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Geschenk für die Konzerne

Stadtwerke-Chef: AKW-Laufzeiten sichern Stromriesen-Vormacht

Die deutschen Atomkraftwerke sollen 10 bis 15 Jahre länger am Netz bleiben. Wie überall bei den kommunalen Versorgungsbetrieben sorgte Bundeskanzlerin Angela Merkel mit dieser Ankündigung auch bei den Tübinger Stadtwerken für Unverständnis und Ärger.

01.09.2010
  • Sepp Wais

Achim Kötzle, der Energie-Chef bei den Tübinger Stadtwerken, nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn er gefragt wird, was er von Merkels Ausstieg aus dem Atomausstieg hält: „Solange kein umfassendes Energiekonzept vorliegt, hat das mit einer seriösen Energiepolitik nichts zu tun. Das ist ganz offenbar Wirtschaftspolitik – so nennt man das gerne, wenn man den Konzernen Geld zuschiebt.“

Stadtwerke-Chef: AKW-Laufzeiten sichern Stromriesen-Vormacht
Auch ohne Aussicht auf große Gewinne investieren die Tübinger und Horber Stadtwerke vier Millionen Euro in den Ausbau des Horber Flusskraftwerks, um das energetische Potenzial des Neckars optimal auszuschöpfen. Die auf üppige Renditen erpichten Stromkonzerne würden sich auf so ein Projekt kaum einlassen. Bild: Seidel

Im konkreten Fall geht es um runde 60 Milliarden Euro, die bei einer Verlängerung der Laufzeiten in den Kassen der vier AKW-Betreiber Eon, RWE, EnBW und Vattenfall klingeln würden. Laut Kötzle hat dieses „enorme Geschenk“ für die Atomwirtschaft fatale Folgen für die kommunalen Versorgungsunternehmen: „Damit können die vier Stromriesen ihre Vormachtstellung am Markt weiter ausbauen.“

Bei dieser Kritik macht der Stadtwerke-Chef keinen Hehl daraus, dass er die Atommeiler auch aus ökologischen Gründen lieber heute als morgen abgeschaltet wüsste. „Die bestehende Reaktor-Generation sollte vom Netz – wegen unkalkulierbarer Restrisiken und weil die Endlagerfrage nicht geklärt ist,“ meint der Kernphysiker, und legt dabei Wert auf die Feststellung, dass er durchaus wisse, wovon er rede: „Ich hab’ selbst während meiner Promotion in einem Forschungsreaktor experimentiert.“ Sein Wunsch: „Die Forschung sollte weitergehen.“

Stadtwerke-Chef: AKW-Laufzeiten sichern Stromriesen-Vormacht
Dr. Achim Kötzle

Mehr aber nicht, denn dafür gebe es keinen vernünftigen Grund. Die Behauptung, man brauche die „Atom-Brücke“ ins Zeitalter der erneuerbaren Energien mindestens noch bis 2035, ringt Kötzle nur ein Lächeln ab: „Glauben Sie mir, es wird kein einziges Licht ausgehen. Spätestens seit ihrer Unterschrift für den Ausstiegsvertrag müssen die Atomkonzerne ihre Pläne für die Zeit danach längst in der Schublade haben.“

Das Lieblingsargument der Atomlobby, längere AKW-Laufzeiten würden Betrieben und Haushalten billigen Strom bescheren, weist Kötzle zurück. Tatsächlich habe der Strompreis so gut wie nichts mit dem Kraftwerkspark zu tun: „Von 2000 bis 2008 ist der Großhandelspreis um das Fünffache hochgeschnellt, um dann rasch wieder auf die Hälfte abzustürzen – und derweil hat sich am Kraftwerkspark praktisch nichts geändert.“

Die „Mär vom billigen Atomstrom“ kann laut Kötzle nur verbreiten, wer entweder sein Publikum täuschen will oder aber keine Ahnung davon hat, wie die Preise an der Leipziger Strombörse zustande kommen. Dort gelte die eherne, wenn auch für Laien nur schwer nachvollziehbare Regel: „Das teuerste Kraftwerk, das ans Netz muss, um den Bedarf zu decken, bestimmt den Preis.“ Die Folge: Der Atomstrom geht nicht etwa mit seinen Gestehungskosten von zwei Cent pro Kilowattstunde an den Großhandel, sondern – wie der Strom aus allen anderen Quellen – mit derzeit knapp sechs Cent.

Keine Chance auf fairen Wettbewerb

Das bringt den Konzernen, die ihren mit Abstand billigsten Strom in den längst abgeschriebenen Atommeilern produzieren, viel Geld ein. Ihre Abnehmer und letztlich die Verbraucher haben dagegen nichts vom billigen Atomstrom. Im Gegenteil, so Kötzle: „Sie leiden darunter, weil die Extra-Profite aus den alten Meilern die Atomkonzerne in die Lage versetzen, ihre marktbeherrschende Stellung weiter auszubauen.“

Die vier Großen decken 80 Prozent der deutschen Stromproduktion ab. Ihre überwiegend aus kommunalen Versorgern bestehende Konkurrenz hatte seit rot-grünen Zeiten gehofft und darauf gebaut, dass diese Übermacht mit dem gesetzlichen Atomausstieg bis zum Jahr 2022 schwindet. „Die Abschaltung“, so Kötzle, „würde den Anteil der Konzerne an der Erzeugung auf 50 Prozent reduzieren und damit uns kleinen Anbietern endlich die Chance auf fairen Wettbewerb eröffnen.“

Eine Laufzeit-Verlängerung mit der Auflage, einen noch nicht näher bezifferten Teil der Zusatzgewinne in erneuerbare Energien zu stecken, bewirke genau das Gegenteil: „Damit können die Großen ihre marktbeherrschende Stellung auch auf diesem Feld ausbauen – mit geschenktem Geld, während wir unsere Investitionen in Wind-, Wasser- und Sonnenenergie aus eigener Kraft erwirtschaften müssen.“

Dass die Tübinger Stadtwerke deshalb nun ihren Kurs ändern und den Umstieg auf Öko-Strom bremsen, steht laut Kötzle jedoch nicht zu befürchten: „Wir machen auf jeden Fall weiter – mit unserer Beteiligung an dem Windpark in der Nordsee ebenso wie mit der Suche nach neuen Standorten für den Ausbau der Wind- und Wasserkraft in der Region.“ Und auch an der Förderung der Solarenergie werde sich so wenig ändern wie am durchaus nicht immer profitablen Betrieb der eigenen Heizkraftwerke.

Denn das macht für Kötzle den Unterschied: „Anders als die vier Konzerne, die auf eine Kapitalrendite von 20 Prozent und mehr schielen, sind wir schon mit sieben Prozent ganz zufrieden.“ Damit eröffne sich die Möglichkeit, auch dann noch in den Umweltschutz zu investieren, wenn dabei für die Betriebsbilanz nur wenig oder nichts herausspringe. Aktuelles Beispiel: „So ein Projekt wie den Ausbau des Flusskraftwerks in Horb, wo wir alles, was im Neckar steckt für die Stromgewinnung herausholen, hätten die Großen nie angepackt.“

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01.09.2010, 12:00 Uhr

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