Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Stadt will mehr Energiewende

Stadtwerke und Stadt Rottenburg kritisieren zu restriktive Bestimmungen zum Naturschutz

Die Rottenburger Stadtwerke wollen am Neckar bei Sulzau ein kleines Wasserkraftwerk bauen. Das geht nicht ohne Eingriffe in Schutzgebiete. Von Landratsamt und Regierungspräsidium erhoffen sich die Stadtwerke eine positive Gesamtabwägung.

09.07.2015
  • Gert Fleischer

Rottenburg.Vor fast zweieinhalb Jahren berichtete das TAGBLATT über die Bestrebungen der Stadtwerke Rottenburg (SWR), in die Energiewende zu investieren. Einen Teil zur Stromerzeugung aus regenerativer Energie könnte ein Flusskraftwerk in Sulzau beitragen. Basis dafür war eine 2011 veröffentlichte Untersuchung des Regionalverbands Neckar-Alb zur Wasserkraftnutzung.

Frühzeitig bezogen die Stadtwerke die zuständigen Stellen beim Landratsamt und beim Regierungspräsidium ein. Da wurde geklärt, wieviel Wasser dem Neckar für die Energiegewinnung entnommen werden kann, ohne das ökologische Gleichgewicht im Fluss zu schädigen. Fische wie Barben, Nasen und Äschen leben dort im Neckar und haben, jede Art für sich, eigene Ansprüche an ihre Umgebung. Das Gutachten wurde in eine technische und wirtschaftliche Machbarkeitsstudie einbezogen.

Diplom-Ingenieur Matthias Schneider von der SJE Ecohydraulic Engineering GmbH in Stuttgart und Diplom-Biologe Johannes Ortlepp vom Büro für Gewässerökologie Mürle & Ortlepp in Öschelbronn stellten die Studie am Dienstagabend dem Rottenburger Gemeinderat vor. Ihr Ausgangspunkt waren zwei mögliche Wasserkraftwerke zwischen den Starzacher Ortsteilen Börstingen und Sulzau.

Schnell sei deutlich geworden, dass die größere Variante, die das dem Fluss entnommene Wasser durch den Eisenbahntunnel geführt hätte, nicht wirtschaftlich wäre. Somit blieb die Reaktivierung des alten Mühlkanals. Nach Bewertung behördlicher Einwendungen kam letztlich der Einbau einer Wasserkraftschnecke in Betracht. Sie ähnelt im Aufbau einem Fleischwolf: Wasser läuft in die schräg gelagerte Schnecke und bringt sie in Rotation.

Weil solche Schnecken technisch einfach und nicht sehr teuer sind, wäre bei einer Investition von 1,4 Millionen Euro „ein kleiner positiver Deckungsbeitrag zu erwarten“, schreiben SWR und Stadtverwaltung in ihrer Sitzungsvorlage. Allerdings wäre dafür die Wasserführung im ehemaligen Mühlkanal notwendig (im Bild oben ist er als „Triebwasserkanal“ bezeichnet). Die Experten stellten fest, dass solch ein Wasserzufluss die Auenwälder im angrenzenden FFH-Gebiet beeinträchtigt (FFH steht für Flora-Fauna-Habitat, FFH-Gebiete sind europarechtlich fixierte Schutzgebiete). Das heißt, der Preis für den Bau einer Wasserkraftanlage steigt erheblich, denn die Beeinträchtigung dieses FFH-Schutzgebiets muss irgendwie ausgeglichen werden.

Den Einfluss der Wasserkraftanlage auf die dortigen Lebensräume bewerten Fachleute gemäß der FFH-Richtlinien als „erheblich“. Es gingen fast ein Prozent der Auenwälder verloren und 1,6 Prozent schlammiger Flussufer mit Pioniervegetation. Umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen und auch Änderungen in der Anlagenkonzeption wären nötig.

Noch nicht eingehend untersucht ist, wie sich der Anstau des Neckars auf Schutzgebiete auswirkt. Auch nicht die Folgen, die die Neubauten des Wasserkraftwerks für die Natur hätten. Artenschutzbetrachtungen wurden noch gar nicht angestellt.

Bei allen Schädigungen der Natur muss es auch ökologische Vorteile geben, sonst wäre das Projekt sinnlos. Ortlepp sagte, die Stromerzeugung aus Wasserkraft bei Sulzau könnte pro Jahr 450 Tonnen an Kohlendioxid-Ausstoß ersparen, also des Gases CO2, das als Klimakiller bezeichnet wird. Dieses Gas entstünde, wenn der Strom durch den Einsatz von Kohle oder Öl erzeugt würde.

Schneider und Ortlepp ziehen dieses Fazit für ein Wasserkraftwerk „Neumühle“, wie es genannt wird: Der Verlust des Auenwalds verbietet zunächst den Bau des Kraftwerks. Ließe sich eine „maßgebliche günstige Auswirkung für die Umwelt“ nachweisen, könnte eine Ausnahmeregelung greifen. Nach Ansicht der Stadtwerke überwiegen die guten die schlechten Auswirkungen auf die Natur.

Nun müssen die SWR abwarten, wie die Abwägung der Behörden ausfällt. Wie bei vielen anderen Projekten zum Ausbau der erneuerbaren Energien stünden politische Ambitionen nach einer Energiewende „im Widerspruch zu behördlich-administrativen Regelungen“, heißt es in er Sitzungsvorlage. Die Hürden seien nur schwer zu überwinden und verhinderten den Bau ökologisch sinnvoller Energieerzeugungsanlagen bei der Windenergie wie bei der Wasserkraft. Den Gesetzgebern sei es bisher nicht gelungen, klarere Vorgaben für behördliche Abwägungsentscheidungen zu geben, die bei ökologisch vertretbaren Eingriffen der Energiegewinnung aus erneuerbaren Quellen Vorrang einräumen. Mit derzeit geltenden Bestimmungen sei ein ambitionierte Ausbau erneuerbarer Energieformen nicht möglich.

Oberbürgermeister Stephan Neher wunderte sich, dass dort nicht etwa seltene Fischarten geschützt werden. Es gehe um Fische, die gezüchtet und in den Neckar eingesetzt werden, um ein Stück weiter flussabwärts von Anglern wieder rausgefischt zu werden. Neher: Man muss irgendwann mal Farbe bekennen – so wie die Landesregierung vorige Woche gesagt hat, die Windkraft hat Vorrang vor dem Vogelschutz. Damit ist das Tötungsverbot partiell aufgehoben.“

Stadtwerke und Stadt Rottenburg kritisieren zu restriktive Bestimmungen zum Naturschutz
So etwa könnte das Ausleitungskraftwerk „Neumühle“ bei Sulzau aus der Luft aussehen. Wasser würde vom Neckar abgezweigt, durch den Golfplatz geleitet und dem Fluss ein Stück abwärts wieder zugeführt. Zuvor ginge das Wasser durch Wasserkraftschnecken, die Strom erzeugen. Bild: Stadtwerke Rottenburg

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

09.07.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball