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Blasphemie mit Federvieh

Stammtisch „Unser Huhn“ lud zum betreuten blasphemischen Karikieren ein

Wo lässt es sich besser über Gott und die Welt reden als am Stammtisch? „Unser Huhn“ lud zum „gemütlichen blasphemischen Abend“ – als Reaktion auf den Charlie-Hebdo-Anschlag.

15.01.2015

Tübingen. Karikieren muss von Kikeriki kommen. Oder von Kritzeln. Das könnte wahr sein, muss aber nicht. Doch die Karikaturen, die am Dienstagabend in der Tübinger Parkgaststätte entstanden sind, lassen den Schluss zu. Der Stammtisch „Unser Huhn“ – seit Jahrzehnten Satire-Institution der Stadt – lud öffentlich zum „gemütlichen blasphemischen Abend“. Auf dem Programm stand unter anderem: betreutes Gotteslästern, Verhöhnung von allerlei Heiligem und Besudelung der Volksgesundheit.

Der Andrang war nicht ganz so groß wie gestern an den französischen Zeitungskiosken. Zwei Interessierte kamen in die Tübinger Parkgaststätte und machten damit das Stammtisch-Dutzend knapp voll. Eine Männerrunde, wie sich das für einen Stammtisch gehört. Erst zu später Stunde kam noch eine junge Frau dazu, das Huhn im Korb sozusagen.

Einer der beiden Gäste schlug nach allerlei gotteslästerlichem Zitieren von Tucholsky, Nietzsche und Schopenhauer vor, „eine viertel oder halbe Stunde über Frankreich zu reden“. Kein übler Vorschlag, er wurde nicht umgehend in die Tat umgesetzt, doch wohlwollend aufgenommen. Über Gott hatte man schließlich schon viel geredet und Frankreich gehört zweifelsohne zur Welt, der anderen Hälfte eines jeden Stammtisch-Kosmos.

Wer könnte eine verlässlichere Betreuung in Sachen Blasphemie anbieten als „Unser Huhn“? Lang und groß und schillernd und kämpferisch ist die Stammtisch-Geschichte der antiklerikalen Abwehr in der Universitätsstadt. Vor Jahren lud „Unser Huhn“ in den Club Voltaire, um eine neue Religion zu gründen. Wer das Rennen damals machte, weiß niemand mehr so genau. Wahrscheinlich war es Odetta. Oder die barbusige Josephine Baker, die damals mit Hegel und einem Eichhörnchen ins Rennen ging. Auch den Atheisten-Bus hatte der Stammtisch damals nach Tübingen geholt. Lange ist das alles her. Heute gibt es neue Herausforderungen. Schließlich stand an diesem Abend noch das Karikieren und Betexten von allerlei Heiligem auf dem Programm.

Bevor es ans Dienstagsmalen ging, wagte der frankophile Neuankömmling einen erneuten Versuch: „Wollen wir jetzt über Frankreich reden?“ Doch Papier und Stifte lagen schon bereit. Und auch der ein oder andere Spruch war vorformuliert, zum Beispiel (analog zu „Das ist das Haus vom Nikolaus“): „Das ist das Bett von Mohammed.“ Eine Herausforderung mit acht Strichen, die – inklusive Nachttopf! – nur Hans-Joachim Fuchs meistern konnte. Und er setzte noch ein Statement oben drauf: „Satire ist nicht lustig, Satire geißelt, will aufzeigen. Am besten ist sie, wenn einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Sie muss Grenzen überschreiten.“ Da blieb an diesem Abend eigentlich nur noch eine Frage offen: „Ihr wollt nicht mehr über Frankreich reden, oder?“ Madeleine Wegner

Stammtisch „Unser Huhn“ lud zum betreuten blasphemischen Karikieren ein
Selten zeigt das Maskottchen so verschämt die Hühnerbrust.Bild: Wegner

Stammtisch „Unser Huhn“ lud zum betreuten blasphemischen Karikieren ein
Dies ist selbstverständlich keine Mohammed-Karikatur, sondern ein Porträt von Stadtrat Häns Dämpf.

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15.01.2015, 12:00 Uhr

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