Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Industrie und Innovation

Starke Wirtschaft auf der Südschiene

Bayern und Baden-Württemberg positionieren sich als „Technologieachse Süd“. Das ist mehr als nur ein Marketingbegriff.

28.04.2017
  • HELMUT SCHNEIDER

Zwei Schlüsselerlebnisse hatten die beiden Industrie- und Handelskammern Augsburg und Ulm, beide betrafen die Infrastrukturpläne der Bahn. Im Falle Augsburgs war es der Bau der ICE-Trasse von München über Ingolstadt nach Nürnberg, der den Wirtschaftsraum Schwaben in den Schatten zu stellen drohte. „Passiert uns das jetzt wieder“, fragte sich Augsburgs IHK-Präsident Andreas Kopton, als es um den Widerstand gegen Stuttgart 21 und den Bau der neuen Bahntrasse nach Ulm ging.

Koptons Ulmer Kollege Peter Kulitz nennt das drohende Scheitern von Stuttgart 21 gewissermaßen als Erweckungserlebnis der regionalen Wirtschaft in Ulm und um Ulm herum. Der Ulmer IHK-Präsident sagte damals wie heute: „Eine starke Achse braucht eine starke Infrastruktur.“

Dass die beiden Südlichter Bayern und Baden-Württemberg wirtschaftlich stark sind, mag noch einigermaßen bekannt sein. Doch welch starke Achse sie gemeinsam bilden, war bislang weder untersucht, noch der Politik und Öffentlichkeit nahegebracht worden. Eine Studie des Prognos-Instituts, die jetzt vorgestellt wurde, belegt die Vermutung der wirtschaftlichen Vormachtstellung mit konkreten Zahlen.

Prognos-Autor Tobias Koch ist sich ziemlich sicher, dass der Wirtschaftsraum, der jetzt als „Technologieachse Süd“ zum Begriff und Werbeträger gemacht wird, in Europa mit an der Spitze, in Deutschland alleinige Spitze ist. Zumindest unter dem Gesichtspunkt Technologie- und Forschungsstandort ist das so.

Entlang der Technologieachse Süd – sie reicht von der französischen bis zur österreichischen Grenze und führt entlang der A 8 von Karlsruhe über Stuttgart, Ulm, Augsburg nach München – werden beispielsweise knapp 32 Prozent aller deutschen Patente angemeldet. In den Sparten Kfz/Motoren/Maschinen ist es knapp die Hälfte, bei Elektrotechnik/Nachrichtentechnik sowie Metallbearbeitung/Werkzeugmaschinen sind es jeweils mehr als 40 Prozent.

Die Studie stellt ferner fest, dass die Technologieachse Süd ein herausragender Standort industrieller Fertigung ist. 279 Mrd. EUR Jahresumsatz machen die Industrieunternehmen hier, das sind knapp 16 Prozent des gesamten bundesdeutschen Industrieumsatzes. Der Bevölkerungsanteil ist nämlich mit 12 Prozent (oder 9,7 Mio. Einwohnern) deutlich niedriger.

Industrielle Fertigung hängt von der Verfügbarkeit über gute Infrastruktur ab. Das ist die politische Schlussfolgerung, die die Wirtschaft im starken Süden zieht. „Standortentscheidungen sind heute Entscheidungen über die Infrastruktur“, sagt IHK-Präsident Kulitz. Darunter verstehen er und seine Mitstreiter nicht nur Autobahn und Schiene, sondern auch Datenautobahnen. Dass die süddeutsche High-Tech-Region hier enormen Aufholbedarf hat, sei offensichtlich.

Der Schulterschluss, den vier Kammern (mit Stuttgart folge bald die fünfte) über die Landesgrenzen hinaus bilden, war keine Selbstverständlichkeit. Zumal die beiden Wirtschaftsmetropolen München und Stuttgart ein ganz anderes Profil (und auch bisweilen ein anderes Selbstverständnis) aufweisen als die kleinere Region Ulm/Augsburg.

Künftig will man auf der Technologieachse Süd noch mehr als bisher an einem Strang ziehen. Wie das beim Rangeln um Bundes- oder EU-Geldern, bei möglicherweise unterschiedlichen Konzepten der Regional- oder Wirtschaftsförderung aussehen wird, werde sich am konkreten Fall zeigen müssen.

Vorerst hat man sich jetzt der eigenen Stärke wissenschaftlich versichert und will dies auch selbstbewusst vertreten. „Wir müssen dieses Bewusstsein bilden“, sagt Otto Sälzle, Chef der IHK Ulm. Die Botschaft geht nicht zuletzt nach Berlin. Denn von der Bundespolitik erwarten die Wirtschaftsvertreter aus dem Süden Unterstützung beim Ausbau der Infrastruktur.

Augsburgs Kammerpräsident Kopton zählt die Wunschliste auf: Ausbau der Autobahnen im Ballungsraum Stuttgart; eventuell Modernisierung der Bahnhöfe; Ausbau der Flughäfen, zum Beispiel in Memmingen; Anbindung des Flughafens München an eine erweiterte S-Bahn-Stammstrecke (Baubeginn eben erst erfolgt); Ausbau der Containerbahnhöfe (Dornstadt bei Ulm wird hier als positives, Augsburg als negatives Beispiel genannt); Voraussetzungen schaffen für den Lang-LKW (was an einem konkreten Beispiel in Baden-Württemberg blockiert werde). Und schließlich der Ausbau der Datenautobahn. Kopton wörtlich: „Da haben wir noch einen ganz weiten Weg.“

Aus Sicht der Wirtschaft entscheidet dieser Weg über die Zukunftsfähigkeit. So stark der Süden auch sei, er dürfe sich nicht in trügerischer Sicherheit wähnen, dass dies auch künftig so sein wird. „Wir dürfen uns nicht abhängen lassen“, sagt Kulitz. „Selbstgenügsamkeit ist der erste Schritt ins Abseits“, sagt er auch und erinnert daran, dass die Technologieachse Süd aus dem globalen Blickwinkel eben doch nur eine Region von vielen ist.

Für die Wirtschaft zählen immer die alten Themen: Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und die Rahmenbedingungen, die dies befördern; Grenzen zählen für sie weniger. Dies könne man nicht oft genug betonen. Insofern sehen sich die bayerisch-schwäbischen Wirtschaftskammern auch in einer Vorreiterrolle.

Die Technologieachse Süd ist für Kulitz auch in einem übergeordneten Sinn von Bedeutung: „Wir müssen unsere Stärken verstärken statt ständig an unseren Schwächen herumzunörgeln.“

Kennzahlen und Schwerpunkte

Auf 400 Milliarden Euro beläuft sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Technologieachse Süd. Das ist vergleichbar mit der Wirtschaftskraft von Schweden, Polen oder Belgien. Die Region hat sich vor allem auf diese sieben Leitbranchen fokussiert: Fahrzeug-/Luftfahrzeugbau, Maschinenbau, Elektro, unternehmensnahe Dienstleistungen, IT-Dienstleistungen, Medien/Telekommunikation sowie Chemie/Pharma. Die IHK-Regionen haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte (siehe Grafik). ⇥hes

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

28.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball