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Stundenlange Verhöre und Psycho-Folter

Stasi-Opfer über ihre Erlebnisse im DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck

„Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit“, mahnte Birgit Schlicke, ehemals politische Gefangene im Stasi-Gefängnis Hoheneck, bei der Frauenunion anlässlich des Mauerfalls vor 25 Jahren.

11.10.2014
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. „Ich kann auf Chorreisen nicht in Stockbetten schlafen. Stockbetten erinnern mich an Hoheneck“, erzählte die 45-jährige Birgit Schlicke am Mittwoch im Gespräch mit Moderatorin Claudia Hofreiter vor 25 Interessierten im Martinshof. Als 19-Jährige war Schlicke 1988 verhaftet worden, weil sie ihrem Vater geholfen hatte, einen Brief an eine westdeutsche Menschenrechtsorganisation zu schreiben. „Ich konnte nicht wissen, dass diese Organisation von der Staatssicherheit (Stasi) unterwandert war.“

Zuvor war Schlicke bereits die Zulassung zum Abitur verweigert worden. „Als bekennende Christin hatte ich in der Schule immer wieder Probleme, ich wurde von den Lehrern gedemütigt und von den Mitschülern ausgelacht“, berichtete sie. In der Schule hätten sie auch Wehrsport machen müssen, etwa mit Handgranatenattrappen werfen. „Da habe ich mich geweigert mitzumachen und musste mich anschließend vor einem Klassentribunal verantworten“, sagte Schlicke.

Entscheidend für den Entschluss, einen Ausreiseantrag zu stellen, seien bei ihr zwei Faktoren gewesen: „Ich hatte bereits mit 14 Jahren Brieffreunde in Amerika, die ich nicht besuchen konnte.“ Außerdem sei sie in der Kirche engagiert gewesen, „wo man politischer redete.“

Konstanze Koch wurde 1977 als 21-jährige bei einem Fluchtversuch verhaftet. Die Rottenburgerin will im TAGBLATT nur mit ihrem Mädchennamen genannt werden. „Mein Mann leidet noch heute darunter, dass der von ihm geplante Fluchtversuch verraten wurde“, erzählte sie. Weil ihr Vater selbstständiger Handwerker war und sie kritische Fragen stellte, wurde Koch das Abitur und die Zulassung zum Medizinstudium verweigert. Als sie sich im Bulgarienurlaub in einen Rottenburger verliebte, entschloss sie sich zur Flucht.

Als schlimmste Zeit empfanden beide Frauen die Stasi-Untersuchungshaft. Stundenlange Verhöre, enge Zellen, Psycho-Folter. Dann ein Urteil, das bereits vorher feststand: das Stasi-Gefängnis Hoheneck. Eine alte Gefängnisburg mit Backsteinfassade. Ungeheizt auch im Winter. Die Toiletten im Pausenraum ohne Sichtschutz. Gemeinsam mit Kriminellen mussten die politischen Gefangenen im Akkord Bettwäsche für den Export nähen – für Neckermann und Quelle, die sich bis heute nicht zur Zwangsarbeit der politischen Gefangenen geäußert haben. Wer sich weigerte zu arbeiten, kam 21 Tage in eine Dunkelzelle. Das Kommando in den Zellen und bei der Arbeit führten linientreue Langzeitgefangene, die nichts mehr zu verlieren hatten. „Es gab keine Solidarität unter Gefangenen. Da warst du Wolf unter Wölfen“, sagte Schlicke.

Unter den „Wachteln“ – so nannten die Frauen ihre Aufseherinnen – habe teilweise sadistische Willkür geherrscht. „Die haben dich beim Einschluss mal zwei Stunden vor der Zelle stehen lassen oder dir beim Duschen das Wasser abgedreht, solange du noch Schaum in den Haaren hattest.“ Nicht aus eigener Erfahrung, aber aus Erzählungen kennen beide die Wasserzelle, in der Frauen gefoltert wurden, indem man sie stundenlang im kalten Wasser stehen ließ.

Hoffnung machte den Frauen nur die Aussicht, von der Bundesrepublik freigekauft zu werden. Für Konstanze Koch erfüllte sich diese Hoffnung 1979. Birgit Schlicke wurde erst acht Tage nach dem Mauerfall entlassen. Ihre Zuhörer mahnte sie, die Anzeichen für den Beginn einer Diktatur zu erkennen und Einspruch zu erheben. „Denn Freiheit und Demokratie sind keine Selbstverständlichkeit. Das haben wir leider deutlich erfahren.“

Stasi-Opfer über ihre Erlebnisse im DDR-Frauenzuchthaus Hoheneck
Birgit Schlicke (rechts im Bild, hier im Gespräch mit Moderatorin Claudia Hofreiter) berichtete von ihrer Gefangenschaft im DDR-Gefängnis Hoheneck. Bild: Zimmermann

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11.10.2014, 12:00 Uhr

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