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Kommentar

Statt mit Ruhm mit Ruß bekleckert

Exitus – das teuerste Kohlekraftwerks-Projekt Europas ist am Ende. Endlich, der Tod auf Raten dauerte schon viel zu lange. Ursprünglich wollte der Südweststrom-Verbund (SWS) die zwei Meiler in Brunsbüttel 2014 ans Netz bringen. Dann hieß es 2017 und 2019.

19.07.2012

Schließlich verlegte man sich in der Tübinger SWS-Zentrale aufs „aktive Abwarten“. Derweil sprangen immer mehr Investoren ab, auch die Schweizer Repower AG, die über ein Drittel des benötigten Kapitals beibringen wollte.

Mit einem Investitionsvolumen von drei Milliarden Euro war das SWS-Projekt das größte Rad, das je von Tübingen aus ins Rollen gebracht wurde. Doch die Anschieber hatten keine Chance. Wie soll man einen auf Jahrzehnte angelegten Giga-Bau solide kalkulieren, wenn die Politik alle paar Jahre, mitunter fast über Nacht, die Rahmenbedingungen umschmeißt? Erst rein, dann wieder raus aus der Energiewende, nach Fukushima wieder rein und demnächst – so sieht‘s derzeit aus – wohl wieder raus.

Angesichts dieses erbärmlichen Eiertanzes der schwarz-gelben Regierung könnten einem die Südweststromer fast leidtun, wenn sie ihr Riesenrad nicht von Anfang an in die falsche Richtung gerollt hätten. Neue Kohlekraftwerke passen umwelt- und energiepolitisch nicht mehr in die Landschaft – nichtmal in eine öde Industriebrache an der Elbmündung. Mit einem jährlichen Output von zehn Millionen Tonnen hätten die SWS-Meiler den gesamten Kohlendioxid-Ausstoß von Schleswig-Holstein glatt verdoppelt. Was Wunder, dass sich betroffene Bürger zu Zehntausenden erbittert zur Wehr setzten.

Man stelle sich nur mal vor, die Hamburger Elektrizitätswerke wären auf die Idee gekommen, ein Kohlekraftwerk ins Neckartal zu pfropfen, vielleicht oberhalb von Hirschau. Ob der Tübinger Rathaus-Chef dieses Vorhaben ähnlich freundlich begrüßt hätte wie die Kohleöfen in Brunsbüttel? Boris Palmer hat das Südweststrom-Projekt samt städtischer Beteiligung nicht angestoßen, aber er hat es zeitweise sehr offensiv vertreten – im wesentlichen mit zwei schlichten Argumenten, die nicht nur die eigenen Parteifreunde an dem grünen Blaumacher zweifeln ließen.

Erstens sagte Palmer, ein neues Kohlekraftwerk sei aus ökologischer Sicht besser als ein altes. Das ist wohl richtig – so richtig wie die Behauptung, dass neue Atomkraftwerke sicherer sind als die alten Reaktoren. Und zweitens versprach sich Palmer von dem Milliardenprojekt, dass es für die beteiligten Stadtwerke genügend Geld abwirft, um den Oligarchen im Stromgeschäft Paroli bieten zu können. Hat man dafür den Südweststrom-Verbund gegründet und als grünen David gefeiert, dass er die Energieriesen mit deren schmutzigen Waffen schlägt?

Wie auch immer – der wag- und wendehalsige Hauruckstil in der deutschen Energiepolitik hat den Kraftwerksplanern diese Tour gründlich vermasselt. Jetzt kommt es für den Südweststrom-Verbund darauf an, den Schaden, insbesondere den Imageschaden zu begrenzen, den er sich in Brunsbüttel eingehandelt hat. Am besten geht das mit neuen Ideen und weiteren Projekten zur Einsparung, Produktion, Verteilung und Speicherung von Öko-Strom. Da gibt‘s noch viel zu tun.

Sepp Wais

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19.07.2012, 12:00 Uhr

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