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Literatur

Steile Brüste und letzte Wahrheiten

Drei Tage nach Martin Walsers 91. Geburtstag kommt heute sein neuer Roman in den Handel.

27.03.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Er muss weiterschreiben. Immer weiter gegen das Ende anschreiben. „Das Papier beziehungsweise der Roman ist die letzte Hoffnung.“

Justus Mall sagt das, die erzählende Hauptfigur, nicht der Autor selbst, Martin Walser. Aber bei aller Ironie und literarischen Spielerei liest sich auch das neue Buch des gerade 91 Jahre alt gewordenen Großmeisters vom Bodensee, das heute in den Handel kommt, als eine offen versteckte Selbstauskunft. Als das disparate Dokument eines Schriftstellers der letzten Sätze, der unverdrossen auf Gegenwart pocht.

Auch in „Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte“, einem nur gut 100 Seiten dünnen Roman, geht es um die Moral, um eine gekränkte Seele, um Selbstmitleid – und um die große Liebe, genauer: um „Altersgeilheit“. Also ein echter Walser.

Justus Mall war Oberregierungsrat im bayerischen Justizministerium, zuständig für Migration – bis er in der Münchner Oper, in der zweiten Pause von „Tristen und Isolde“, nach dem Liebesakt, einer jungen Frau mit einem Zeigefinger kurz auf „die gleißende Schenkelrundung“ tippt. Blöd, dass das Grapsch-Opfer eine Praktikantin der „Süddeutschen Zeitung“ war und der Fall deshalb publizistisch Skandal machte. Vorgezogene Pensionierung, Namenswechsel. Und aus dem Oberregierungsrat wird ein Philosoph, der sich natürlich nicht den Mund verbieten lässt: So schreibt er einen Blog, Briefe an die besagte unbekannte Geliebte, vom 30. Oktober 2016 an datiert bis „hoch im Sommer“ 2017. Denn darum geht's immer: „Ich werde nicht aufhören, mich mitzuteilen.“

Martin Walser unverdrossen bei einer seiner Lieblingsaufgaben: dem gesellschaftlichen Zündeln. Die MeToo-Debatte bereichert er mit einer Abhandlung über „steile Brüste“. Und seinem Justus Mall gefällt US-Präsident Donald Trump, weil der so „furchtbar ehrlich ist“, auch weil er die Luftwaffenbasis der Syrer bombardieren ließ, weil er auf den entsetzlichen Anblick ermordeter Kinder reagiert hat. Trump, ein Geistesverwandter: „Ich hab schon mehr als einmal bei Nahestehenden Unverständnis und Missbilligung geerntet durch nichts als meine Empfindungen.“

Rechtfertigungsgelaber, hoch Poetisches, Altherren-Liebesgesülze, spitze Gesellschaftskritik und Triviales. Dieser Justus Mall zeigt in seinen aufgeschriebenen Selbstgesprächen das ganze Walser-Repertoire. Der Leser schlingert zwischen berührt und Fremdschämen.

Natürlich ist das alles Rollenprosa. Aber man sieht immer Martin Walser vor sich, der immer weiter schreibt gegen die Endlichkeit. Jürgen Kanold

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27.03.2018, 06:00 Uhr

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