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Wetzsteine aus Wendelsheim

Steinmetz findet einen mehr als hundert Jahre alten Werkstein

Bei Arbeiten an einer Weinbergmauer in Rottenburg entdeckte Harald Straub eine Steinplatte, aus der vor mehr als hundert Jahren Wetzsteine gehauen worden sind. Der Stein ist eine geologische Besonderheit der Region.

14.08.2012
  • KRistina Weimer

Wendelsheim. Es ist ein besonderer Fund, den der Wendelsheimer Steinmetz Harald Straub vor ein paar Wochen beim Abriss einer alten Weinbergmauer machte: Die gefundene Steinplatte mit den Umrissen herausgebrochener Wetzsteine zeigt ein Stück Wendelsheimer Handwerksgeschichte.

Bereits vor Wochen musste die Mauer einer neuen weichen und die alten Steine wurden erst einmal zur Seite gelegt. Immer wieder kam Straub dort vorbei. Irgendwann fielen ihm die regelmäßigen Einkerbungen an einem der Steinbrocken auf. Selbst vertraut mit der Arbeit am Stein, kam er zu dem Schluss, dass aus der Platte bereits vor mehr als hundert Jahren Wetzsteine gehauen worden waren.

Wendelsheim war damals bekannt für seine Wetzsteine, die sogar bis nach Südtirol verkauft worden sind. Grund dafür war das Material: Der Wendelsheimer Schilfsandstein war als Werk- und Baustoff hervorragend geeignet.

Als Wetzstein bezeichnet man ein Gerät zum Schärfen von Klingen, besonders von Sensen, Messern und Sicheln. Heute wird das Schärfen stattdessen oft mit einem Schleifband erledigt.

Der Schilfsandstein gilt als geologische Besonderheit. Er ist vor circa 225 Millionen Jahren aus sandigem Verwitterungsschutt entstanden Dieser wurde über große Flüsse vom Norden nach Süddeutschland transportiert. Die Lebewesen im Wasser und die Pflanzen am Ufer des Flusses lassen sich noch heute in großer Zahl als Versteinerungen im Gestein finden. Die Pflanzen waren auch der Grund für den Namen Schilfsandstein. Allerdings sind tatsächlich keine Schilfhalme zu sehen, sondern Schachtelhalme und Farne.

Die grün-graue, zum Teil auch intensiv rote Farbe des Schilfsandsteins kommt vom hohen Mineraliengehalt. Diese und die vielen Fossilien-Einlagerungen sind die Besonderheiten des Schilfsandsteins. Er ist eine geologische Rarität, die in Regionen außerhalb Baden-Württembergs nicht zu finden ist.

1997 wurde der heute fachlich korrekte Name „Stuttgart-Formation“ auf Empfehlung von Manfred Paul Gwinner, einem Stuttgarter Geologen, eingeführt. Im Volksmund heißt er aber noch heute Schilfsandstein aufgrund der leichteren Verständlichkeit.

Nicht nur als Wetzstein wurde er häufig eingesetzt, sondern auch zum Bau von Häusern, Brücken, Kirchen und Monumentalbauten. Heute wird er vor allem zur Renovierung historischer Gebäude wie zum Beispiel dem Kölner Dom verwendet.

Die Steinplatte, die Harald Straub fand, war allerdings nicht für so Großes bestimmt. Straub vermutet, dass einst Lehrlinge Wetzsteine aus dem Brocken herausarbeiteten – so viel wie möglich. Dabei meißelte der angehende Steinmetz zuerst die Form des Wetzsteins auf die Platte und hieb dann den Stein heraus. Dabei versuchte er die gesamte Fläche auszunutzen. Auch auf der Rückseite des gefundenen Steins sind diese schiffchenförmigen Bearbeitungen zu sehen.

Was übrig blieb, warf der Steinmetz auf den Müll. Von diesen Schuttbergen suchten sich die Winzer aus der Region passende Steine aus und verwendeten sie beim Anlegen ihrer Weinbergmauern. Die Mauern waren nötig, um den Hang zu stützen.

Nicht nur die Winzer versorgten sich auf diese Weise. Auch in alten Häusern in Wendelsheim finden sich hin und wieder Bruchstücke von vermauerten Steinmetzarbeiten. Erst vor kurzem hatte Straub auf der Treppenstufe eines alten Hauses eine Inschrift entdeckt. Nach sorgfältiger Restauration hängt die geborgene Tafel heute am Eingang zum Wendelsheimer Friedhof.

Den Wetzstein würde Harald Straub als Zeugnis der Wendelsheimer Handwerksgeschichte gerne erhalten. Er hat bereits Gespräche mit dem Ortsvorsteher geführt. Sollte die Gemeinde kein Interesse daran bekunden, wird er den Stein in seiner Obhut behalten.

Steinmetz findet einen mehr als hundert Jahre alten Werkstein
Aus dieser Steinplatte, die auf einem anderen Stein liegt, wurden früher Wetzsteine gemeißelt. Neben der ovalen Einkerbung von einem alten Wetzstein ist eine moderne Variante davon zu sehen. Mit solchen Wetzsteinen zieht man Sensen ab, damit sie wieder scharf sind.Bild: Weimer

Steinmetz findet einen mehr als hundert Jahre alten Werkstein
Steinmetz Harald Straub Archivbild: Mozer

Beim Märchensee oberhalb von Wendelsheim befindet sich ein mittlerweile stillgelegter Steinbruch. Dort wurde der Schilfsandstein abgebaut, um weiterverarbeitet oder weiterverkauft zu werden. Bis in die 60er Jahre war der Steinbruch in Betrieb, und viele Wendelsheimer Familien waren dort als Steinbrecher angestellt.

Heute ist das Gebiet am Pfaffenberg beliebtes Ausflugsziel. Der unter Naturschutz stehende Märchensee, der den hinteren Teil des Steinbruchs mit Wasser füllt, ist Ziel vieler Wanderer. Seinen Namen verdankt er der mysteriösen Entstehungsgeschichte. Praktisch über Nacht hatte er sich gebildet. Vermutlich war ausgetretenes Grundwasser dafür verantwortlich.

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14.08.2012, 12:00 Uhr

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