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Stelldichein von Rittern und Gauklern
Die Artisten vermitteln dem Publikum das Gefühl, auf einem historischen Jahrmarkt zu sein. Foto: Ferdinando Iannone
Spektakel

Stelldichein von Rittern und Gauklern

Die Mittelalter-Gemeinde, die immer mehr Zulauf findet, präsentiert sich in der Alten Kelter in Fellbach. Darsteller und Besucher bieten einen Mix aus vielen Jahrhunderten.

05.03.2018
  • UWE ROTH

Fellbach. Vor 1000 Jahren quälten sich Händler mühsam mit Holzkarren übers Land. Heute reisen sie bequem im Camper an. Am Samstag und Sonntag parken in Fellbach (Rems-Murr-Kreis) die Wohnmobile mittelalterlicher Marktbetreiber wie eine Wagenburg rund um die über 100 Jahre alte Kelter. 50 fahrende Händler, Handwerker, Musiker, Gaukler und Artisten warten in der Halle auf zahlendes Volk, das auch zahlreich kommt. Viele Besucher erscheinen in historischen Kostümen. Solches Bemühen um Echtheit wird an der Kasse belohnt: „Seid gegrüßt holdes Weib“, empfängt Marktleiter Thomas Zierfuß eine Besucherin und stellt mit einem Blick wohlwollend fest: „Ihr seid gewandet.“ Das Mittelalter-Outfit, egal welche Vorstellung man darüber hat, wird mit einem Preisnachlass belohnt – sechs statt acht Euro Eintritt.

Geschichtlich betrachtet, prallen beim „Fellbacher Umschlag“ (von „Waren umschlagen“) Modeströmungen aus vielen Jahrhunderten aufeinander. Schließlich dauerte das Mittelalter beinahe 1000 Jahre, bevor es im 16. Jahrhundert so langsam in die Neuzeit überging. Es flanieren Rittersleute über den Markt, wilde Kerle, einfache Leute bis hin zu Bettlern, aber ebenso vornehme wie Wolfram aus Schwäbisch Hall. Sein Kostüm ist prächtig, von edlem Stoff, mit eingewobenen Goldfäden im Brokat. Seine nicht weniger herrschaftlich gekleidete Gattin hat die Kostüme geschneidert, wie Wolfram nicht ohne Stolz sagt. Sogar die Brille passt zur Gesamtoptik: kleine, runde Gläser, schwarzes Gestell. Ob er die selbst hergestellt hat? „Nein“, sagt Wolfram, „die habe ich bei Fielmann gekauft.“

Solche Kompromisse mit der Neuzeit würde der Ritterausstatter Thias aus der Nähe von Passau nicht zulassen. Seine Brille gleicht zwar der vom Optiker, ist aber mit einem Holzrahmen handgefertigt. „Solche optischen Gläser hat es damals schon gegeben“, versichert er. Händler Thias ist in der Marktsaison mit seiner schweren Ware jedes Wochenende woanders. Ein Schauschwert gibt es ab 79 Euro, das teuerste kostet knapp 500. Die Ritterhelme liegen bei 300 Euro. Sie seien klassisch geschmiedet aus tschechischer Produktion. In Deutschland gefertigt seien solche Einzelstücke unbezahlbar. Die Geschäfte liefen ganz gut, sagt er: „Die Gemeinde wird immer größer. Und je länger man dabei ist, umso genauer soll die Kleidung aussehen.“ So lebt Thias auch von Stammkunden.

Wer sein Kostüm selbst schneidern möchte, kann sich den Stoff beim Tuchhändler „auf dem Weg“ besorgen. Das ist mittelalterlich für fahrender Händler. „Seit 26 Jahren mache ich das hauptberuflich. Ich habe den Beruf quasi wiedererfunden“, berichtet er. Aus Europa besorgt er sich die Ware. Die Technik zur Herstellung der Stoffe sei über die Jahrhunderte sei nahezu gleich geblieben. Nur die Maschinen seien sehr viel schneller geworden. Deswegen könne er seine Stoffe zu marktfähigen Preisen anbieten. Das Internet als Vertriebsweg scheut er allerdings. Er ist lieber von März bis Ende September auf dem Weg.

Die Haselfrau aus Sersheim (Landkreis Ludwigsburg) hat einen Internetauftritt. Auf dem Markt bietet sie in einem Zelt Kartenlegen an – abwechselnd mit ihren Kolleginnen der Wanderhexe und der Seelenhüterin. „Die drei Wichele“ nennen sie sich. Auch ihnen geht die Arbeit nicht aus: „Es kommen immer mehr Ratsuchende. Vor allem jetzt auch jüngere Männer“, stellt die Haselfrau fest.

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05.03.2018, 06:00 Uhr

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