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Keine Dorfkirche

Stellungnahme der Denkmalpflege zu Sülchen

Beate Schmid von der Abteilung Denkmalpflege des Regierungspräsidiums stellte am Freitag bei der Pressekonferenz des Ordinariats die Grabungsbefunde unter dem Chor der Sülchenkirche vor. Wir dokumentieren ihre Rede in Auszügen.

29.09.2012
  • ST

Rottenburg. „Das römische Rottenburg (Sumelocenna) lag an einem Neckarübergang der bedeutenden Straße von Windisch über Rottweil zum Limes bei Köngen. Das (. . .) stadtartige Verwaltungszentrum wurde wohl nach den Alamanneneinfällen in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts aufgelassen.

Der Bau der Osttangente und das Neubaugebiet „Lindele“ gaben seit 1980 immer wieder Anlass zu archäologischen Ausgrabungen. Inzwischen lässt sich die Siedlung auf einer rund 40 Hektar großen Fläche nachweisen. Sie gehört damit zu den größten Siedlungswüstungen in Baden-Württemberg; etwa 10 Prozent der Gesamtfläche sind bisher archäologisch untersucht. Dabei wurden mehrere hundert Grubenhäuser (. . .), geschotterte Straßen, Vorratsgruben, Öfen und Brunnen freigelegt und dokumentiert sowie ein reichhaltiges Fundmaterial geborgen, das den Zeitraum vom späten 3. bis frühen 14. Jahrhundert abdeckt.

(. . .) Der Name dieser Siedlung „Sülchen“ wird um 500 als „Solich“ und 1057 als „Sulicha“ urkundlich erwähnt. (. . .) Wohl seit dem 6. Jahrhundert war Sülchen Zentrum eines Verwaltungsbezirks, eben des Sülchgaus; hier wurde das Königs- oder Reichsgut von einem Gaugrafen verwaltet. In dieser Zeit dürfte auch die Kirche gegründet worden sein, wie ihr Martinspatrozinium vermuten lässt. 1057 wurden die Reste des Königsgutes dem Bistum Speyer geschenkt. Damit verlor der Sülchgau seine Bedeutung als Verwaltungsbezirk. 1198 wird das Dorf Sülchen letztmals genannt.

Im 11./12. Jahrhundert begann die Wiederbesiedlung auf den Ruinen von Sumelocenna – „Rotenburg“ entstand. Es gelangte ab 1170 in den Besitz der Grafen von Hohenberg und erhielt etwa um 1270 Stadtrechte. Als Verwaltungsmittelpunkt der Grafschaft Hohenberg war Rottenburg offenbar so attraktiv, dass Sülchen allmählich aufgegeben wurde und endlich im frühen 14. Jahrhundert wüst fiel. Lediglich die Kirche in Sülchen blieb als Pfarrkirche der neuen Stadt bestehen. Noch um 1450 wurde sie neu gebaut (. . .). Aber um 1485 gingen die Pfarreirechte samt dem Patrozinium St. Martin an die vorherige Liebfrauenkirche, den heutigen Dom, über. Die Sülchenkirche blieb Friedhofskapelle und wurde schließlich im 19. Jahrhundert zur Grablege der Bischöfe des neu gegründeten Bistums Rottenburg-Stuttgart. (. . .) Die Sülchenkirche steht als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung im Denkmalbuch.“

Des weiteren schilderte Beate Schmid die Befunde der Grabung, die wir im nebenstehenden Artikel „Bischofsgruft wird verlegt“ zusammengefasst haben. Nachfolgend nun die Schlüsse, die sie daraus zieht:

„Karolingische Kirchen mit Dreiapsidenchor sind bisher aus Süddeutschland nicht bekannt, wohl aber aus der Schweiz (Müstair, Mistail u. a.), aus Norditalien und Frankreich. Überträgt man den Grundriss der Klosterkirche St. Johann von Müstair, Unesco-Weltkulturerbe, auf den Dreiapsidenchor unter der Sülchenkirche, ergibt sich eine verblüffende Übereinstimmung. Möglicherweise stehen Nord- und Südwand der spätgotischen Kirche auf karolingerzeitlichen Fundamenten.

(. . .) Eine frühe Kirche dieser Bauweise und Größenordnung kann keine einfache Dorfkirche gewesen sein; sicherlich besteht ein Zusammenhang mit dem Grafensitz in Sülchen und dessen Blütezeit im frühen und hohen Mittelalter. (. . .) Die für unsere Region außergewöhnliche Bauform der karolingerzeitlichen Kirche ist nur vor dem Hintergrund enger Südkontakte zu verstehen, wie sie damals sowohl auf hochadeliger als auch auf kirchlicher Ebene bestanden.“

Stellungnahme der Denkmalpflege zu Sülchen
Beate Schmid

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29.09.2012, 12:00 Uhr

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