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Das Jugendrotkreuz bestimmte das Leben von Erika und Rudolf Baer

Stets im Einsatz mit sozialem Anspruch

Ohne Erika und Rudolf Baer gäbe es diese Erfolgsgeschichte womöglich nicht. Das Tübinger Ehepaar gründete vor über 50 Jahren das Jugendrotkreuz. Heute zählt es im Kreis Tübingen zwölf Ortsgruppen mit rund 200 Mitgliedern zwischen sechs und 27 Jahren.

10.04.2012
  • Ute Kaiser

Tübingen. Wer mit dem Gründerpaar des Jugendrotkreuzes (JRK) spricht, wird gut unterhalten. Denn Erika und Rudolf („Rudl“) Baer stecken voller Erinnerungen. Das Rote Kreuz hat sie zusammengebracht und später große Teile ihres Lebens bestimmt.

Baers Vater, ein Arzt, leitete Ende der 1950er Jahre an einem kalten Oktobertag eine Großübung. Mit dabei Erika Baer, die 1958 ins Rote Kreuz eingetreten war. Bibbernd saß sie mit anderen Frauen in einem Opel. „Sie hat mir gefallen“, sagt Rudolf Baer verschmitzt. Der gelernte Industrie- und Verlagskaufmann war seit 1958 als freier Mitarbeiter für die Werbung des Roten Kreuzes zuständig.

Es sollte nicht lange dauern, bis die beiden 1960 in Tübingen das JRK ins Leben riefen. Erfahrungen als Gruppenleiter hatte Baer beim Christlichen Verein junger Männer gesammelt. Außerdem stammt er aus einer „alten Offiziersfamilie“. Das Führen habe er „in den Genen“.

Stets im Einsatz mit sozialem Anspruch
Erika Baer

„Wir sind immer weiter reingerutscht“, fasst der heute 73-Jährige die Aufbauphase des JRK zusammen. Bei der Gründung fing es mit gerade mal vier Mitgliedern an. Das änderte sich in den ersten fünf Jahren rasant. Schon 1965 gab es in Tübingen zwölf Gruppen mit 120 Mitgliedern. Das JRK wuchs, so Erika Baer, „durch Mundpropaganda“. Aber sie warb dafür auch in Schulen, etwa samstags im Biologieunterricht.

„In Tübingen war die Zusammenarbeit mit den Bereitschaften gut“, sagt Rudolf Baer. Er war gemeinsam mit seiner Frau Leiter des JRK im Kreisverband Tübingen. Sie bis zur Familienpause 1969, er machte bis 1977 weiter – mit vollem Mitspracherecht im DRK-Vorstand. Wollte jemand die Unabhängigkeit des JRK bedrohen, konnte er fuchsig werden – wie sehr, ist noch heute am plötzlich streng werdenden Blick zu sehen. Der wird sofort milder, wenn Baer an die gute Zusammenarbeit aller Jugendorganisationen damals im Stadtjugendring denkt.

„Das Wichtigste beim JRK waren die Grundsätze“, sagt Erika Baer. Alle Kinder und Jugendlichen waren dort willkommen – „ohne Vorbehalte“. Ihre Staatsangehörigkeit, ihre Hautfarbe, der soziale Status ihrer Familien sollte keine Rolle spielen. Die Baers waren für sie nicht nur fachliche Anleiter, sondern auch Ansprechpartner bei Problemen.

Stets im Einsatz mit sozialem Anspruch
Rudolf Baer

Das DRK feiert das 50-jährige Bestehen des JRK erst in diesem Jahr. Denn erst nach und nach gründeten sich 32 Gruppen im Kreis Tübingen. Als letzte kam nach der Kreisreform Ergenzingen hinzu. Das Jugendrotkreuz im Kreisverband hatte damals rund 530 Mitglieder. Neben den Sanitätstrupps gab es den technischen Trupp, den Bautrupp, den Sozialtrupp, der für die Verpflegung sorgte, und den so genannten Mimtrupp.

1961 begann der überzeugte Jugendrotkreuzler Baer, der selbst als ehrenamtlicher Rettungssanitäter ausgebildet war, mit einem Projekt, das viel Zeit fraß: der realistischen Unfalldarstellung (RUD), die heute Notfalldarstellung heißt. Damit ist das Schminken und das Mimen von Unfallopfern etwa bei Übungen gemeint. An den Wochenenden entwickelte Baer einen Lehrplan. Den ersten Lehrgang hielt er 1962 in der DRK-Landesschule in Pfalzgrafenweiler. Es sollten rund 150 folgen. Dass der langjährige Leiter des RUD-Teams auf Landesebene auch in Rhetorik, Didaktik und Menschenführung geschult ist, spüren seine Gesprächspartner noch heute.

Als besonders spektakulär erinnert Baer eine Übung im Schönbuch bei Pfrondorf. Das Szenario: Ein Flugzeug war abgestürzt und brannte. Rund 300 Mimen waren im Einsatz. Ums Mimen ging es auch bei der JRK-Laienspielgruppe. Die traf sich regelmäßig zum Proben im Kornhaus, in dem das DRK bis 1975 untergebracht war. Unter der Regie von Erika Baer traten die Jugendlichen in und um Tübingen mit ihren Stücken wie „Das große Fass“ auf.

Stets im Einsatz mit sozialem Anspruch
Beim Pfingstlager tragen Jugendrotkreuzler zu hellblauen Hemden Schlipse aus Dreieckstüchern, die beim Verbinden nützen.

Die Kostüme waren selbst geschneidert. Als ehemaliger Rhythmusgitarrist in einer Swing-Band baute Rudolf Baer in Tübingen eine eigene JRK-Gruppe mit 17 Gitarren und einem Banjo auf. Auch sie feierte bei Auftritten Erfolge. „Wir waren nie daheim“, sagt Erika Baer. Viele Wochenenden saß sie am Telefon der Leitstelle im Kornhaus. Als Schiedsrichter bei Erste-Hilfe-Wettbewerben war sie landesweit gefragt.

Im JRK sahen die Baers stets mehr als einen Verein für Erste Hilfe – bei allem Wert, der auf die Ausbildung gelegt wurde. Die Mitglieder von zwölf bis 25 Jahren (Über-18-Jährige waren Leiter und Ausbilder) fuhren zu Pfingstlagern oder gingen im Hochgebirge wandern. Auch als Erika und Rudolf Baer 1965 heirateten, waren rund 80 Jugendrotkreuzler mit Wimpel und Banner sowie etwa 60 Erwachsene von der Bereitschaft dabei. „Es war die größte Hochzeit Tübingens“, sagt die 72-jährige Altstadtbewohnerin und strahlt noch heute.

Stets im Einsatz mit sozialem Anspruch
Ein Sanitätstrupp versorgt bei einer Übung einen Verletzten. Bilder: Baer

Das Soziale spielte immer eine Rolle. Jugendrotkreuzler besuchten Altersheime und lasen vor. Sie sangen und musizierten in Kliniken. Sie gingen für alte und behinderte Menschen einkaufen, holten Kohlen, hackten Holz und begleiteten sie bei Spaziergängen. Sie richteten Nikolausfeiern für Kinder aus armen Familien aus, sammelten Spielzeug, schickten Pakete nach Afrika, arbeiteten mit anderen Jugendorganisationen zusammen und wirkten bei allen Aktionen des DRK im Kreis Tübingen mit. Sie schoben Freibad- und Sportplatzdienste, waren bei Großveranstaltungen, bei Übungen und Erste-Hilfe-Kursen im Einsatz.

Erika und Rudolf Baer, der von 1977 an stellvertretender Kreisbereitschaftsführer war, haben für ihr Engagement viele Auszeichnungen bekommen – von der Landesehrennadel über die Verdienstmedaille des DRK Baden-Württemberg bis zur Ehrenplakette des französischen Roten Kreuzes und des DRK der DDR. Doch das bewegendste Erlebnis war für ihn ein Einsatz im Rettungswagen in den 1960er Jahren. Er hat auf der Fahrt von Rottenburg nach Tübingen geholfen, ein Mädchen auf die Welt zu bringen: „In Kiebingen war es da.“

Bilder: Sommer

Das Jugendrotkreuz feiert am Sonntag, 15. April, einen „Heldentag“. Für die jungen Gäste und ihre Eltern gibt es von 14 bis 18 Uhr Programm auf dem DRK-Gelände im Tübinger Steinlachwasen 26. Sie können sich Notarzt- und Rettungswagen ansehen, Mini-Zeltlager und die Leitstelle erkunden, sich informieren, welche Aufgaben es beim DRK gibt und den DRK-Nachwuchs bei Schau-Übungen beobachten. Wer möchte, kann auf einem Erste-Hilfe-Parcours Punkte sammeln, auf einer Hüpfburg toben, die wie ein Rettungswagen aussieht, sich schminken lassen und einen Plüsch-Teddy transportieren und verbinden. Auch für Essen und Trinken hat das DRK gesorgt.

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10.04.2012, 12:00 Uhr

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