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Stille Nacht,
heilige Macht
Im Dauerwahlkampf: Seit dem Frühjahr wird plakatiert. Foto: dpa
Österreich

Stille Nacht, heilige Macht

Am Sonntag entscheidet sich, ob der Grüne Alexander von der Bellen oder der Rechtspopulist Norbert Hofer Präsident wird. Beide vermeiden scharfe Töne.

03.12.2016
  • NORBERT MAPPES-NIEDIEK

Graz. Wer das Tütchen Weingummi und die Postkarte mit dem lächelnden Alexander van der Bellen wohl nehmen wird? „Meistens weiß man es schon vorher“, sagt Judith Schwentner, Abgeordnete der Grünen, die in Graz wahlkämpft. Untrügliche Zeichen sind offener Blick, offenes Hemd, offener Mantel: Da kommt sicher ein freundliches Kopfnicken, ein einvernehmliches Lächeln.

„Den wähl‘ ich eh“, versprechen der Politikerin im Vorbeigehen reihenweise junge Leute im Studentenalter – ängstlich darauf bedacht, nur ja nicht für Hofer-Wähler gehalten zu werden. Bei den Familien, die in Trauben vom Bahnhof her in die Altstadt gelaufen kommen, ist dagegen wenig zu holen. Stur vorbei schließlich gehen die Leute mit den bunten Freizeitjacken und den langweiligen Schuhen. „Steckt's euch das wohin“, schimpft leise eine Frau in den Fünfzigern, ein wenig erschrocken vor der eigenen Vulgarität.

Seit die Österreicher im März zum ersten Mal zur Wahl eines Präsidenten an die Urnen gerufen wurden, hat der Wahlkampf nach und nach seinen Sinn verloren – nicht nur der klassische mit Foldern und Kundgebungen. Erhitzte Kontroversen in der Straßenbahn finden nicht mehr statt. Zu Hause vor dem Computer versichern die geborenen Wähler des einen und des anderen Kandidaten in ihren Facebook-Blasen einander ihre Gesinnungstreue. Zu diskutieren gibt es ohnehin nichts. In der ersten Runde ließ der Grüne van der Bellen noch mit der Ankündigung aufhorchen, er würde als Präsident den rechten Scharfmacher Heinz-Christian Strache nicht zum Bundeskanzler machen. Der „Blaue“ Norbert Hofer von der FPÖ wollte dagegen die Regierung entlassen, „wenn sie dem Land Schaden zufügt“. Beide wollen nichts mehr davon hören.

Vor der US-Wahl im Oktober dann, nach einem abgesagten zweiten Wahlgang, stritten nicht mehr links und rechts. Jetzt standen „oben“ gegen „unten“, „Establishment“ gegen „Volk“. Das Stichwort war von Norbert Hofer gekommen, dem Biedermann aus dem Burgenland. Gleich als die beiden das erste Mal zu einem Fernsehduell aufeinander trafen, zählte van der Bellen, der gelassene, stets ein wenig selbstironische Wirtschaftsprofessor, die vielen Prominenten auf, die sich für ihn aussprachen: der früheren EU-Kommissar Franz Fischler etwa, einen Mann der konservativen ÖVP. „Sie haben die Hautevolee“, konterte der brave Hofer, „ich habe die Menschen.“

Anders als im einkaufsflustigen Graz trifft man in der Kleinstadt Kapfenberg, 50 Autominuten nördlich, Wählermassen überhaupt nur an Werktagen. Aber selbst dann ist vor der Edelstahlfabrik von Böhler-Uddeholm das Verteilen von Werbematerial vergebene Liebesmüh. Grimmig kommen die Arbeiter aus dem Werkstor, den Blick auf den Boden geheftet. „Ich geh‘ eh nicht wählen“, sagt ein Endzwanziger, der einzige, der sich zu einem Kommentar herablässt. „Und wenn doch, dann bestimmt nicht diesen Deppen!“ Elfi, eine Lehrerin um die 60, die hier Van-der-Bellen-Postkarten verteilen will, ist erschüttert: „Wieso wird dieser durch und durch freundliche, ganz und gar gemäßigte Kandidat bloß so sehr gehasst?“

Van der Bellen hätte die Rolle nicht annehmen müssen. „Establishment“ sind die Grünen in Österreich wirklich nicht. Noch immer umweht ein leiser Hauch von Verruchtheit und Marihuana die ewige Oppositionspartei. Aber als die Rolle des großen Repräsentanten sich bot, griff van der Bellen bereitwillig zu. Reihenweise bekannten sich Prominente und Mächtige zu dem einstigen Rebellen. Umgekehrt schminkte dessen Wahlkampfteam den durch und durch urbanen Zigarettenraucher zum Alm-Öhi um, ließ ihn in Trachtenjacke auftreten.

Ausländer nicht mehr Thema

Die Rolle des Rebellen bleibt dagegen frei; auch Hofer will sie nicht. Im krassen Gegensatz zu seinem Gesinnungsgenossen Donald Trump vermeidet der 45-Jährige peinlich jeden konfrontativen Ton. Die „Ausländer“, sonst stets der Joker jeder FPÖ-Kampagne, sind kein Thema mehr.

Nur nicht anecken, keine Angriffsfläche bieten: Der Wahlforscher Peter Filzmaier hat für den krassen Unterschied zum US-Wahlkampf eine plausible Erklärung. Trumps rüpelhafter Ton habe in den USA mit ihrer traditionell niedrigen Wahlbeteiligung erst einmal erfolgreich für Aufmerksamkeit gesorgt. In Österreich sei das dagegen nicht nötig. Tatsächlich zeigen Umfragen, dass die Wähler am Sonntag auch noch ein drittes Mal an die Urnen gehen gehen.

Aber es gibt noch eine andere Erklärung für die Stille. Wahlkämpfe sind für die offene Bühne, Politik wird hinter den Kulissen gemacht: Dieses ungeschriebene Gesetz Österreichs hat auch der Streit um das Präsidentenamt nicht außer Kraft gesetzt. Die Parteien nehmen bereits Aufstellung für die nächste Schlacht. Letzte Woche traf sich SPÖ-Bundeskanzler Christian Kern zu einem überraschend artigen Meinungsaustausch mit Heinz-Christian Strache, dem FPÖ-Chef, der unter einem Präsidenten Hofer Kanzler werden will. Für van der Bellens Team ein Schreck: Wer soll sich noch vor einem Hofer fürchten, wenn der Kanzler sogar mit dem angriffslustigen Strache so gut kann? Umgekehrt schallt es aus Kerns Umgebung zurück: Nach dem Treffen könne Hofer sich schlecht noch als Alternative zum Parteienkartell verkaufen.

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03.12.2016, 06:00 Uhr

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