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Stinkender Nachttopf

Literatur: 175 Jahre „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

Heinrich Heine, „der Liebhaber der Freiheit“, sah vor 175 Jahren sein reaktionäres Heimatland mit anklagendem Spott: „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

25.09.2019

Von dpa

„Die Tage wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, da reist‘ ich nach Deutschland hinüber.“ Foto: Jens Kalaene/dpa

Berlin. Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht.“ Heinrich Heines berühmtester Gedichtanfang gehört wohl zu den am häufigsten falsch zugeordneten Sätzen in der deutschen Literatur. Die beiden Verse eröffnen nämlich nicht – wie oft vermutet – das große Epos „Deutschland. Ein Wintermärchen“, sondern bilden den Auftakt zum schlanken Gedicht „Nachtgedanken“.

Nicht weniger düster allerdings beginnt das „Wintermärchen“: „Im traurigen Monat November war‘s, die Tage wurden trüber, der Wind riss von den Bäumen das Laub, da reist‘ ich nach Deutschland hinüber.“ Der Winter 1843/44 steht bevor: Der 46-jährige Heine verlässt sein französisches Exil, in dem er seit mehr als zehn Jahren lebt, und macht sich auf nach Hamburg zu einem Besuch von Mutter und Verleger.

Aus der Reise entsteht das Gedicht mit seinen 27 Kapiteln und mehr als 500 vierversigen Strophen – dazu ein Heimatbild zwischen emotionalem Sehnsuchtsort und piefigem Kleinstaaterei-Mief. An diesem 25. September vor 175 Jahren erschien das „Wintermährchen“ – seinerzeit noch mit „h“ – erstmals gedruckt als Abschluss und Höhepunkt des Buches „Neue Gedichte“ im Verlag Hoffmann und Campe.

Foto: ©Sarah2/Shutterstock.com

„Heine hat das Gedicht in einer Zeit geschrieben, als Deutschland von einer großen Restauration betroffen war, einer Erstarrung“, sagt die Direktorin des Heinrich-Heine-Instituts in Düsseldorf, Sabine Brenner-Wilczek. Seinerzeit umfasst der Deutsche Bund mehrere Dutzend souveräne Staaten, in denen häufig Anläufe zur demokratischen Teilhabe nach Französischer Revolution und Vormärz zurückgedrängt werden.

Heines Blick auf Deutschland ist der eines Humanisten: Der Verfechter von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit malt das pessimistische Bild eines reaktionären Biedermeiers. Der Dichter sei „einer, der nicht vom Schmerz zersto?rt werden will“, schreibt Ex-Bundespräsident Joachim Gauck im Vorwort zur Jubiläumsausgabe, die im November bei Hoffmann und Campe erscheint. „Der Liebhaber der Freiheit“ verschaffe sich mit Spott, Ironie und Angriffslust „Luft zum Atmen“.

Seine Etappen über Aachen und Köln nach Hamburg flankiert Heine mit Träumen, Fantasie-Dialogen und symbolischen Szenen. In seinem hochästhetischen Text räumt er mit dem Erinnerungskult der Romantiker auf. Der mittelalterliche Barbarossa etwa, der senile Kaiser, „watschelte durch die Sääle“ des legendären Kyffhäusers, um mit dem „Pfauenwedel“ Staub von Harnischen und Pickelhauben zu wischen. „Heine bürstet auf eine sehr geschickte Art und Weise den Mythos gegen den Strich, der damals Barbarossa und der ganzen früheren Stärke viel zu viel Glanz und Gloria beimaß“, sagt Brenner-Wilczek.

Romantiker mit Ironie: Heinrich Heine wurde 1797 in Düsseldorf als Sohn eines jüdischen Tuchhändlers geboren. 1831 ließ er sich als Korrespondent in Paris nieder und wirkte als geistiger Mittler zwischen Deutschland und Frankreich. 1844 erschien „Deutschland. Ein Wintermärchen“. Der große romantische Dichter Heine verstarb 1856 und ist in Paris begraben. Foto: dpa

Als die Hamburger Stadtgöttin dem Ich-Erzähler einmal einen Blick in die Zukunft Deutschlands gewährt, eröffnen sich ihm entsetzliche Düfte. Es ist nämlich der stinkende Nachttopf. „Es war, als fegte man den Mist aus sechs und dreißig Gruben“ – also deutschen Staaten.

Schon während der Reise schreibt Heine eine Urfassung, die er seiner Schwester Charlotte übergibt. „Heiße Ware damals“, sagt die Heine-Expertin Brenner-Wilczek. Die Handschrift kommt später zerstückelt in Umlauf, noch heute entdeckt das Heine-Institut immer wieder neue Teile. Die Begeisterung für den Dichter ist seinerzeit immens.

Brenner-Wilczek nennt die Erstausgabe einen „ganz mutigen Schreibakt“. Nach dem Erscheinen wird der Text in Preußen und den meisten Bundesstaaten sofort beschlagnahmt. Selbst Rezensionen des „Wintermärchens“ sind verboten. Der Obrigkeit ist der politisch engagierte Satiriker wegen seiner revolutionären Ansichten schon seit Jahren ein Dorn im Auge. Er wird per Steckbrief gesucht.

Dennoch sollte Heine nicht zu einem Dichter der Umwälzung verklärt werden. Er habe „zu allen Revolutionen und revolutionären Bewegungen und zu allen Parteien und Parteilichkeiten trotzdem noch Kritisches erwähnt“, sagt die Direktorin des Heine-Instituts. Keine Vision sei bei ihm ungebrochen, er bleibe ein kritischer Geist.

Hymnisch, polemisch, zotig, anklagend – Heines „Wintermärchen“ zeigt mit großartigem Witz die deutschen Eigenheiten in ihrer ganzen Fülle, stellt sich aber gegen militanten Nationalismus und obrigkeitshörige Engstirnigkeit. Der Dichter finde in Deutschland, „was er liebt und was er hasst“, schreibt Gauck – und schiebt hinterher: Auch heute lebten „wir nicht in einem immerwährenden Sommermärchen“.

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Erstellt:
25. September 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
25. September 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 25. September 2019, 06:00 Uhr

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