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Stocherkahn mit Oli Kahn

Nein, der Torwart-Titan, der sich als Fußball-WM-Kommentator mit Oliver Welke zur wahren Plaudertasche entwickelt, stochert nicht auch noch im Wasser. Es ist ein anderer Oli, von dem hier die Rede ist; einer, der auf dem Neckar in Tübingen – wie die anderen sechs, sieben professionellen Stocherer – immer mal wieder von der Anlegestelle beim Hölderlinturm unten heraufzurufen pflegt: „Wollt ihr nicht auch noch mitkommen?“

24.06.2014
  • Ernst Bauer

In den Stocherkahn steigen und dem Alltag für ein, zwei Stunden entschweben, dahingleiten zwischen den Häusern und Platanen, durch sanfte Stöße jener kühnen Männer fortbewegt, die hinten auf dem schmalen Heck stehen und locker, wie der Torwart-Titan, Geschichten erzählen; die Seele oder sonst was im Wasser baumeln lassen – ich kann das allen, die es noch nie erlebt haben, die jetzt vielleicht auch durch die heißen Wasserschlachten beim alljährlichen Stocherkahnrennen wieder mal etwas abgeschreckt sind, nur wärmstens empfehlen!

Als ich letztes Mal bei „Oli Kahn“ – der eigentlich Oliver Rödiger heißt –, im Boot saß, parlierte dieser stämmige Schwabe sogar auf Englisch über den „birdfree“ – vogelfreien – Hölderlin, der da hinten im Turm 36 Jahre seines Lebens gefristet; erzählte auch ein bisschen was über sich, „the most romantic Man on the Neckar“, nebenbei noch Stadtführer und Wetterfrosch, spezialisiert auf nächtliche Candle-Light-Fahrten im Kahn; wie er mit seinen Kollegen hier einst das Monopol der korporierten Neckarflussschifffahrt, der Verbindungs-Armada im Stocherkahn aufgebrochen habe.

Und schon legt er ab. Das halbe Boot voll, wie aus dem touristischen Bilderbuch, mit jungen Chinesen, kichernden Chinesinnen vor allem. Sie sei heute den ersten Tag in Germany, erzählt eine Schwarzhaarige vis-à-vis ihrer Kahn-Nachbarin, einer älteren Dame aus Nehren, in astreinem Hoch-Englisch. In der Redaktionskonferenz hatte ich mich seinerzeit noch belustigt, als von den vielen chinesischen Studenten in der Unistadt und auf den Stocherkähnen die Rede war: Stocherkahnfahren mit Stäbchen? Von wegen: Die jungen Frauen fangen an, kräftig zu schaukeln, eine streckt mir ihr Handy hin: Photo please! Allgemeine Erheiterung, als ich den Auslöser suche.

So eine Stocherkahnpartie ist lustig, so eine Neckarschifffahrt ist schön; nahezu lautlos gleitet Olis Kahn dahin, der fröhliche Stocherer erzählt immer noch von Hölderlin, das Gemurmel der Gäste zu Wasser hält ihn nicht auf in seinem Redefluss über den historischen Verlauf der Dinge zwischen Turm und Parkhaus. Beim vorletzten Mal gab es im Kanal drüben, beim Kollegen, noch eine unerwartete Zugabe. Als der zu singen begann – „Neckar-Caruso“. Die damals vorwiegend südländische Stocherkahngesellschaft rollte verzückt mit den Augen.

„Rendezvous im Stocherkahn“ heißt ein kleiner Roman, der vergangenes Jahr im Silberburg-Verlag erschien. Eine leicht schmalzige Lovestory. Politikstudent verknallt sich in Französin, die mit ihm im Stocherkahn absäuft, einem Ami in die Arme fällt – aber am Ende kriegen sie sich doch.

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24.06.2014, 12:00 Uhr

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