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Horber Schmelztiegel

Stockfisch gegen Heimweh

Horber Schmelztiegel Menschen aus mehr als 80 Nationen leben in Horb: In dieser Serie kommen sie zu Wort. Den Anfang macht Tina de Matos aus Portugal.

19.02.2019

Von Mathias Huckert

Tina de Matos (45) lebt seit mehr als 22 Jahren in Horb. Die erste Hälfte ihres Lebens verbrachte sie zwischen Porto und Lissabon.Bild: Karl-Heinz Kuball

Bei der Frage nach ihrer deutschen Lieblingsspeise muss sie schmunzeln: Ihr halbes Leben lang hat Tina de Matos bereits in Horb verbracht, heute sagt sie: „Ich liebe Linsen, Saitenwurst und Schlachtplatte.“ Die 45-Jährige hat oft ein Lächeln auf den Lippen. So war es auch vor mehr als 22 Jahren, als de Matos nach Horb gekommen war – der Liebe wegen und ohne ein Wort Deutsch im Gepäck. „Ich lernte meinen Mann damals im Urlaub kennen“, sagt sie. Er, ebenfalls Portugiese, holte sie nach Horb. „Heute bin ich so halb und halb“, beschreibt die zweifache Mutter ihren Werdegang.

Die Ankunft in Deutschland war für de Matos eher ernüchternd: Zwar war es erst September, aber der deutsche Herbst drückte bereits kräftig auf die Stimmung der Frau, die bisher nur das mediterrane Klima ihrer Heimat in Südeuropa gewöhnt gewesen war: „Ich weiß noch, dass mir alles dunkel und grau vorkam – und ich mir dachte: Wo bist du denn hier gelandet?“ Vier Wochen lang besuchte die zierliche Frau aus Südeuropa einen Sprachkurs an der Volkshochschule in Tübingen, lernte die deutsche Sprache: Vier Stunden am Tag Vokabeln, Grammatik sowie deutsche Geschichte und Kultur.

Große Fortschritte beim Deutschlernen machte de Matos bei ihrer ersten Arbeitsstelle als „Zimmerfrau“, wie sie sagt, im Schloss Haigerloch. Während sie sich gemeinsam um die Räume des alten Gebäudes kümmerten, brachte ihr eine Kollegin neue Worte bei – und nach und nach lebte sich die Frau aus Portugal in Horb ein. Bis die Stadt am Neckar ihre neue Heimat wurde.

Trotzdem sagt die 45-Jährige heute: „Ich werde immer eine Portugiesin bleiben. Mein Herz schlägt immer noch für die Heimat. Daran wird sich auch nichts ändern.“ Eine Rückkehr geisterte ihr zwar schon öfter durch den Kopf – aber vor allem ihre beiden Kinder profitieren laut de Matos davon, in Deutschland aufzuwachsen. Weil zuhause oft portugiesisch gesprochen wird, lernten die Kinder von Tina de Matos beide Sprachen: „Das ist schon ein Vorteil. Weil meine Tochter jetzt in der Schule auch noch Französisch und Englisch lernt. Da kommt dann einiges zusammen“, so de Matos.

Während der drei Besuche im Jahr in ihrer Heimatstadt – der ehemaligen portugiesischen Hauptstadt Coimbra, die zwischen Lissabon und Porto liegt – merkt sie, dass der Bezug ihrer Kinder zu Portugal ein ganz anderer ist als ihr eigener. „Wie Urlaub“ sei das dann immer für die beiden.

Während der Zeit im Süden zeigt sich laut de Matos auch der Unterschied zwischen deutscher und portugiesischer Mentalität. Während es auf der iberischen Halbinsel öfter mal lockerer zugeht („Was ich heute nicht mache, mache ich dann eben morgen“), verbindet sie das Leben in Deutschland und ihre Arbeit in einer Fabrik in Ahldorf eher mit Effizienz. Beides bringe seine Vor- und Nachteile mit sich, aber Tina de Matos ist es wichtig, eines über ihre neue Heimat loszuwerden: „Ich wurde von Anfang an herzlich willkommen geheißen in Deutschland und fühle mich hier, wo meine Familie zuhause ist, stets wohl.“

Momente der Sehnsucht

Einen Moment der Sehnsucht erlebte die Horberin mit den iberischen Wurzeln auf dem Stadtfest in Sindelfingen. Dort hatten Landsleute einen Stand aufgebaut – mit Essen, Kunst und Klängen der typischen Gitarrenmusik „Fado“ aus Portugal. Wie ein „kurzer Moment in der Heimat“ sei das gewesen.

Wenn sie diese Sehnsucht wieder einmal packt, dann holt sich Tina de Matos ihre Heimat einfach auf den Teller. „Bacalhau com natas“, portugiesischer Stockfisch in Sahnesauce kommt dann auf den Esstisch der portugiesischen Familie in Horb. Der sei dann zwar nicht ganz so frisch, als käme er von der Atlantikküste, dafür reicht das Gericht aber, um beides für Tina de Matos zusammenzubringen: Die Lebenshälfte in Portugal und die in Deutschland.

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Erstellt:
19. Februar 2019, 01:00 Uhr
Aktualisiert:
19. Februar 2019, 01:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 19. Februar 2019, 01:00 Uhr

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