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Leitartikel · Russland

Stoisch und unbeirrbar

Manchmal steht auch in Russland die Hierarchie Kopf. Erst stoppten die Behörden alle Flüge nach Ägypten, dann befahl Staatschef Wladimir Putin per Ukas, alle Flüge nach Ägypten zu stoppen.

12.11.2015

Von Stefan Scholl, Moskau

Offenbar tut sich die russische Führung schwer mit dem, was im Westen inzwischen zu 90 Prozent als wahrscheinlich gilt: Keine technische Panne, sondern eine Bombenexplosion an Bord hat am 31. Oktober den russischen Airbus A 321 über dem Sinai in der Luft zerrissen. Mit anderen Worten: Der mit 224 Toten schwerste Flugzeugabsturz in der Geschichte Russlands muss wohl in einen der blutigsten Terroranschläge gegen das Land umgewidmet werden.

Für den Kreml ein höchst ärgerliches Muss: Denn er veranstaltet seit Ende September in Syrien Luftangriffe - mit dem erklärten Ziel, den islamistischen Terrorismus zu bekämpfen. Nun scheint es, als hätten diese Luftangriffe umgekehrt Terror gegen die eigene Bevölkerung provoziert. Zur Erinnerung: Nach ähnlich blutigen Attentaten von Islamisten in Madrid 2004 zog sich Spanien aus dem Irak-Krieg zurück. Aber dazwischen gewann die spanische Opposition die Parlamentswahl, solche Komplikationen drohen in Russland nicht, schon mangels Opposition. Und im Gegensatz zu Spanien gibt es in Russland keine Öffentlichkeit, die sich über den gewaltsamen Tod hunderter Landsleute erbost. Niemand hier stellt die Deutungs- und Entscheidungshoheit der Staatsmacht in Frage.

Putin erklärte schon vergangene Woche, Russland sei nicht zu erpressen. Ansonsten widmet er dem Thema Schweigen. Russland werde weder seine Militäraktion in Syrien noch seine Nahostpolitik ändern, lassen die üblichen offiziellen und inoffiziellen Kremlquellen durchblicken. Stoische Unbeirrbarkeit hat unter Putin Tradition, auch Serien von Selbstmordanschlägen in Moskau und das Geiseldrama von Beslan änderten Russlands Tschetschenienkurs um keinen Grad.

Warum sollte Moskau jetzt in Syrien weiche Knie bekommen? Kremlnahe Pressestimmen erheben den vermutlichen Terrorschlag zum nachträglichen Beweis dafür, wie richtig das militärische Vorgehen in Syrien sei. Auf jeden Fall ist für den Kreml die Debatte, ob ägyptische Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Absturz stehen, deutlich angenehmer, als die endlose Diskussion, ob eine BUK-Rakete der russischen Streitkräfte im vergangenen Juni die malaysische Boeing MH17 über dem Donbass abgeschossen hat. Jetzt sind die Russen die Opfer. Ist da der Westen nicht geradezu verpflichtet, Russland im Kampf gegen den neuen gemeinsamen Feind IS entgegenzukommen? "Der Krieg wird uns befreunden", schreibt der gemäßigt liberale Publizist Georgi Bowt.

Allerdings treffen die russischen Luftangriffe bisher zu 80 Prozent statt IS-Glaubenskrieger gemäßigte Rebellen, die das Assad-Regime in Syrien bekämpfen. Bleibt abzuwarten, ob sich an dieser etwas schrägen Zieloptik etwas ändern wird.

Die Russen könnten ihr Vorgehen in Syrien durchaus ändern. Natürlich, Putin versichert, man werde auf keinen Fall Bodentruppen einsetzen. Doch Experten sagen, die Offensive der Assad-Truppen, die Russland mit Bombern unterstützt, sei stecken geblieben. Und im Kampfgebiet würden vermehrt Technik und Soldaten aus Russland gesichtet. Wie im Donbass beginnt Russland vielleicht auch in Syrien Bodenkrieg inkognito. Und dabei müssen viele Soldaten umkommen und noch mehr Zivilisten Anschlägen zum Opfer fallen, bevor die vaterländische Öffentlichkeit zumindest Unbehagen äußern wird.

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Erstellt:
12. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
12. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 12. November 2015, 12:00 Uhr

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