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Tübinger Archäologen untersuchen das alemannische Pferdegrab

Stolzer Ritt nach Walhall

ENTRINGEN. Seit Tagen kommt Götz Reichart nicht mehr zur Ruhe. Dutzende, wenn nicht gar hunderte von Schaulustigen tummeln sich in der Entringer Zeppelinstraße, viele klingeln an seiner Haustür. Der Grund: Auf Reicharts Grundstück wurde vor gut einer Woche ein rund 1500 Jahre altes Pferdeskelett entdeckt.

22.04.1999

Auch am Dienstagnachmittag hatten sich wieder 25 Entringer vor der Grabstelle versammelt. Jürgen Hald, Doktorand am Tübinger Institut für Ur- und Frühgeschichte und Ausgrabungsleiter vor Ort, beantwortete geduldig alle Fragen. „Ich freue mich über das Interesse der Leute“, so Hald.

Aber auch aus Tübingen kamen Wißbegierige. Mit einem Kleinbus und zahlreichen Autos trafen Hans-Peter Uerpmann, Professor für Ur-und Frühgeschichte, ein Techniker, eine Doktorandin und 25 Studenten am Ausgrabungsort ein. „Ist aber ziemlich dreckig hier“, bemerkte eine Studentin mit erdverklumpten Schuhen. Vorsichtig kletterten die Studenten in die Grube und warfen erste Blicke auf das Skelett. „Das ist ja total klein“, flüsterte einer.

Ausgrabungsleiter Hald berichtete von seinen Ausgrabungen. Nach einer Woche Vorarbeit mit dem Bagger sei er in etwa 80 Zentimeter Tiefe auf eine Lehmverfärbung gestoßen, erzählte er. Zunächst mit Hacke und Schaufel, dann mit Pinsel und Staubsauger legte er das Skelett frei. „Bei Regen habe ich unter einem Zeltdach ohne Pause weitergearbeitet“, berichtet der 33-jährige Archäologe.

Die Entdeckung des Pferdes war dann auch für ihn eine Überraschung, da die Größe des Grabes mit 2,20 Meter Tiefe und 70 Zentimeter Breite zunächst eher auf ein Menschengrab hingedeutet hatte. „Aller Wahrscheinlichkeit nach gehörte das Tier dem ne-benan beerdigten Krieger“, erzählte Hald und deutete auf die Stelle, wo man schon 1927 ein Menschengrab aus alemannischer Zeit entdeckt hatte.

Daher datierte er den aktuellen Fund auch auf den Zeitraum zwischen 450 und 500 nach Christus. Hald: „Pferdebestattungen aus dieser Zeit sind nicht ganz außergewöhnlich.“ Doch für die Wissenschaft interessant seien vor allem die ein Millimeter dünnen Materialreste, die man auf dem Skelett entdeckt hat. Die vom Landesdenkmalamt beauftragte Textilexpertin Dietlind Hachmeister hatte schon am Montag bei einer ersten Begutachtung erklärt, daß es sich dabei möglicherweise um Teile einer Satteldecke oder sogar eines Ledersattels handelt.

An dieser Stelle übernahm Professor Uerpmann die Regie und brachte seine Student(inn)en am windig-kühlen Nachmittag ganz schön ins Schwitzen. „Dieses Pferd könnte doch auch ein Bauer vor hundert Jahren begraben haben“ provozierte der Professor. Ein Student wies auf die sogenannte C-14-Methode hin, mit der Zerfall der Kohlenstoffatome in den Knochen gemessen und so ihr Alter meistens sehr genau bestimmt werden kann.

Für eine Datierung des Skeletts in die Alemannenzeit spricht laut Uerpmann neben der Lage des Grabes in West-Ost-Richtung auch die rechtec-kige Form. „Ein Bauer hätte sicherlich ein rundes Loch gegraben.“ Und wie kam das Pferd in die Grube? „Mit einem Flaschenzug tot hineingehieft“, rief ein Student. „Alles Quatsch, ist doch viel zu schwer“, antwortete ein anderer. Man einigte sich, daß der wohl vier- bis sechsjährige Hengst lebendig in die Grube gezwungen und dann vielleicht mit einem Genickstich oder einem Schlag auf den Schädel getötet wurde. Auf jeden Fall bestattete man das Tier nach einem religiösen Ritual, damit der Krieger nach dem Tod auf seinem Hengst nach Walhall reiten konnte.

Uneinig waren die Experten über die beste Art, den Fund zu bergen. „Wir wollten einen Silikonabguß des gesamten Skeletts machen“, sagte Uerpmann. Hald mochte jedoch nur wenige Knochen entnehmen („eine kitzlige Sache“), um die Materialreste nicht zu gefährden. Man einigte sich schließlich darauf, zuerst die Materialreste mit Hilfe einer Gipsmanschette zu entnehmen und dann einen Silikonabguß des Skeletts anzufertigen.

Einhellig lobten die Wissenschaftler das Verhalten des Grundstückinhabers Reichart, der vor seinem Bauvorhaben freiwillig auf das Landesdenkmalamt zugegangen war, so daß der Fund unbeschädigt gerettet werden konnte. „Ein idealer Ablauf, doch leider klappt das nicht immer so“, bestätigte Hald.

„Für die Wissenschaft ist das Skelett ein sehr interessanter Fund“, faßte Uerpmann zusammen. Die im kalkhaltigen Boden gut erhaltenen Knochen erlaubten zum ersten Mal die Untersuchung eines solchen Fundes nach modernen Methoden. Durch ein besonderes Verfahren könne man sogar anhand des Zahnschmelzes die Jahreszeit der Bestattung feststellen.

Nach einem langen Nachmittag war Jürgen Hald dann wieder allein auf seiner Baustelle. Er will weiter um das Haus graben und so möglicherweise zusätzliche Entdeckungen machen. Und wie schützt er das Skelett vor Grabräubern? Hald: „Da kommt ein Bretterverschlag drüber, und dann stelle ich meine Baggerschaufel drauf. Da kommt keiner dran.“

Sandra Buchner

Stolzer Ritt nach Walhall
Archäologe Jürgen Hald am Entringer Pferdegrab: 1997 wurde das Skelett eines edlen dreijährigen Hengstes entdeckt, das zu alemannischer Zeit mit seinem nicht minder edlen Reiter beerdigt worden war.

Stolzer Ritt nach Walhall
Lebte das Pferd noch, als es in die Grube befördert wurde? Mit dem Zeigestab begutachtet der Tübinger Archäologe Hans-Peter Uerpmann ein rund 1500 Jahre altes Skelett an der Entringer Zeppelinstraße.

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22.04.1999, 12:00 Uhr

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