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Volle Züge bei hohen Preisen

Stoßzeit an der Steinlach

Das Dußlinger Dauerthema ist derzeit wieder aktuell: Wieso zahlt man im Zug ins nahe Tübingen so viel wie ein Fahrgast aus Bodelshausen? Und warum gibt es morgens nicht wenigstens genug Sitzplätze fürs Geld?

21.07.2012
  • Eike Freese

Dußlingen. Folgt man der Auffassung der Gemeindeverwaltung, ist Dußlingen „vergleichsweise gut aufgestellt“ bei der Versorgung mit öffentlichem Personennahverkehr: ein zentral gelegener Bahnhof an der Strecke Tübingen-Sigmaringen. Kurze Fahrtzeiten ins nächste Zentrum Tübingen. Ergänzende Buslinien, etwa nach Ofterdingen. Kritiker der örtlichen Versorgung würden ergänzen: Gut aufgestellt vielleicht – doch womöglich etwas zu gut, wenn man sich die vollen Züge in der Frühe ansieht.

Sitzplatznot im Morgengrauen

Die Dußlinger SPD-Gemeinderätin Renate Schelling gehört zu denen, die täglich morgens mit dem Zug Richtung Tübingen fahren. Und sich über volle Waggons der Hohenzollerischen Landesbahn HZL beklagen. „Ich habe Mühe, morgens überhaupt mitzukommen – von Sitzplatz möchte ich gar nicht sprechen“, sagte Schelling am vergangenen Donnerstag im Dußlinger Gemeinderat. Anlass: Kreis-Verkehrsfachmann Peter Wagner tingelt derzeit durch die Rathäuser, um den aktuellen Entwurf des Nahverkehrsplans vorzustellen.

Ende des Monats läuft nämlich die Frist zur Beteiligung von Gemeinden, Einrichtungen und Öffentlichkeit ab. Dann wird das Rahmenrichtlinien-Papier vom Kreis überarbeitet und steht zur Abstimmung im Kreistag. Drei engagierte Dußlingerinnen und Dußlinger haben sich in den vergangenen Wochen bisher die Mühe gemacht, eigene Kritik zu formulieren. Auch hier findet sich die Meinung, „dass man ab Dußlingen zu den morgendlichen Hauptzeiten keinen Sitzplatz mehr bekommt und eingequetscht im Zug herumgeschüttelt wird“.

Mit DWV, FWD und CDU unterstützten alle Fraktionen das Anliegen der SPD, mehr Wagen auf der HZL-Strecke einzusetzen – und gleichzeitig an der Preisschraube zu drehen. Denn, auch das monierten neben den Räten Dußlinger Bürger: Für die Entfernung nach Tübingen ist das Ticket für die Einzelfahrt zu teuer – vor allem verglichen damit, so das SPD-Papier, dass eine Fahrt von Bodelshausen oder Felldorf in die Uni-Stadt das gleiche kostet wie aus dem nahen Dußlingen.

Der Haken bei aller Einigkeit: Bus- und Bahn-Fachleiter Peter Wagner kann schon jetzt wenig Hoffnung machen. Die HZL fahre auf der Strecke an der Kapazitätsgrenze, berichtete Wagner aus zweiter Hand. Und selbst wenn längere Züge möglich wären – dafür wären auch längere Bahnsteige nötig. Die Preisfrage wurde bereits vor Jahren im Kreistag debattiert. Auch Gomaringen hatte damals eine Verlegung an die Naldo-Wabengrenze gefordert – vergeblich.

Für Dußlingen errechneten Fachleute vom Kreis ein Ticket-Minus von 50 000 Euro, sollte das Kärtchen Richtung Tübingen 2,15 Euro statt wie jetzt 3 Euro kosten. Den Betrag würde der Kreis bezahlen und über die Umlage an alle Gemeinden verteilen – nicht sehr mehrheitsfähig im Kreistag, wie auch Bürgermeister Thomas Hölsch vermutete. Und ob andererseits die alternative, durchaus denkbare Lösung – die Gemeinde Dußlingen springt Jahr für Jahr ein – am Rathausplatz selbst mehrheitsfähig wäre, ist ebenfalls mehr als fraglich.

Die Diskussion über die Politik im Landratsamt indes war im Rat äußerst engagiert. „Dußlingen ist ja immerhin Verdichtungsraum im Nahverkehrsplan“, schimpfte SPD-Frau Schelling. „Aber verdichtet sind vor allem die Verhältnisse in den Waggons!“ FWD-Sprecher Klaus Zürn ätzte bei der Preis-Frage in Richtung Tübingen, „gerade in dieser Stadt!“ müsse viel mehr für bezahlbare und komfortable Anschlüsse in den Nahbereich getan werden. Und CDU-Sprecherin Annerose Wuchter schlug vor: „Für Stehplätze in den überfüllten Zügen nur noch die Hälfte zahlen!“

Der Viehtransport und die Gerechtigkeit

Als auch der Begriff „Viehtransport“ bereits gefallen war, monierte SPD-Rätin Maria Gialama grundsätzlich, dass der Landkreis mit seinen deutlich formulierten Bus- und Bahn-Zielen „eine Steilvorlage“ für das Grummeln an der Steinlach liefere: „Bezahlbare Preise und vernünftige Anbindung sind doch erklärte politische Ziele“, so Gialama. „Wir wollen es ja nicht einfach billiger, sondern schlicht gerechter.“

Die Gemeinderatsstimmen werden gemeinsam mit Stellungnahmen aus der Dußlinger Bürgerschaft an den Landkreis weitergeleitet. Auf der Internetseite des Landkreises sind die bisher eingegangenen Vorschläge und die Argumente des Landkreises einzusehen. Der Fachbereich Verkehr erarbeitet dann eine abstimmungsreife Endfassung des Plans, der die Richtlinien für fünf, praktisch jedoch für weit mehr Jahre festschreibt. Der Kreistag entscheidet im Herbst.

Stoßzeit an der Steinlach

Bis zum kommenden Freitag, 27. Juli, sind die Ohren des Landkreises offen für Vorschläge zur Verbesserung des Nahverkehrsplans. Per Computer an die E-Mail-Adresse nvp@kreis-tuebingen.de oder per Post an das Landratsamt Tübingen, Abteilung Verkehr und Straßen, Wilhelm-Keil-Straße 50, 72072 Tübingen.

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21.07.2012, 12:00 Uhr

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