Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen

Stotterer im Showbiz

Prominente Betroffene beweisen, dass die Sprechbehinderung Erfolg nicht im Wege stehen muss. Sie haben ihre ganz eigenen Strategien, mit dem Handicap umzugehen.

22.10.2016
  • KRISTINA BETZ

Berlin. Sie sind prominent und verdienen ihr Geld mit dem Sprechen: Schauspieler wie Bruce Willis, Rowan Atkinson, Samuel L. Jackson oder Emily Blunt. Dabei haben sie alle ein gemeinsames Handicap: sie stottern.

Colin Firth zeigt in seiner Rolle des Herzogs von York, des späteren König Georg VI. im Film „Kings Speech“, wie man mit viel Disziplin und der richtigen Therapie wieder die Kontrolle über seine Sprache erlangt und trotz Handicap ernst genommen wird. Nahezu flüssig trägt er am Ende des Films seine Rundfunkansprache als König vor. Auch Bruce Willis besiegte die Redeflussstörung. Allerdings mit ungewöhnlicheren Mitteln: Bei ihm half ausgerechnet die Schauspielerei und das, obwohl die meisten Stotterer regelrechte Panik vor dem Sprechen vor Publikum haben. „Zwischen meinem zehnten und 18. Lebensjahr habe ich schrecklich gestottert“, gestand Bruce Willis vor Jahren in einem Interview. Erst das Theaterspielen habe ihm über die Sprachstörung hinweg geholfen. Sobald er die Bühne betrat, verschwand das Stottern – und kam danach zurück.

Schauspielerei als Therapie?

Die Logopädin Monika Stegmann wertet die kurzzeitige Besserung beim Schauspielern deshalb als „vorgegaukelten Erfolg“. Sie leitet den Fachbereich Logopädie am Therapiezentrum des Klinikums Stuttgart und erklärt: „Typischerweise ist die Symptomatik beim Sprechen mit geringer kommunikativer Anforderung oder bei Übernahme einer anderen Sprecherrolle tatsächlich schwächer.“ Eine dauerhafte Verbesserung des Stotterns allein durch Schauspiel sei jedoch nicht zu erzielen.

Der Graf , Sänger der Band „Unheilig“ hingegen, hat im Singen eine ungewöhnliche Therapieform für sich gefunden. „Ich singe, weil ich Stotterer bin“, verriet er 2012 der Bild-Zeitung. Auch, dass seine Sprachstörung von einem traumatischen Erlebnis in der Kindheit kommt, offenbarte er. In rund 70 Prozent aller Fälle könne nachgewiesen werden, dass die Umstände der ersten Lebensjahre eine Rolle spielen, zeigt das Gesundheitsportal Onmeda.de.

Männer häufiger betroffen

Vom Stottern sind fünf Mal so viele Männer betroffen wie Frauen. Das zeigt sich auch unter den Promis. Eine der wenigen weiblichen Stotterinnen ist die Schauspielerin Emily Blunt (33). Kurios: Nicht nur in besonders stressigen Situationen tritt die Sprachstörung bei ihr auf, sondern auch im Gespräch mit Vertrauten: „Verrückterweise stottere ich weniger, wenn ich mich mit einer unbekannten Person unterhalte. Dann aber, wenn ich mit meiner Familie oder meinem Ehemann rede, wird es wieder stärker“, berichtete die Londonerin 2013 dem „Telegraph“.

Die Logopädin Stegmann hat eine Erklärung dafür: „Während die stotternde Person bei Fremden sich und ihr Sprechen stärker kontrolliert, treten weniger Stotter-Ereignisse auf. Dann, wenn die Sprechweise nicht mehr so stark kontrolliert wird, treten die Stotterer häufiger hörbar zu Tage.“

Emily Blunt, die aktuell im Blockbuster „Girl On The Train“ zu sehen ist, erzählte außerdem: „Als Kind und junger Teenager sprach ich nicht viel – weil ich nicht konnte.“ Heute setzt sie sich als Botschafterin des „American Institute for Stuttering“ selbst für Betroffene ein.

Das Handicap als Erfolgsrezept

Stottern als Lebenseinschränkung – auch Samuel L. Jackson musste diese Erfahrung machen. Er wollte eigentlich Trompeter werden. Weil er so stark stotterte, riet ihm sein Arzt aber, einer Theatergruppe beizutreten. Eine Notlösung, die sich für Jackson als wegweisend erwies.

Anstatt in Selbstmitleid zu versinken, entschied der Schauspieler aus der Not eine Tugend zu machen. In der Comicverfilmung „Kingsman: The Secret Service“ verpasste Jackson seiner Superschurken-Figur zum Beispiel aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit einer Sprachstörung ein Lispeln.

In einem Interview 2015 zu seiner Rolle verriet Jackson der Berliner Zeitung: „Menschen mit einem Sprachfehler haben eine spezielle Position in unserer Gesellschaft. Wenn du nicht richtig sprechen kannst, hält man dich nämlich nicht für intelligent.“ Das habe ihn härter gemacht.

Stegmann sind solche Erfahrungen bekannt: „Das Auftreten des Stotterns kann Folgen haben, die sich auf die psychische und soziale Entwicklung, und damit auf die schulische und berufliche Integration, die gesellschaftliche Eingliederung, die Familie und die Lebensqualität der Betroffenen auswirken.“

Für ihn seien das schlimme Erfahrungen gewesen, sagt Jackson: „Ich weiß noch genau, wie die Leute mich immer angesehen haben, wenn ich gestottert habe. Die einen hätten am liebsten angefangen zu lachen. Die anderen hatten Mitleid mit mir.“

Mimik statt Sprache

Auch der britische Schauspieler Rowan Atkinson , der vor allem mit seiner Paraderolle des wortkargen Mr. Bean verbunden wird, stottert. Vielleicht war das der Grund, weshalb er auf ausdrucksstarke Mimik anstatt auf Sprache setzte.

Weitere berühmte Stotterer, fernab der Schauspielerei, haben es ebenfalls trotz des Handicaps zu großem Erfolg gebracht: Auch Isaac Newton , Winston Churchill , Fürst Albert , Marilyn Monroe oder Charles Darwin stotterten. Je früher mit einer Therapie begonnen werde, sagt die Logopädin Stegmann, desto größer sei die Chance, die Sprachstörung dauerhaft in den Griff zu bekommen.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

22.10.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball