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Klassisches Fernsehen sieht alt aus

Streaming ist auch in Deutschland auf dem Vormarsch

Musik, Presse, Kino: Das Internet hat die Medienwelt verändert. Nun ist das Fernsehen dran. Videostreaming boomt rasant.

25.11.2016
  • MATHIAS PUDDIG

Berlin. Es ist 31 Jahre her, da erlebte Fernsehdeutschland eine Einigkeit, wie man sie heute nur noch zu Fußball-Länderspielen kennt. Fast 28 Millionen schauten am 17. November 1985 die Episode „Die Schuldfrage“ aus der „Schwarzwaldklinik“. Kein anderes fiktionales Programm konnte diese Zuschauerzahl übertrumpfen.

Viele Programmverantwortliche werden mit Wehmut auf diesen Rekord zurückblicken. Ein „Tatort“ erreicht heute 13 Millionen Zuschauer – wenn es gut läuft. Das Publikum hat sich zersplittert. Nicht nur andere Sender greifen an, auch Internetdienste konkurrieren. Vor allem Jüngere suchen sich Alternativen jenseits konventioneller Kanäle.

Etwa Streaming-Dienste wie Netflix und Amazon. Zwar nutzen erst 18 Prozent der Deutschen solche Online-Videotheken, aber die Branche wächst. 2015 wurden mit Video-on-Demand (Filmen auf Abruf) in Deutschland 579 Millionen Euro erwirtschaftet. 2016 sollen es 717 Millionen sein.

Mit „House of Cards“ fing es an

Die Dienste punkten vor allem mit exklusiven Eigenproduktionen. Es fing vor fast vier Jahren mit „House of Cards“ an. Die US-Polit-Serie war die erste eigene Produktion eines Streaming-Dienstes – Netflix landete mit ihr einen Riesenhit. Kritiker lobten ihren „bösen Witz“, schwärmten von „Ironie, Tempo und Kraft“ – und die Hauptdarsteller Kevin Spacey und Robin Wright bekamen Golden Globes.

Netflix und Amazon produzieren seitdem immer mehr eigene Inhalte. Viele davon können neben Hollywood-Filmen bestehen. Auch US-Programmriese HBO feiert Erfolge, etwa mit der Fantasy-Serie „Game of Thrones“, die bei Sky und RTL II läuft, aber auch bei Amazon – gegen Gebühr.

Für Kunden haben Streaming-Dienste einen großen Vorteil: Sie sind jederzeit verfügbar. Mittlerweile ist auch die Infrastruktur kaum mehr ein Problem. Fast überall stehen Haushalten 6 Mbit pro Sekunde zur Verfügung. Netflix zufolge genügt das für eine Übertragung in HD-Qualität.

Die großen deutschen Sender ARD, ZDF, RTL und Pro 7 sehen dagegen alt aus. Oliver Schütte von der Deutschen Fernsehakademie prophezeite: „Das Fernsehen stirbt.“ In einem Beitrag für das „Handelsblatt“ sagte er voraus: „Was uns im klassischen, linearen Fernsehen schon bald droht, ist eine Mischung aus Bügelfernsehen und Castingshows.“

Der Berliner Medienwissenschaftler Lutz Fahrenkrog-Petersen sieht das ähnlich. Gerade bei öffentlich-rechtlichen Sendern sei die Grundorganisation zu breit, um hochwertige, fiktionale Inhalte zu liefern. Es gebe bei TV-Produktionen „Konventionen, Bearbeiter, Verantwortlichkeiten und Begehrlichkeiten von Parteien und Interessengruppen. Das macht die Sache flacher.“

Er malt die Situation aber weniger düster. Man habe auch gesagt, dass das Fernsehen das Kino umbringe. „Kino hat aber noch immer eine Macht, die ihm schon vor Jahren abgesprochen wurde.“ Als Konstante erkennt er: „Wir wollen Information und Belustigung.“ Daran habe sich nichts geändert. Bei der Belustigung mögen Streaming-Dienste die Nase vorn haben, bei der Information können sie jedoch nicht mithalten: „Das ungemein teure Tagesgeschäft mit Korrespondenten in der ganzen Welt, das können solche Sender ja gar nicht liefern.“

Bügelfernsehen für Ältere

Auch das Ende des Straßenfegers will Fahrenkrog-Petersen so nicht stehen lassen. Er denkt dabei aber an Internetvideos, etwa bei Youtube, und berichtet von seiner jungen Tochter, wie sie mit Freundinnen einen Clip auf dem Smartphone ansah. „Die haben natürlich nichts erkannt, aber das war genau so ein Moment. Es war klar, dass sie dieses Video jetzt gucken müssen, weil genau das jetzt Trend war.“ Da könne man schon von modernen Straßenfegern sprechen. „Es gibt noch dieses Phänomen – aber nur für ein paar Zielgruppen oder Sparten.“

Zugleich hebt der Medienwissenschaftler hervor, dass auch das „Bügelfernsehen“ eine wichtige Funktion gerade für Ältere erfüllt. „Dieses wohlige Eingelulltsein mit netten Bildern und schönen Geschichten, das liefern Streaming-Dienste ja auch nicht.“ Immer nur die jungen Zuschauer zu beachten, verstelle die Wahrheit. „Wir sind eine stark gealterte Republik“, sagt Fahrenkrog-Petersen. „Und nehmen Sie als Beispiel nur mal ,Rote Rosen‘. Das ist ja nicht schlecht gemacht.“ Im Vergleich dazu bestehen die Privatsender „nur noch aus Rumschreien, aus Proleten- und Denunziationsfernsehen. Das wird wohl eher dem Internet zum Opfer fallen.“

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25.11.2016, 06:00 Uhr

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