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Streit um Mauerreste
Beim Bau der geplanten Erinnerungsstätte wurden Mauerreste der von den Nazis 1938 zerstörten Synagoge entdeckt. Was mit den Resten passieren soll, entzweit Gemeinderat und jüdische Gemeinde. Foto: Stadt Freiburg
Denkmalschutz

Streit um Mauerreste

In Freiburg wurden beim Bau einer Gedenkstätte Fundamente der alten Synagoge freigelegt. Was passiert mit den Zeugnissen aus Stein?

08.12.2016
  • PETRA WALHEIM

Freiburg. Nach fast 15 Jahren Planung begann in diesem Herbst die Umsetzung. Der Platz der Alten Synagoge mitten in Freiburg, zwischen Stadttheater und Uni, wird zu einem Ort des Gedenkens und Erinnerns für und an die Juden der Stadt umgestaltet. In die Planungen waren die zwei jüdischen Gemeinden Freiburgs eingebunden, und alle waren sich einig, dass es eine schöne Idee ist, einen Brunnen anzulegen, der den Grundriss der früheren Synagoge nachzeichnet. Die ist 1870 gebaut und 1938 zerstört worden. In der Reichspogromnacht der Nazis vom 9. auf den 10. November 1938 hatten Männer der örtlichen SS und SA die Synagoge angezündet und danach die Brandruine gesprengt.

Die Einigkeit über die Pläne für den Platz der Alten Synagoge hielt so lange, bis der Bagger bei den Grabungsarbeiten für den Brunnen Reste der Grundmauern der Synagoge freilegte. An diesen Fundamentresten und an der Frage, wie damit umgegangen werden soll, entzündete sich ein hochemotionaler Streit zwischen der Israelitischen Gemeinde und der Stadt. Das Zerwürfnis hält an, weil Stadt und Gemeinderat entschieden haben, die Bauarbeiten weiterzuführen. Die Israelitische Gemeinde fordert, die Mauerreste freizulegen und sie als sichtbares Mahnmal zu bewahren. Der Brunnen soll dafür um ein paar Meter verschoben werden. „Es sind acht Mauerfragmente, Stücke, die nicht miteinander verbunden sind“, sagt Bertram Jenisch vom Landesdenkmalamt in Freiburg. So, wie sie sind, gelten sie als Kulturdenkmal. „Das muss erhalten bleiben.“ Würden die bröseligen Steine aus dem Boden geholt, müssten sie konserviert und wieder zusammengesetzt werden. Dann aber seien sie nicht mehr authentisch und damit kein Denkmal mehr, betont Jenisch. Anders als durch Konservierung seien die Mauerreste außerhalb des Bodens nicht zu erhalten. Sie in der Erde zu lassen, mit Textil-Folie zu ummanteln und wieder abzudecken, „ist die dauerhafteste und verträglichste Art der Bewahrung“, sagt Jenisch.

Das hat er auch in einem Vortrag vor der Israelitischen Gemeinde zu erklären versucht. Offenbar ist ihm das nicht gelungen, denn Irina Katz, Vorsitzende der Gemeinde, ist nach wie vor empört und entsetzt darüber, dass an dem Brunnen weitergebaut wird. „Besonders weh getan hat uns die Art und Weise, wie mit den Steinen umgegangen wurde“, sagt sie. Bauarbeiter hätten sie mit einem Pickel heraus gehauen, mit Füßen getreten und zum Bauschutt geworfen. „Es war furchtbar und schmerzhaft“, sagt Katz. Tatsächlich mussten einzelne Steine, die erhöht lagen, abgetragen werden.

Nach Auskunft der Stadt wurden diese aber in ein Depot des Garten- und Tiefbauamts gebracht. Dort sollen sie konserviert und Teil eines zusätzlichen Mahnmals auf diesem Platz werden. Über dessen Gestaltung werde mit den jüdischen Gemeinden noch beraten, sagt eine Sprecherin der Stadt.

In dem Streit hat Oberbürgermeister Dieter Salomon Rückhalt erhalten vom ehemaligen Rabbiner Julien Chaim Soussan sowie dem Vorsitzenden des Oberrats der Israelitischen Religionsgemeinschaften Badens, Rami Suliman. Beide hätten ihn bestärkt, den Brunnen weiterzubauen.

Irina Katz beharrt trotzdem darauf, dass aus den Mauerfragmenten der früheren Synagoge ein Denkmal geschaffen werden soll – wie in anderen Städten. In Darmstadt, Marburg, Frankfurt und Regensburg seien Mauerreste sichtbar gemacht worden. „Das ist Geschichte zum Anfassen“, betont Irina Katz.

In diesen Städten seien die Dimensionen der Funde ganz andere als in Freiburg, sagt Denkmalschützer Bertram Jenisch. In Regensburg zum Beispiel sei bei Bauarbeiten für eine Tiefgarage ein ganzes jüdisches Viertel zum Vorschein gekommen.

„Es ist immer eine Gratwanderung, was man mit den Funden macht“, sagt Jenisch. Hätte die Stadt entschieden, die Mauerreste sichtbar zu machen, „wäre nichts anderes dabei herausgekommen, als das, was ohnehin geplant ist“. „Der Brunnen ist ein würdiges Gedenken“, betont Jenisch.

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08.12.2016, 06:00 Uhr

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