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Ältere Politologen sind dagegen

Streit um Umbenennung des Eschenburg-Preises

Soll der Eschenburg-Preis umbenannt werden? Die Einschätzungen Tübinger Politologen gehen auseinander. Der Direktor des Uni-Institut für Politikwissenschaft, Thomas Diez, ist dafür, Prof. Gerhard Lehmbruch dagegen. Er droht mit dem Austritt aus dem Fachverband, sollte die Organisation die Umbenennung beschließen.

29.09.2012
  • Raimund Weible

Tübingen. Gerhard Lehmbruch war am Donnerstagabend bei der Verleihung des Eschenburg-Preises an Claus Offe Ehrengast. Als ehemaliger Vorsitzender der gastgebenden Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) hatte er eine Einladung zum anschließenden Bankett mit dem Geehrten. Doch der 84-jährige Lehmbruch, der Politik-Professor in Tübingen und in Konstanz war, verzichtete auf die Nachfeier. Aus Empörung, wie auch die beiden ebenfalls als Ehrengäste anwesenden Eschenburg-Töchter.

Streit um Umbenennung des Eschenburg-Preises
Feierlich überreicht der damalige OB Eugen Schmid (links) Eschenburg 1985 die Ehrenbürgerurkunde.Bild: Archiv

In den Augen von Lehmbruch hat Offe durch seinen Auftritt einen Eklat verursacht. Der Berliner Wissenschaftler hatte den Preis angenommen und dann den Namensgeber heftig kritisiert – nach Lehmbruchs Worten mit „sehr verletzenden Formulierungen“. Offe schloss sich auch dem Vorschlag der Historikerin Hannah Bethke an, die Bezeichnung des Preises zu ändern, also den Namen Eschenburg zu streichen. Wenn es dazu kommt, das hat Lehmbruch die neu gewählte DVPW-Vorsitzende Gabriele Abels (siehe Kasten) wissen lassen, werde er aus dem Verband, dem er seit 1963 angehört, austreten.

Die Reaktion des in Tübingen seinen Ruhestand verbringenden Professors zeigt, wie sehr das Thema Eschenburg die Zunft der Politikwissenschaftler aufwühlt, insbesondere in Tübingen. Auch Prof. Hans-Georg Wehling, der kontinuierliche Beobachter und Interpret der Landespolitik, zeigte sich verärgert über Offes Vorgehen und über den Umgang mit dem 1999 95-jährig verstorbenen Theodor Eschenburg.

„Ich hätte ihm größere Souveränität zugetraut“, sagte Wehling im Gespräch mit dem TAGBLATT über seinen renommierten Kollegen, der sich in Tübingen nicht nur über Eschenburg echauffiert hat, sondern auch darüber, dass in Krisen häufig solche Institutionen das Sagen haben, „die der Beachtung und Befolgung demokratischer Willensbildung am weitesten entrückt sind“. Offe zählte dabei die Europäische Zentralbank, den Europäischen Gerichtshof und die EU-Kommission auf.

Wehling: Die ganze Lebensleistung bewerten

Streit um Umbenennung des Eschenburg-Preises
Prof. Gabriele Abels

Mit seiner Kritik an Eschenburg und seiner Forderung, den Preis umzubenennen, hat Offe nach Wehlings Einschätzung die Erwartungen seines Fanklubs erfüllen wollen. Wehling selbst wendet sich strikt gegen die Umbenennung. Dafür müsste es einen gewichtigen Grund geben, und den kann Wehling nicht erkennen. Er verbat es sich, Eschenburgs Lebensleistung allein nach seinem Handeln während der zwölf Jahre dauernden Nazizeit zu beurteilen. Dagegen stünden 54 Jahre Einsatz beim Wiederaufbau der Demokratie, der Etablierung des Fachs Politische Wissenschaft und der Politischen Bildung. „Wenn man das abwägt“, sagte Wehling, „ist Eschenburg nach wie vor ein zu ehrender Vater der Politikwissenschaft.“

Offe hatte in seiner Rede am Donnerstagabend Eschenburg vorgeworfen, über seine Rolle in der NS-Zeit geschwiegen zu haben. Eschenburg arbeitete damals für Industrieverbände in leitender Funktion. Bei dieser Arbeit war er, wie der Osnabrücker Politologe Rainer Eisfeld herausfand, 1938 in einen Fall der Enteignung eines Betriebs verwickelt, der einem Fabrikanten jüdischer Konfession gehörte. Die Historikerin Hannah Bethke wurde beauftragt, Eisfeld Untersuchung zu begutachten. Das Ergebnis: Sie bestätigte die Darstellung Eisfelds.

Ihre Schlussfolgerung, den Eschenburg-Preis umzubenennen, hält Prof. Rudolf Hrbek wie sein Kollege Wehling für „völlig unverhältnismäßig“ und „nicht schlüssig“. Sie selbst habe ja festgestellt, dass Eschenburg in dem Enteignungsverfahren keine große Rolle gespielt habe. Nach dem, was man wisse, habe Eschenburg kein Verbrechen begangen, sagt Hrbek. Sicherlich könne man ihm sein Schweigen über seine Tätigkeit in der Diktatur vorhalten, meint der emeritierte Professor. Aber Hrbek nahm Eschenburg in Schutz: „Er hat nichts verschwiegen, was kategorisch zu verurteilen wäre“.

Auch den Vorwurf Offes, Eschenburg habe sich „in diversen publizistischen Lobpreisungen“ über Hans Globke ergangen, dem Kommentator der Nürnberger Rassegesetze und späteren Leiter des Kanzleramts unter Konrad Adenauer, will Hrbek nicht gelten lassen. Diese positive Beurteilung Globkes sei vor all den großen Auszeichnungen, die Eschenburg empfangen habe, bekannt gewesen und sei kein Hinderungsgrund gewesen. Deswegen brauche man diesen Vorwurf jetzt nicht hervorzuholen, lautet die Auffassung Hrbeks. Und dass der Preisträger alle Verdienste Eschenburgs ausgeblendet habe, sei unter dem Niveau von Claus Offe.

Hrbek hält Offes Verhalten für stillos

Offes Kritik im Beisein der Eschenburg-Töchter hält Hrbek für stillos. „Wenn er etwas zur Sache zu sagen hätte, dann hätte er das bei anderer Gelegenheit tun können“, findet Hrbek.

Was die Frage der Umbenennung des DVPW-Preises angeht, vertritt der amtierende Direktor des Tübinger Uni-Instituts für Politikwissenschaft, Thomas Diez, einen anderen Standpunkt als Lehmbruch, Wehling und Hrbek. Der 1970 geborene Diez sagte: „Ich bin persönlich der Auffassung, der Name Eschenburg-Preis ist nicht haltbar.“ Es gebe keine inhaltlichen Gründe, diese Auszeichnung nach dem Tübinger Gelehrten zu benennen. Diez: „Ich würde den Preis einfach DVPW-Preis für ein Lebenswerk nennen.“

Anders verhält es sich Diez zufolge bei der Tübinger Eschenburg-Vorlesung, die jährlich zelebriert wird. An dieser Bezeichnung will er festhalten, weil es einen klaren Bezug zwischen Eschenburg und dem Institut gebe, denn Eschenburg habe das Institut nach dem II. Weltkrieg aufgebaut. Diese Position, den Namen Eschenburg-Vorlesung beizubehalten, vertritt auch Diezs Kollegin Gabriele Abels.

Diskutiert wird auch, weshalb sich Eschenburg überhaupt in die gesteuerte Wirtschaft der Nazizeit einspannen ließ. Lehmbruch erklärt sich das mit der Angst Eschenburgs. „Gerade Eschenburg war in meiner Wahrnehmung ein Mensch“, sagt er, „der bei all seinem souverän wirkenden Auftreten doch auch ziemlich ängstlich sein konnte.“ Diese Linie von Lehmbruch trägt Diez nicht mit. „Es ist Wurst, warum er sich der Sache nicht entzogen hat“, sagt Diez.

Eschenburg ging übrigens ganz entspannt und lässig mit seinen (kleinen) Fehlern um. Als er 1985 im Salzstadel die Ehrenbürgerwürde der Stadt Tübinger erhielt, erinnerte er sich, wie das TAGBLATT seinerzeit berichtete, vergnügt eines Makels, der „tatsächlich auf mir lastet“. Als Rektor der Universität hatte er 1962 vorgeschlagen, den Sitz des Regierungspräsidium ins Kloster des oberschwäbischen Orts Schussenried zu verlegen. Sein Hintergedanke war, Platz für die Universität zu schaffen. Dieser Vorschlag fand in Tübingen genauso wenig Gefallen wie die einstige Absicht des Bischofs Walter Kasper, den Sitz des Ordinariats von Rottenburg nach Stuttgart zu verlegen. Eschenburg ließ die Versammelten bei der Übergabe der Ehrenbürgerurkunde durch den damaligen OB Eugen Schmid wissen: „Als Rektor durfte ich das nicht sagen, die Richtung war trotzdem richtig.“

Das Eschenburg-Gutachten Hannah Bethkes

Die Rede des Eschenburg-Preisträgers Claus Offe

Im Kongress der Deutschen Vereinigung für Politische Wissenschaft (DVPW) ist die Tübinger Professorin Gabriele Abels auf drei Jahre zur Vorsitzenden gewählt worden. Sie löst Hubertus Buchstein ab. Abels wissenschaftliches Interesse gilt vorrangig dem Prozess der europäischen Integration. Seit 2007 lehrt sie in Tübingen. Zwischen 2008 und 2010 war sie geschäftsführende Direktorin des Tübinger Uni-Instituts für Politikwissenschaft. Im Oktober 2011 wurde die 48-jährige Politologin zur ersten stellvertretenden Gleichstellungsbeauftragten der Universität berufen.

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29.09.2012, 12:00 Uhr

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