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Die Ahnen der Europäer

Studie über jungsteinzeitlichen Schmelztiegel / Gene von Jägern, Bauern und Nordeurasiern

Nordamerikaner sind Cousins der Europäer. Zumindest, wenn man die Gene betrachtet. Eine neue Studie unter der Leitung des Tübinger Paläogenetikers Johannes Krause und der Harvard Medical School gibt neue Einblicke in den jungsteinzeitlichen „Schmelztiegel Europa“.

17.09.2014
  • Angelika Bachmann

Tübingen. In der Titel-Geschichte der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins „Nature“ beschreibt das internationale Forscherteam die genetischen Ursprünge der heutigen Europäer – und begibt sich dazu in die Zeit vor rund 7500 Jahren. Damals, so legen archäologische Funde nahe, vollzog sich ein fundamentaler Wandel im Leben der Menschen in Westeuropa, die bis dahin hauptsächlich Jäger und Sammler waren. Es gab immer mehr sesshafte Bauern.

In der Forschung wird seit langem diskutiert, ob dieser Wechsel durch die Masseneinwanderung von Menschen aus dem Nahen Osten zustande kam oder ob die neuen Kulturtechniken von benachbarten Völkern übernommen wurden. In ihrer Studie zeigen die Forscher: Es gab erhebliche genetische Einflüsse auf die hiesige Population von Jägern und Sammlern – mithin muss es große Migrationsbewegungen gegeben haben.

Die heutigen Europäer gehen im wesentlichen auf drei Stammesgruppen zurück, so das Fazit der Studie. Neben den Jägern und Sammlern sind das die frühen Bauern aus dem Nahen Osten, die vor etwa 7500 Jahren nach Europa einwanderten. Sie brachten innovative Technologien und domestiziertes Vieh mit und veränderten damit die Lebensweise der Menschen auch in dieser Region.

Überraschenderweise fanden die Forscher aber noch eine dritte Stammesgruppe, deren genetische Spuren sich in allen Europäern wiederfinden: eine „rätselhafte Population“, die den Norden Eurasiens bevölkerte und die Europäer mit den Ureinwohnern Amerikas genetisch verbindet, wie die Forscher schreiben. Nordamerikaner und Europäer haben gemeinsame Vorfahren, seien sozusagen Cousins und Cousinen, sagt Krause. Schließlich gab es noch bis vor etwa 10 000 Jahren mit der Behringstraße eine Landbrücke, die Europa und Nordamerika verband.

Diese dritte Gruppe der Nordeurasier erreichte Mitteleuropa erst deutlich nach den frühen Bauern. Vermutlich irgendwann vor 5000 Jahren. Nach der so genannten Neolithischen Revolution – dem Aufkommen neuer Wirtschaftsweisen wie Ackerbau und Viehzucht zu Beginn der Jungsteinzeit – habe es offensichtlich noch eine weiter Umbruchphase gegeben. Ob es einen Zusammenhang zwischen dieser Migration und der Ausbreitung der indo-europäischen Sprachen gibt, ist eine Frage, die Krause gerne in seinem neuen Institut, dem Max-Planck-Institut für Geschichte und Naturwissenschaften in Jena, dessen Leitung er demnächst hauptamtlich übernimmt, klären möchte. „Wir haben dort auch eine Abteilung für Linguistik.“

Fast alle Europäer haben Ahnen aus allen drei Abstammungsgruppen, schreiben die Forscher. Unterschiede gebe es nur bei den relativen Anteilen. Nordeuropäer tragen mehr Gene der Jäger und Sammler in sich, Südeuropäer habe mehr bäuerliche Ahnenanteile. Wie sich die nordeurasischen Ahnen mit den Europäern mischten, bleibe eine offene Frage. Ihr Anteil betrage nirgends mehr als 20 Prozent.

Für ihre Studie analysierten die Forscher menschliche Genome von einer rund 7000 Jahre alten Bäuerin, deren Schädel in der Nähe von Stuttgart gefunden wurde, sowie das Genom eines Jägers von der Loschbour-Fundstelle in Luxemberg, der vor etwa 8000 Jahren lebte. Für den Vergleich mit heutigen Menschen erstellte das Forscherteam genomweite Daten von etwa 2400 Menschen, die weltweit aus rund 200 verschiedenen modernen Populationen stammen.

Die Forscher analysierten auch Gene, von denen der Einfluss auf den Stoffwechsel bekannt ist. Sowohl Jäger als auch Sammler verfügten über ein Enzym im Speichel, das Stärke aufspalten kann. Getreide oder Gräser könnten teil der Ernährung gewesen sein. Dagegen konnte keiner der frühen Menschen Milchzucker verdauen. Milch gehörte also wahrscheinlich noch nicht zu den gängigen Nahrungsmitteln.

Studie über jungsteinzeitlichen Schmelztiegel  / Gene von Jägern, Bauern und Nordeurasiern
Dieser Schädel einer Bäuerin, die vor 7000 Jahren lebte, wurde bei Stuttgart gefunden. Es fehlt der untere rechte Backenzahn, aus dem die DNA gewonnen wurde.

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17.09.2014, 12:00 Uhr

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