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Leitartikel Autoindustrie

Stürmische Zeiten

Über der deutschen Automobil-Industrie entlädt sich ein perfekter Sturm. Alle Gewissheiten werden derzeit erschüttert, alle Konstanten durchgerüttelt. Nichts bleibt mehr, wie es war. Einem der wichtigsten Produkte der Branche, dem Diesel, droht der Untergang. Herbeigeführt durch eigene Fehler, zweifelhafte Regulierung und Untätigkeit der Politik.

01.03.2018
  • GUIDO BOHSEM

Berlin. Das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts und die nun möglichen Fahrverbote in den Städten haben der ganzen Misere nur die Krone aufgesetzt. Schon seit langem steht die deutsche Vorzeigeindustrie unter massivem Druck. Erleichterung ist nicht in Sicht. Die Diskussion ist so scharf, so aufgeheizt und heftig, dass die Abgas-Tricksereien bei VW manch einem schon als eigentlicher Grund für die hohe Feinstaub- und Stickoxid-Belastung gelten. Ohne Manipulations-Software, so geht der Glaube, wäre die Luft in den Städten sauber wie im Hochgebirge.

Der Generalverdacht gegen die Hersteller geht sogar so weit, dass bei der Debatte im Land der Ingenieure und Techniker physikalische Gesetze keine Rolle mehr spielen. Dass man – grob gesprochen – Verbrennungsmotoren nur so einstellen kann, dass sie entweder wenig Stickoxide (und viel Feinstaub) oder wenig Feinstaub (und viele Stickoxide) ausspucken, interessiert nur am Rande.

Der Diesel ist schlecht, und der Elektromotor ist gut. So einfach lautet die Formel. Und ja, in der Theorie ist das ja auch ebenso einfach wie richtig. Rein praktisch hingegen gibt es eine Reihe von unfassbar großen Problemen zu bewältigen, bevor der Elektromotor auch nur ansatzweise das leisten kann, was nicht nur Landbewohner erwarten. Dass die Batterien die notwendige Leistung nicht erbringen, dass die gesamten Städte mit Ladestationen zugepflastert werden müssten, dass das aktuelle Stromnetz die millionenfachen Ladevorgänge überhaupt nicht verkraften könnte. All das wird ignoriert in der Wut auf den Diesel und den Verbrennungsmotor allgemein.

Es muss in der deutschen Neigung zur Romantik und Naturverklärung liegen, dass sich ein Teil der Bevölkerung mit derart großer Lust daran berauscht, das wichtigste technische Produkt des Landes in den Orkus zu kicken. Und die Politik? Die Politik trägt eine gewaltige Mitverantwortung an dieser Stimmungslage. Wenn sie gleich zu Beginn des Abgasskandals nicht auf die Industrie gehört hätte, sondern die Verantwortlichkeiten konsequent benannt und die Missstände rigoros geahndet hätte, würde man heute anders auf die Dinge schauen.

Denn die Kritiker haben ja Recht. Es kann auf Dauer nicht so weitergehen mit dem Verbrennungsmotor und die Menschen an den vielbefahrenen Straßen haben ein Recht auf Gesundheit und gute Luft. Doch um einen vernünftigen und behutsamen Wandel zum Besseren herbeizuführen, braucht es eben Zeit. Durch das kollektive Versagen aller Beteiligten kann es gut sein, dass diese Zeit nicht mehr vorhanden ist, weil der perfekte Sturm sie ihnen nicht mehr lässt.

leitartikel@swp.de

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01.03.2018, 06:00 Uhr

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