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Der Parkschützer Mark Pollmann trat Ersatzfreiheitsstrafe an

Stuttgart 21-Gegner in Haft

Er ist der erste Parkschützer, der für seine Überzeugung ins Gefängnis geht: Mark Pollmann trat gestern in Rottenburg eine zehntägige Ersatzfreiheitsstrafe an, weil er die Geldstrafe für eine Demonstration im Stuttgarter Hauptbahnhof nicht akzeptiert.

26.05.2012
  • Ulrich Eisele

Rottenburg. Mark Pollmann ist ein gebildeter Mann – Diplomgeograf, Versicherungsfachmann, zur Zeit macht er eine Heilpraktiker-Ausbildung. Der 42-jährige Stuttgarter ist Freiberufler – was ihm unter anderem auch die Freiheit verschaffte, sich mehr als andere gegen Stuttgart 21 zu engagieren.

Seit über zwei Jahren ist Mark Pollmann bei den Stuttgarter Parkschützern aktiv, die den Schlosspark vor Abholzung und dem Tiefbahnhof beschützen wollen. Mark ist in Stufe ’Rot‘, was bedeutet, dass er sich äußerstenfalls auch Baufahrzeugen in den Weg stellen oder an Bäume ketten würde.

An einen Baum kettete er sich nicht an jenem 26. Juli 2010; aber er hielt sich unerlaubt mit 54 weiteren Demonstranten im Abriss-bedrohten Nordflügel des Stuttgarter Bahnhofs auf. Es war die erste Aktion zivilen Ungehorsams gegen Stuttgart 21. Alle Beteiligten wurden von der Polizei abgeführt und wegen Hausfriedensbruchs angezeigt. Im Februar 2011 wurde Mark Pollmann dafür zu einer Geldstrafe verurteilt.

Schon im Gericht kündigte er an, dass er nicht zahlen werde. Den „Freikauf durch Geldzahlung“ lehne er ab, sagte er gestern den Medienvertretern, und auch die ersatzweise angebotene gemeinnützige Arbeit halte er für „absurd, da ich seit Jahren ehrenamtliche Aufklärungsarbeit über die Nachteile des Immobilienprojekts Stuttgart 21 leiste“.

Mark Pollmann sieht sich in der Tradition zivilen Ungehorsams eines Henry David Thoreau, Mahatma Gandhi und Martin Luther King. Der Abriss des Bonatzbaus ist für ihn ein „Akt staatlichen Vandalismus“, der Schienenrückbau richtet nach seiner Ansicht „enormen volkswirtschaftlichen Schaden“ an. Er habe die Qualifikation, attestiert sich der Geograf selbstbewusst, „zumindest in Teilen bewerten zu können, wie sinnvoll Stuttgart 21 ist und wo Gefahren drohen“. Er wolle sich auch künftig noch im Spiegel anschauen können und sich die Frage beantworten: „Mark, hast du alles friedlich in deiner Macht Stehende getan, um darauf aufmerksam zu machen?“

Zum Haftantritt hatten die Parkschützer die Medien eingeladen. Zwei Fernsehteams und mehrere Pressevertreter trafen gestern Morgen auf dem Rottenburger Marktplatz auf ein kleines Grüppchen von Demonstranten. Mit Transparenten ging es von dort über das Parkdeck „Alte Welt“ zur Justizvollzugsanstalt hinauf.

Der Häftling in spe war gut auf die kommende Woche vorbereitet. Er zeigte einen ganzen Rucksack voller Bücher vor und einen Vortrag, an dem er in der Haft arbeiten will. Vielleicht könne er auch ein wenig in der Biolandwirtschaft der JVA mithelfen, meinte er. Unter Platzangst leide er nicht, beantwortete er neugierige Reporterfragen; er faste zwei Mal im Jahr und verbringe im Februar immer eine Woche im Kloster. „Die Zelle ist auch sehr klein – allerdings kann ich mich dort frei bewegen.“

Ein bisschen mulmig war ihm schon, als er vor dem Stacheldraht-bewehrten Tor der Justizvollzugsanstalt stand. „Ich vertraue darauf, dass ich unbeschadet wieder heraus komme“, sagte er. „Einem Flugzeug muss man sich ja auch anvertrauen.“ Er könne die Haft jederzeit abbrechen und die Strafe noch bezahlen, wenn es ihm schlecht gehe, empfahl eine besorgte Freundin.

„Mark, mach’s gut“, verabschiedete sich Klaus Gebhard, Gründer der Parkschützer von ihm, der ebenfalls angereist war. „Ich habe gelesen, in der JVA sind durchschnittlich 691 Häftlinge. Ich hoffe, dass wir – wenn du hier wieder raus bist – 691 neue Parkschützer haben.“

Stuttgart 21-Gegner in Haft
Der Parkschützer Mark Pollmann (rechts) erklärt Medienvertretern auf dem Rottenburger Marktplatz, warum er lieber eine Gefängnisstrafe in Kauf nimmt, als eine Geldstrafe für eine unerlaubte Demo im Stuttgarter Hauptbahnhof zu bezahlen. Bild: Eisele

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26.05.2012, 12:00 Uhr

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