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Modell

Stuttgart auf 180 Quadratmetern

Mehr als 30 Jahre lang hat ein Herrenberger die Landeshauptstadt und ihren Bahnhof in Miniaturform nachgebaut. In diesem Jahr soll die Anlage erstmals öffentlich gezeigt werden.

03.01.2017

Von BARBARA WOLLNY

Rainer Braun möchte ein riesiges Modell von Stuttgart ausstellen. In Herrenberg soll es zum Besuchermagneten werden. Foto: Helmut Ulrich

Herrenberg/Stuttgart. Es ist Sommer, die Bäume und Wiesen im Rosensteinpark stehen im Saft. Daneben liegt der Stuttgarter Bahnhof, wie er vor dem Beginn der Bauarbeiten aussah, mit Seitenflügeln, Bahnbetriebswerk, Post und Güterbahnhof. Das Europaviertel existiert noch nicht. Am Busbahnhof eilen Passanten zu ihren Linien. Auf der Rampe der Expressgutausgabe liegen Paketstapel und warten auf Abholung, der ADAC-Pannendienst ist dabei, ein defektes Auto abzutransportieren. Eine Szene aus Stuttgart, festgehalten in einem Modell, das so groß ist, dass es eine Sieben-Zimmer-Wohnung locker füllen könnte. „Stellwerk S“ heißt die Anlage, die der wohl größte realistische Nachbau einer Stadt ist, der in Deutschland existiert.

500 Gebäude nachgebaut

Erbaut hat die Anlage ein Privatmann. Mehr als 30 Jahre werkelte Wolfgang Frey in einem angemieteten Betriebsraum der Bundesbahn in Stuttgart daran, die Bahn war sein Leben, von Beruf war Frey Fahrdienstleiter im Stellwerk Stuttgart. Rund 500 Gebäude baute er so naturgetreu nach, dass man beim Betrachten vergisst, dass es sich hier um ein Modell handelt. Aus alten Zuglaufschildern, Regalbrettern, Lippenstiftdeckeln, Radiergummis oder Trinkhalmen erstellte er detailversessen Park- und Geschäftshäuser, gestaltete Straßenzüge und Schienengleise.

Rund 250 Loks mit 1000 Waggons können auf der Anlage unterwegs sein, die die Topografie Stuttgarts nachbildet – 160fach verkleinert. Die vielen winzigen Autos – schon damals waren Staus an der Tagesordnung – sind in den passenden Original-Autofarben lackiert, die Frey bei Autoherstellern besorgte. Reklameschilder zeigen die Firmenlogos, mit denen in den 1980er Jahren geworben wurde, zum Beispiel für das Kaufhaus Horten oder die Deutsche Post.

1982 begann Frey mit dem Nachbau des Hauptbahnhofs, dann folgte die Innenstadt. Mit den Jahren wuchs die Anlage und erreichte schließlich eine Fläche von 180 Quadratmetern. Die Heilbronner Straße, der Pragfriedhof, das Löwentor, Elefanten in der Wilhelma, der Neckar samt Schiff „Berta Epple“ – all das bildet die Anlage auf 60 Modulen und über 15 Meter Länge ab. In Bad Cannstatt steht der Nachbau des Cannstatter Carrés, wohl eine der letzten Ergänzungen, die Frey 2008 vorgenommen hat. Für die Arbeit wertete der Bahner unzählige Baupläne, Luftaufnahmen und Fotos aus – alles noch ohne Computerunterstützung und Softwareprogramme.

Grube hat Anlage schon gesehen

Öffentlich war die Anlage bisher noch nicht zu sehen. Nur wenige durften sie besichtigen, darunter Bahnchef Rüdiger Grube. Dafür kursierten in Fachmagazinen und im Internet einige Bilder und wilde Gerüchte über das geheimnisumwitterte Modell. Das soll sich in diesem Jahr ändern. Der Herrenberger Rainer Braun möchte das Modell künftig öffentlich ausstellen. Ihm gehört die Anlage mittlerweile. Er erwarb sie 2015, nachdem Wolfgang Frey überraschend gestorben war. Braun, der wie Frey Herrenberger ist, hat einen ähnlichen Hintergrund wie der Erbauer von „Stellwerk S“. Heute ist er zwar Unternehmensberater, arbeitete früher aber, wie schon der Großvater und der Vater, bei der Bahn und hat seine Begeisterung dafür nicht verloren.

Über den Kaufpreis macht Braun keine Angaben, das sei vertraglich so vereinbart worden. Wichtiger für ihn ist, dass Klein-Stuttgart nun für alle zugänglich gemacht werden soll. Vorbild ist dabei das Hamburger Miniaturwunderland, wobei die Stuttgarter Anlage keine vergleichbare klassische Modellbahnanlage sei, sondern „ein Kunstwerk“, wie Rainer Braun betont.

Ab dem zweiten Halbjahr 2017 soll dieses Kunstwerk im ehemaligen Herrenberger Restaurant Botenfischer auf 300 Quadratmetern präsentiert werden. Dort will Braun ein kleines Museum mit Gastronomie einrichten. Für die Stadt im Kreis Böblingen werde das eine Attraktion und ein echter Frequenzbringer, ist Braun überzeugt. Ein Grund, warum die Anlage nicht in Stuttgart ausgestellt wird, wo es viele kulturelle Highlights gibt.

Vor Verfall bewahrt

Doch bis das Ganze präsentiert werden kann, gibt es noch einiges zu tun. „Es ist fünf vor zwölf“, sagt Rainer Braun, die Anlage habe kurz vor dem Verfall gestanden und müsse noch saniert werden. Die Sanierung solle aber äußerst behutsam vor sich gehen, alles solle erhalten bleiben wie es sei, versichert der Bahn-Fan. „Wir behandeln die Anlage so, als ob sie unter Denkmalschutz stünde.“

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Erstellt:
3. Januar 2017, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
3. Januar 2017, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 3. Januar 2017, 06:00 Uhr

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