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Stuttgart droht, abgehängt zu werden
Georg Fundel in seinem erst vor wenigen Monaten bezogenen Büro. Foto: Ferdinando Iannone
Luftverkehr

Stuttgart droht, abgehängt zu werden

Wirtschaftlich steht der Flughafen gut da. Kurz vor seinem Abschied bedauert Geschäftsführer Georg Fundel aber das Fehlen internationaler Verbindungen, vor allem zum Mittleren Osten.

22.04.2017
  • RAIMUND WEIBLE

Stuttgart. Seit 21 Jahren sind Sie Geschäftsführer des Flughafens Stuttgart: Sind sie zufrieden mit der Entwicklung des Airports?

Georg Fundel: Der Flughafen steht heute wirtschaftlich glänzend da. Wir sind fast schuldenfrei. Wir haben bei der Passagierentwicklung und beim Ergebnis einen Höchststand. Insofern kann man von einer gewissen Zufriedenheit sprechen. Freilich: Ein Schwabe wird immer sagen, ,es hätt no meh sei könna'.

Es gab Rückschläge: Stuttgart musste den Direktflug nach Abu Dhabi vergangenes Jahr einstellen.

Das war leider der Fall. Wir werden im Luftverkehr wie ein Bundesland zweiter Klasse behandelt. Unsere Nachbarn Bayern wie auch Hessen haben alle Verkehrsrechte, die man sich wünscht. Wir haben seit 2006 die Zusage von Emirates, dass sie Stuttgart anfliegen würden und sie dürfen es nicht, weil die Luftverkehrsrechte des Bundes es nicht zulassen.

Sie haben heftig Kritik daran geübt, konnten es aber nicht ändern…

Erfreulicherweise bin ich vom Ministerpräsidenten unterstützt worden und vom Verkehrsminister, unserem Aufsichtsratsvorsitzenden. Aber Baden-Württemberg hat in Berlin nicht die Durchschlagskraft, die man sich manchmal wünschen würde.

Hat Stuttgart Chancen, Verbindungen zu fernen Drehkreuzen zu erhalten?

Das muss mittelfristig so sein, weil wir ein Flughafen sind, der kein Umsteigeflughafen ist. Die Menschen, die ab Stuttgart fliegen, müssen häufig an irgendeinem Flughafen in Europa und in der Welt umsteigen, um an ihr Endziel zu kommen. Im Moment haben wir Anbindung an die großen Abflughäfen in Europa und auch an Atlanta als dem größten Flughafen der Welt – wir haben täglich Verbindung mit Delta.

Das reicht aber nicht aus…

Das muss mehr werden. Morgen sollte das auch der Mittlere Osten sein, ob das jetzt Dubai oder Abu Dhabi oder Khatar ist oder zwei davon, ob das Peking, Shanghai, Mumbai, Singapur oder Hongkong ist – das sind die Drehkreuze dieser Welt. Und da muss der Stuttgarter Flughafen mit seiner exportorientierten Wirtschaft angebunden werden.

Sie hätten gerne den Flughafen vergrößert. Vor zehn Jahren wollten Sie eine zweite Landebahn bauen, sind aber ausgebremst worden. Bedauern Sie das?

Der Beschluss, eine Landebahn zu bauen, ging durch den Landtag, ging durch den Aufsichtsrat und war nicht nur Wunsch des Geschäftsführers. Der Geschäftsführer hat das umzusetzen. Und wenn die Politik dann sagt, wir wollen es nun doch nicht, dann nimmt das ein Geschäftsführer zur Kenntnis – mit Bedauern natürlich. Denn Baden-Württemberg wird es in 30 Jahren spüren, dass wir bei der Anbindung an den internationalen Luftverkehr gegenüber Frankfurt und München Defizite haben.

Fährt der Flughafen gut mit den Billigfliegern?

Die Bilanz spricht eine klare Sprache. Worte sind üppig, aber Zahlen sind eindeutig. Die Flughafengesellschaft verdient mit jedem Kunden Geld. Jeder will als Passagier ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Und das haben wir in Stuttgart im Angebot.

Wird das Geschäft in den nächsten Jahren ausgebaut?

Es wird zunehmen, denn die Airlines, vor allem die etablierten, haben sich immer mehr den Innovativen der Billigflug-Gesellschaften oder der Low-Cost-Airlines – das Wort ist deutlich neutraler – angepasst. Sie können heute den Check-in bequem zuhause machen. Zum Ticket-Kaufen geht man nur dann noch ins Reisebüro, wenn man Beratung braucht. Zahlreiche Abläufe am Flughafen, die Sie zum Teil nicht sehen, sind optimiert worden.

Was war die Folge dieser Änderungen?

Die Airlines konnten durch die Prozessoptimierung den Preis stabil halten oder sogar senken. Da können sich andere Verkehrssysteme, gleichgültig ob die Deutsche Bahn oder das Taxigewerbe, eine Scheibe abschneiden – dort kennt man nur eine Richtung, es wird teurer.

Schnauzbart und Fliege waren lange Jahre ihre Erkennungszeichen. Warum haben Sie vom einen gelassen und am anderen festgehalten?

Ich wurde mit 27 Jahren als Wirtschaftsförderer Direktor der Landeshauptstadt bei Manfred Rommel. Ich sah genauso aus wie jemand, der frisch von der Universität kommt. Deswegen habe ich meinen Bart wachsen lassen. Ich hatte einen Schnauzer naturale. Und dieser Bart, das war immer klar, sollte mich älter machen. Nachdem in der Zwischenzeit die Jahre zugewachsen sind, war der Bart nicht mehr notwendig. Er wurde grauer und deswegen war das ein Grund, ihm mal den Rasierapparat zu zeigen. Insofern fehlt er heute.

Werden Sie sich jetzt als Vorsitzender des Vereins der Wilhelma-Freunde verstärkt dem Zoologisch-Botanischen Garten widmen? Was haben Sie für Ziele?

Der Freundeskreis, der Förderverein der Wilhelma, ist ein Verein mit über 33 000 Mitgliedern. Unser Ziel ist, den Anschluss an moderne Zoo-Präsentation nicht zu verlieren. Da haben wir großen investiven Nachholbedarf. Deswegen sammeln wir Geld.

Was ist das nächste große Projekt?

Das ist, wie von der Mitgliederversammlung schon beschlossen, eine Elefantenanlage – der Elefant ist das Wappentier der Wilhelma. Wenn der Rosenstein-Tunnel fertig ist und wieder Ruhe vor der heute vom Verkehr geplagten Wilhelma einkehrt, hätten wir gerne, dass man dann sogar die Flusspferde an den Neckar holt, um erstmals den Zoo auch vor dem Zoo zu erleben. Ideen gibt es genug. Die Aufgabe lautet: Geld sammeln. Das macht der Förderverein mit großem Engagement.

Sie scheiden als Flughafen-Geschäftsführer. Werden Sie aber weiter an der Hochschule lehren?

Nein. Mein Anspruch an einen Professor an der Universität ist, dass er mitten aus dem Leben kommt. Als Rentner würde ich sagen, mitten im Leben, aber nicht mehr drin. Deswegen nein.

Wann halten Sie Ihre letzte Vorlesung?

Die habe ich schon gehalten.

Worum ging es?

Meine Vorlesung hatte zwei Inhalte. Einmal ging es um Flughafen-Management, insbesondere für Luft- und Raumfahrt-Ingenieure, für technische Betriebswirte, für Bauingenieure. Und um Flughafen-Planung. Das ist gerade für die Gruppe Bauingenieure und Luft- und Raumfahrtingenieure ein spannendes Feld, um einen Praxis-, den Anwendungsbezug zu bekommen. Das habe ich 19 Jahre lang gemacht und damit auch viele gute, talentierte Mitarbeiter für den Flughafen gewinnen können.

Wie stehen Sie als Flughafen-Geschäftsführer zum Fliegen? Gehört das zu Ihren Leidenschaften?

Ich selber bevorzuge das Fahrrad als Fortbewegungsmittel. Das gilt für Entfernungen zwischen null und 100 Kilometer. Wenn es in die Ferne geht, dann bleibt am Schluss das Flugzeug übrig, ab drei Stunden Reisezeit. Ich fliege viel weniger als manche vermuten. Aber Fliegen ist für mich etwas völlig Normales.

Sie haben angekündigt, nach dem Ende Ihrer Berufszeit mit dem Rennrad nach Sizilien zu fahren. Ist das ein alter Traum von Ihnen?

Das ist ein alter Traum, seit ich „Von Rostock nach Syrakus“ gelesen habe, ein wunderschönes Buch von Delius. Seitdem habe ich den Wunsch, die Strecke mal selber zu machen. Ich wollte am Anfang zu Fuß gehen, habe aber festgestellt, das dauert deutlich über 100 Tage. Ich kenne mich – das hätte ich am Schluss als unangenehm empfunden. Deswegen ist die Idee gereift, mit dem Fahrrad zu reisen. Da ist die Strecke in fünf Wochen zu schaffen. Italien ist ein Traumland, kulturell, landschaftlich, hoffentlich auch wetterseitig, so dass dann tatsächlich ein Wunsch in Erfüllung geht.

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22.04.2017, 06:00 Uhr

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