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In der Schwaben-Bronx gibt’s jetzt vegane Häppchen

Stuttgart gentrifiziert sich: Kreative und Gutverdiener verdrängen die Armen aus der Innenstadt

Erst kommen die Studenten, dann steigen die Mieten, und Arme müssen wegziehen. In Stuttgart läuft die Gentrifizierung auf Hochtouren.

16.04.2017
  • ROLAND MÜLLER

Stuttgart. Im kollektiven Gedächtnis der Stuttgarter sind sie noch präsent, die Geschichten vom sozialen Brennpunkt Marienplatz. In den 90er Jahren hatten sich Junkies und Drogendealer unter den Bäumen und in den Winkeln neben der Endhaltestelle der Zahnradbahn eingenistet. Einmal soll sogar ein Mann vergewaltigt worden sein damals im verruchten „Anlägle“ am Rande des Stadtteils Heslach. Überhaupt Heslach, die frühere „Schwaben-Bronx“ im Tal: Über Jahrzehnte von der B 14 durchschnitten und geplagt von Lärm und Abgasen, lebten hier viele Arbeiter und einfache Leute. Im Jugendhaus gaben die Fantastischen Vier 1988 ihr erstes Konzert – und rappten später: „Ich weiß, ich leb‘ mit den Reichen nicht unter einem Dach, die wohnen alle am Berg, ich bin aus Heslach“.

Jetzt sind sie da, die Reichen. Die letzte Eckkneipe hat am umgebauten Marienplatz vor drei Jahren zugemacht. Eingezogen sind hippe Restaurants und Bars wie das pechschwarz gestaltete „Noir“ – und natürlich ein Bio-Supermarkt. Raiko Grieb wundert sich manchmal, wie schnell das alles geht. „Noch vor ein paar Jahren war auf dem Platz tote Hose“, sagt der Bezirksvorsteher für Stuttgart-Süd zwiegespalten. Jetzt schwärmt man dort von Berlin-Flair; seit 2012 wird im Sommer das Hipster-kompatible Marienplatzfest gefeiert, mit „Urban Art“, Indie-Musik und veganen Häppchen.

Eine Erfolgsgeschichte also. Bloß dass viele der ursprünglichen Bewohner nichts davon haben. Denn die sind nicht mehr da. „Die Fluktuation ist hoch“, sagt Grieb. Mit jedem sanierten Haus, jedem Neubau, jeder Aufwertung des öffentlichen Raums steigen die Mieten – wer sich das nicht mehr leisten kann, zieht weg. „Ein einziges Luxus-Bauprojekt reicht, und der Mietspiegel geht für alle im Quartier hoch“, sagt Grieb.

Es betrifft auch den Mittelstand

Erst kommen die Studenten und Kreativen, dann die Gutverdiener, schließlich die Investoren – den Musterverlauf dessen, was Soziologen sperrig „Gentrifizierung“ tauften, kann man in Stuttgart vielerorts mit Händen greifen. „Verdrängungsprozesse finden in Stuttgart statt“, heißt es in einer im März vorgestellten Studie, die das Deutsche Institut für Urbanistik im Auftrag der Stadt angefertigt hat. Die Verwaltung scheue sich aber, die Dinge beim Namen zu nennen. „Im Gegensatz zu anderen deutschen Großstädten wie Berlin oder Hamburg wird das Thema Gentrifizierung auch kaum von Bürgern aufgegriffen und thematisiert.“

Das ist auch die Erfahrung von Bezirksvorsteher Grieb. In Presse und Gemeinderat sei es ein Riesenthema – beim Bürger nicht. „Wenn irgendwo ein Parkplatz wegfällt, rufen die Leute bei uns an“, sagt er. Einen Hilferuf von einer Familie, die sich ihre Miete nicht mehr leisten kann, habe er noch nie erhalten.

Neben der schwäbischen Mentalität dürfte das auch an der Eigentümerstruktur liegen: Anderswo entzündet sich Widerstand oft an Sanierungsprojekten großer Immobilienfirmen, die ganze Wohnblöcke oder Straßenzüge auf einmal sanieren wollen. Für Baden-Württemberg typisch sind einzelne Eigentumswohnungen in Privatbesitz. Der Wandel per Sanierung geschieht Stück für Stück, schleichend. „Dabei betrifft es nicht nur sozial Schwache, sondern alle: junge Familien, den Mittelstand, Menschen, die selbst bauen oder Wohneigentum kaufen wollen“, sagt Grieb. „Wer nicht geerbt hat, dem bleibt nur, aus der Stadt rauszuziehen.“

Wie rasant der Wandel ist, belegt auch die genannte Studie: Seit 2010 gab es jährliche Kaufpreissteigerungen für Grundstücke und Wohnungen zwischen 7 und 12 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs die Bevölkerung in der Stadt um 7000 Menschen pro Jahr an. Ein durch niedrige Zinsen überhitzter Immobilienmarkt, in dem Investoren mit Milliardensummen auf Renditesuche sind, befeuert die Verknappung weiter. Die Preise für Eigentumswohnungen explodieren.

Es ist nicht so, dass die Stadt nichts tut. Mit Initiativen wie dem „Bündnis für Wohnen“ versucht sie, die Akteure unter einen Hut zu bekommen. Das „Stuttgarter Innenentwicklungsmodell“ (SIM) zwingt Bauherren dazu, 20 Prozent der neu geschaffenen Fläche für geförderten Wohnraum zu reservieren. „Die Hoffnung, damit gegensteuern zu können, sind aber zerstoben“, sagt Thomas Adler von der Fraktion SÖS/Die Linke. Die 20-Prozent-Quote bezieht sich nicht auf das Bauprojekt insgesamt, sondern nur auf die „zusätzliche Wohnfläche“ im Vergleich zum Status quo. Bei der umstrittenen Bebauung des ehemaligen Hofbräu-Areals in Heslach bleiben so von 55 Einheiten noch 4 Sozialwohnungen übrig. Für Adler ein Beleg dafür, dass solche Ansätze verpuffen. Seine Fraktion ist der härteste Kritiker des Kurses von OB Kuhn. „Es fehlt grundsätzlich das Verständnis dafür, dass die Versorgung mit Wohnraum zur Daseinsvorsorge gehört“, sagt Adler. „Eine Stadt ist ein Gemeinwesen, das für alle da sein muss.“ Dennoch setze man vor allem auf den Markt. Die Stadt müsse aber selbst wieder als Akteur einsteigen ins Bauen und Bewirtschaften von Wohnungen, dürfe Grund und Boden nicht mehr verkaufen, müsse Instrumente wie Milieuschutzsatzungen „rigoros einsetzen“, so Adler. „Sonst wird das nichts mehr.“

Treffpunkt in der Sportsbar

Was die Diskussion so schwierig macht, ist die Zweischneidigkeit: In Heslach gibt es günstige ältere Wohnungen – in denen aber im Winter der Wind durch die Ritzen pfeift. Allein die Vorgaben für energetische Sanierung verteuern das Wohnen. Selbst der geförderte Wohnbau, so Adler, wird für eine normale Krankenschwester mittlerweile zu teuer.

Für Heslach ist es noch nicht zu spät. Am Schluss des Rundgangs mit Raiko Grieb stehen wir vor der „Sakristei“, einer kleinen Sportsbar am Erwin-Schöttle-Platz, in der gequalmt werden darf. „Hier kommen noch alle Schichten zusammen, die Studenten und die Eckkneipengänger, die Alteingesessenen und die Zugezogenen, und gucken zusammen den VfB“, sagt Grieb. Und irgendwie klingt das so, wie es in einer Stadt sein sollte.

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16.04.2017, 18:00 Uhr

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