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Nur noch Ritter-Sport ist übrig

Stuttgarts untergegangene Schokoladen-Epoche

Zu Hochzeiten gab es sieben Süßwarenfabriken in der Stadt. Nur ein Unternehmen ist eigenständig geblieben – und zum Weltmarktführer aufgestiegen.

02.04.2017
  • BARBARA WOLLNY

Stuttgart. Wenn sich jetzt vor Ostern die Schokoladenhasen in den Regalen der Supermärkte türmen, erinnert das vielleicht manchen an die Epoche, als Stuttgart noch nicht Autostadt, sondern ein Zentrum der Schokoladenindustrie war. Nicht nur Schokohasen wurden damals direkt im Stadtgebiet hergestellt. Und nicht wenige Artikel aus dieser Zeit finden sich noch heute in den Verkaufsregalen wie Katzenzungen von Waldbaur oder Eszet-Schnitten, eine frühe Variante der Schoko-Nusscremes, die man sich heute aufs Brot schmiert. Auch Ritter- Sport-Produkte und Moser-Roth-Schokoladen, die heute beim Discounter Aldi in den Regalen liegen, haben ihre Ursprünge in Stuttgart.

In der Stadt existieren heute nur noch wenige Spuren dieser untergegangenen Epoche wie ein alter „Waldbaur“-Schriftzug an einem Gebäude in der Rotebühlstraße im Stuttgarter Westen oder die „Eszet“-Haltestelle der Stadtbahnlinie U 13, die sich am ehemaligen Firmengebäude befindet. Ansonsten sind vor allem historische Fotos und Dokumente geblieben. Als letzte Stuttgarter Schokoladenfabrik stellte Tobler 1985 den Betrieb ein. In den Blütezeiten wurden hier mehr der dreieckigen Toblerone-Schokoladen gefertigt als im Schweizer Stammhaus in Bern.

Zehn Kilo pro Kopf

Der Kindheitstraum, sich beim Besuch einer Schokoladenfabrik so viel Schleckereien einzuverleiben wie möglich, wäre zu anderen Zeiten in Stuttgart leicht zu erfüllen gewesen. In sieben Süßwarenfabriken im Stadtgebiet mit über 1000 Arbeitsplätzen wurde das Nahrungsmittel, das als Heilmittel und als gesund und kraftspendend angesehen wurde, hergestellt. Die Nachfrage wuchs sprunghaft. 1881 lag der Pro- Kopf-Verbrauch noch bei mageren 60 Gramm. Heute steht Deutschland mit einem Schokoladenverbrauch von nahezu zehn Kilogramm jährlich pro Kopf weltweit an der Spitze des Schokoladenverzehrs.

Die erste Stuttgarter Schokofabrik eröffnete Zuckerbäcker Eduard Moser 1841 in der Tübinger Straße. Er hatte in Paris das Patisseriehandwerk erlernt. Ende des 19. Jahrhunderts tat er sich mit seinem Konkurrenten Wilhelm Roth zusammen. Und schon 1910 war die Firma mit über 550 Mitarbeitern der größte Schokoladenfabrikant der Stadt. Doch der Erfolg war nicht von Dauer. Nachdem das Unternehmen im Krieg geschlossen worden war und die Gebäude 1942 komplett ausbrannten, ging die Firma durch verschiedene Hände, bis in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts die Berliner Süßwarenfirma Storck Moser-Roth übernahm und die traditionsbehaftete Marke erfolgreich als Premiumschokolade in die Aldi-Filialen brachte.

Sieben Jahre nach Moser hatten die Chololatiers Franz und Gustav Waldbaur in der Rotebühlstraße ihre Schokoladenproduktion gestartet– bekanntestes Produkt waren die Katzenzungen, die bis nach Amerika geliefert wurden. Und 1857 gingen die Konditoren Ernst Stängel und Karl Ziller im Stuttgarter Süden unter die Unternehmensgründer. Ihre Initialen ergaben den Firmennamen Eszet. Bis heute wird der Schoko-Brotbelag unter diesem Namen verkauft. Auch die Schweizer Firmen Tobler und Suchard stellten in Stuttgart Schokolade her, ebenso produzierten die Unternehmen Haller, Schoko-Buck und Friedel in der Schwabenmetropole.

Verkauft oder fusioniert

Alle Firmen wurden verkauft oder fusionierten mit anderen Unternehmen zu den heutigen wenigen Großkonzernen. Einzig die Firma Ritter blieb ein eigenständiger Schokoladenhersteller. Gründer Alfred Ritter verließ aus Platzgründen 1930 Bad Cannstatt und siedelte sich in Waldenbuch (Kreis Böblingen) an. Der Erfolg kam mit dem Quadrat. Seit 1932 produziert Ritter seine quadratischen, bunt verpackten Tafeln und ist damit seit Jahren Marktführer für Tafelschokolade. „Die Schokoladenfabrik wird ständig modernisiert und erweitert. Wie für gute Schwaben üblich, haben wir eine kreative Technikabteilung, die gerne und ständig an neuen, innovativen Lösungen tüftelt“, erklärt Geschäftsführer Andreas Ronken den langfristigen Erfolg des Unternehmens.

An lokaler Schokolade mangelt es trotz der geschlossenen Fabriken in Stuttgart heute dennoch nicht. An ihre Stelle sind kleinere Confiserien und Chocolatiers getreten, die handwerklich Schokolade herstellen. „Der Geschmack ist einfach schokoladiger, und es ist weniger Zucker drin als bei Industrietafeln“, sagt Heiko Wagner, Inhaber der Firma Selbach-Confiserie über seine Schokolade. „Stuttgart ist auch heute noch ein guter Platz für Schokolade. Stuttgarter sind und mögen es süß.“

Kostproben an vielen Ecken

Zu heiß sollte es nicht sein, wenn sie auf Schoko-Tour geht, sagt Stadtführerin Doris Zilger. Sonst würden die Proben zu schnell schmelzen, die direkt an Ort und Stelle verkostet werden. Von den großen Stuttgarter Schokofabriken kann sie zwar nur noch erzählen. Anlaufstellen für lokal hergestellte Süßigkeiten aber gibt es viele im Stadtgebiet. Von Schoko-Maultäschle der Firma Hochland über Champagnertrüffel der Confiserie Breuninger bis zu den Nougatstäbchen des Heslacher Traditionscafés Schurr gibt es zahlreiche Möglichkeiten, den Kalorienverbrauch in die Höhe zu treiben. Führungen rund um die süße Versuchung bieten unter anderem die Firmen „k3“ und Eat-the-World sowie Bernd Möps an. ⇥bw

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02.04.2017, 06:00 Uhr

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