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Übrigens

Suchen Sie sich doch ’n nett’s Mädel

Was, du willst nach Tübingen? Da kriegst du kein Zimmer“, warnten mich Freunde und Bekannte höchst eindringlich, als ich 1985 meinen Studienort von Saarbrücken an den Neckar verlegte. Tübingen war – wie heute – der Inbegriff studentischer Zimmernot, und teuer war’s halt auch.

03.11.2016
  • Manfred Hantke

Ich hatte damals jedoch gar keine Bedenken; werde wieder Glück haben, wie schon vor Jahren, als ich in Saarbrücken eine ganze Woche lang bei Dauerregen auf dem Zeltplatz ausharrte, dann in der Telefonzelle (die gelbe) mit der aufgeschlagenen Saarbrücker Zeitung stand und mich plötzlich ein Mann ansprach: „Suchen Sie eine Wohnung?“ So ähnlich wird’s bestimmt wieder sein. Vielleicht sogar trockener. Irgendjemand wird schon ausziehen, wenn ich komme. Nur frisch und voller Zuversicht ran die Suche, dachte ich.

Internet gab’s noch nicht, keine Immo-Seite, keine Zimmer-Portale, die Vor-Ort-Suche war notwendig. So machte ich mich schon früh auf. Das Semester begann erst im Oktober, doch schon Mitte Mai stand ich auf der Tübinger Matte. Übernachten konnte ich bei der Ex eines Freundes.

Tags drauf war ich der erste in der Mitwohnzentrale. Aus dem Zettelkasten erhielt ich drei Adressen. Die brauchte ich gar nicht. Schon bei der ersten hat’s geklappt. Jeder staunte: „Hast du ein Glück!“ Der Vertrag galt – leider – schon ab 17. Mai, die Miete zahlte ich natürlich pünktlich.

Das Zimmer in der Altstadt mit Blick auf die Gasse war kaum zwölf Quadratameter groß. Krumm und schief war es, wie das ganze Haus. An der Eingangstür hatte ich mit meinen 1,72 Meter noch etwa zehn Zentimeter Platz bis zur Decke. Doch bis zum gegenüberliegenden Fenster nahm der Abstand bedrohlich ab. Am Fenster fiel mir die Decke buchstäblich auf den Kopf.

Die reichlich überzogenen 210 Mark Miete (etwa 105 Euro) wischte ich weg. Auch, dass ich vor dem Duschen immer Münzen in einen Automaten werfen musste – was soll’s? „Wohl dem, der eine Bleibe hat. Jetzt können Semester und Winter kommen.“

Noch waren knapp drei Monate Zeit. Am 20. Juli wollte ich mir meinen neuen Studienort genauer anschauen und fuhr nach Tübingen. Ein Zimmer hatte ich ja, nur den Schlüssel nicht.

Hinein in die Altstadt zum Vermieter. Der aber freute sich gar nicht, mich zu sehen, druckste zunächst herum, um mir dann klaren Wein auszuschenken: Ins Zimmer? Nein, da könne ich nicht hin. Das sei belegt. Nanu, fuhr es mir durch den Kopf, lösen die Tübinger ihr Wohnraumproblem, indem sie ihn doppelt vermieten?

Der Vermieter, gleichzeitig Gastwirt, blieb standhaft. Im Zimmer wohne gerade eine Bedienung vom Bodensee. Er brauche sie, denn die Stadt sei proppevoll, das würde ich doch sehen. Er könne die junge Frau doch nicht auf die Straße setzen. Sein Rat: „Es ist Altstadtfest, suchen Sie sich doch ’n nett’s Mädel.“

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03.11.2016, 01:00 Uhr

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