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Süchtig nach Arbeit
Überall im Einsatz: Viele kommen von ihrem Job nicht mehr los. Foto: dpa
Belastung

Süchtig nach Arbeit

Für rund 400 000 Deutsche ist der Job zur Obsession geworden. In einigen Städten gibt es für diese Menschen bereits Anlaufstellen.

19.12.2016
  • NADINE RAU

Hallo, ich bin Johanna, arbeitssüchtig und arbeitsvermeidungssüchtig.“ Diesen Satz sagt Johanna (Name von der Redaktion geändert) jedes Mal, wenn sie im Meeting der Anonymen Arbeitssüchtigen (AAS) zu sprechen beginnt. Hier ist sie unter Menschen, die ähnliche Probleme haben wie sie. Es gibt keine Therapeuten, keine Ratschläge, keine Diskussion. Dafür gibt es Hoffnung und Kraft. Menschen, die unter Arbeitssucht leiden, können hier einander helfen.

Johanna ist 62 und Sprecherin des Meetings in Stuttgart, das zweimal im Monat stattfindet. Seit über zwölf Jahren kommt sie hierher und hat durch die Treffen gelernt, mit ihrer Sucht umzugehen. Einer Sucht, die keine anerkannte Krankheit ist, obwohl man sie mit einer Alkoholsucht vergleichen kann: Die Dosis muss stetig erhöht werden, die Pausen werden kürzer, und die Gedanken kreisen nur noch um die Arbeit. Selbst die Präambel der AAS, ihre zwölf Schritte und Traditionen zur Orientierung, lehnt sich an die Literatur der Anonymen Alkoholiker an.

Während man einen Alkoholsüchtigen jedoch am Verhalten oder an Äußerlichkeiten erkennen kann, gestaltet sich das bei Arbeitssüchtigen schwierig. Schließlich ist Arbeit in unserer Gesellschaft ganz normal und wird belohnt: „Wer in Deutschland viel arbeitet, bekommt dafür Anerkennung“, sagt Johanna.

So verwundert es nicht, dass die Arbeitssucht weit verbreitetet ist. Diplom-Psychologe Stefan Poppelreuter hat über das Thema promoviert und geht von rund 400 000 betroffenen Festangestellten aus. Weitere 7 bis 8 Prozent aller Arbeitnehmer sind gefährdet, sagt der Experte, der für die TÜV Rheinland Personal GmbH empirische Sozialforschung betreibt.

Wann wird es bedenklich?

„Die Sucht kann man nicht nur an den Arbeitsstunden festmachen“, so Poppelreuter. Vielmehr komme es darauf an, ob der Mitarbeiter auch noch andere Lebensbereiche habe, in denen er seiner Verantwortung nachkomme, und ob es Entspannungsphasen gebe.

Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen An- und Entspannung ist dabei für die Gesundheit und die Leistung wichtig. Poppelreuter vergleicht es mit dem Trainingsplan eines Sportlers, der ebenfalls Pausen braucht.

Johanna konnte irgendwann nicht mehr entspannen. Erkannt hat sie die Sucht trotzdem erst, nachdem eine Kollegin sie zum Arzt geschickt hatte. „Er hat meinen Blutdruck gemessen und mich drei Wochen krankgeschrieben“, erinnert sie sich. Die Arbeit war längst zu Johannas lebensbestimmenden Thema geworden.

Poppelreuter zufolge decken sich Menschen wegen einer hohen Leistungsmotivation mit zu viel Arbeit ein. Die Ursache dafür kann unterschiedlich sein: „Für manche Menschen geht es um den materiellen Erfolg, etwa Geld, daran liegt es aber nicht immer“, sagt er. Auch in schlecht bezahlten Berufen wie der Pflege gebe es Arbeitssüchtige. Johanna sagt das ebenfalls: „Wenn man für Menschen verantwortlich ist, baut man Beziehungen auf und bekommt von den Schützlingen oder Patienten die Bestätigung für das eigene Selbstwertgefühl“, sagt sie. Davon kriege man dann nicht mehr genug.

Auch sie selbst ist wegen ihres geringen Selbstwertgefühls in den Strudel geraten. „Ich bin eben während der Nachkriegszeit aufgewachsen, als alle bis zum Umfallen am Wiederaufbau Deutschlands gearbeitet haben. Also habe ich mir später einen Job gesucht, um das auszuleben, und gegen meine innere Stimme anzukämpfen, die sagt, ich bin nicht gut genug.“ Johanna saß nur wenige Tage nach ihrer Selbstdiagnose in ihrem ersten AAS-Meeting. „Die einzige Voraussetzung für die Teilnahme ist der aufrichtige Wunsch, mit dem zwanghaften Arbeiten oder Nicht-Arbeiten aufhören zu wollen“ heißt es in der Präambel von AAS. Nicht-Arbeiten deshalb, weil Arbeitssüchtige oft alles aufschieben, was sie zu tun haben. Zu oft sind sie an den eigenen Vorstellungen, wie viel sie in kurzer Zeit leisten können, gescheitert, weshalb sie frustriert alles von sich wegschieben.

Adrenalin als Kick

Irgendwann kommt dann ein Arbeitsschub, und die Süchtigen produzieren Adrenalin. „Die Arbeitssucht kommt nicht, weil die Anforderungen von außen so stark sind, sondern weil ich mich selbst unter Druck setze“, erklärt sie. Experte Poppelreuter mahnt trotzdem, Anforderungen einer Stelle und das Profil des Stelleninhabers immer abzugleichen: „Unter- oder Überforderung sind ein guter Nährboden für die Arbeitssucht.“

Johanna hat heute feste Regeln: „Jeder entwickelt für sich Grenzpunkte.“ Sie sitzt nicht mehr so lange am PC, teilt sich größere Arbeiten in Blöcke ein, ein Tag pro Woche ist arbeitsfrei. Wenn sie sich nicht daran hält, fällt sie schnell in ihr altes Muster zurück. Im Meeting kann sie ihre Erfahrungen teilen – anonym. Man spricht sich nur mit Vornamen an. „Beim Treffen ist es unwichtig, was ein Mensch außerhalb der Gruppe in der Gesellschaft darstellt“, sagt sie.

Durch das Programm und die Abstinenz von der Arbeitssucht hat sie heute eine neue Lebensqualität.

Anonyme Gruppen bieten Hilfe

Die Treffen der Anonymen Arbeitssüchtigen finden in mehreren Städten Deutschlands statt. Auf der Homepage unter www.arbeitssucht.de finden Betroffene die Kontaktdaten der Gruppensprecher. Grundsätzlich kann jeder einfach zu den Meetings dazukommen. Es empfiehlt sich aber, vorher Bescheid zu geben, um sicherzugehen, dass der Termin stattfindet. Auf der Homepage wird die Sucht erklärt. Für diejenigen, die sich selbst testen wollen, gibt es unter dem Reiter „Symptome der Arbeitssucht“ einen Fragenkatalog.⇥nr

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19.12.2016, 06:00 Uhr

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