Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Hingabe an den Moment

Süßes Nichtstun, konzentriertes Arbeiten, Abwarten und Tee trinken: Die Muße hat viele Seiten

Der Laden von Pei-Jen ist ausgestattet wie eine Alchemistenküche: Wasserkocher, Siebe, Glasgefäße, winzige Kannen, noch winzigere Schalen, Holzpinzetten, zylinderförmige Dufttassen aus weißem Porzellan. Zuerst kosten wir einen "Hochland Nebeltee" aus der chinesischen Provinz Zhejiang.

03.11.2015
  • TANJA WOLTER

Nicht einmal. Achtmal. Eineinhalb Stunden lang, immer wieder frisch zubereitet. Er schmeckt nach Gras - und auch ein bisschen nach Spinat.

Fast drei Stunden dauert die Teezeremonie im Salon "Laifufu" in München. Lai Fu heißt so viel wie "Das Glück soll kommen". Unser Glück ist es, einen ganzen Samstagnachmittag lang nichts anderes zu tun, als uns in die chinesische Teekultur einführen zu lassen. Pei-Jen Müller-Lierheim kommt aus Taiwan. Sie selbst trinkt drei bis fünf Liter Tee am Tag. Über die Deutschen sagt sie, dass sie sich "mehr Mühe beim Kaufen von Kartoffeln als beim Kaufen von Tee machen". Und sie wundert sich, dass hierzulande alles mögliche Tee heißt, selbst wenn es sich nur um Hagebutten handelt. Für Asiaten sind die Blätter des Teebaums Tee - sonst nichts.

Tee zwei ist ein teilfermentierter, taiwanesischer "Bu Zhi Chun Oolong". Oolongs sind weder grün noch schwarz, sondern liegen irgendwo dazwischen. Wir tauchen unser Dufttässchen in die Teeschale und schnuppern daran. Er riecht blumig, und schmeckt auch so. Tee drei ist eine Kostbarkeit: "Oriental Beauty Spezial" - der Champagner unter den Oolongs. Elegant, zart, duftig. Der Ursprung indes erheitert: Von Zikaden befallene Teebäume im Norden Taiwans.

Eine Teezeremonie erfordert Muße: Die eigene Untätigkeit, das Beobachten, das Warten, das bewusste Riechen und Schmecken - alles Dinge, die wir sonst selten tun. Smartphones für die Ablenkung zwischendurch sind im "Laifufu" deplatziert. Teetrinken auf Asiatisch ist schließlich eine würdevolle Angelegenheit. Sie zwingt uns zum Nichtstun, zum Innehalten - in einer Welt, die auf Tun programmiert ist und voller Reize steckt.

Können wir das überhaupt noch - uns dem Moment hingeben, mit allen Sinnen? Abwarten und Tee trinken? "Unsere Gesellschaft ist fast schon ohne Muße", warnt der Neurobiologe und Psychiater Joachim Bauer. Gemeinsam mit anderen Ärzten, aber auch Philosphen, Soziologen und Kulturwissenschaftlern befasst er sich in einem Sonderforschungsbereich der Uni Freiburg mit der Bedeutung der Muße. Denn letztlich ist ohne vermeintlich unproduktive Momente vieles nicht möglich: Kreativität, Phantasie, Reflexion, das Schmieden von Plänen.

Eine exakte Definition von Muße hat Joachim Bauer nicht parat, eher eine Umschreibung: "Muße hat der Mensch in Momenten, in denen er - ohne es bewusst zu bemerken - die Zeit vergisst", sagt der Professor. Das kann also das süße Nichtstun in der Hängematte sein, in der man schaukelnd einfach die Gedanken fliegen lässt, aber aus Sicht Bauers auch eine Arbeit - etwa wenn sich eine Goldschmiedin in die Feinheiten eines Ringes vertieft oder ein Gärtner in sein Blumenbeet. Selbst der Abend vor dem Fernseher kann dazugehören, sofern man ihn bewusst genießt. "Wenn ich nur deshalb vor der Glotze sitze, weil ich das jeden Abend so mache und mir nichts Besseres einfällt, dann würde ich das nicht als Muße, sondern als Trägheit oder Suchtverhalten bezeichnen", betont Bauer.

Feinde der Muße gibt es viele: Zeitdruck und innere Unruhe. Aber auch Multitasking - die Tendenz, immer mehr Dinge gleichzeitig zu tun anstatt sich vertieft mit einer Sache zu beschäftigen. "Es ist die ständige Angst, etwas zu verpassen, die uns auf Trab hält und diese ständige Sucht nach Ablenkung erzeugt", sagt Bauer. Ein Stück weit ein typisch deutsches Phänomen. "In unserem Land wird jedem von klein auf mitgegeben, dass man sich alles erst einmal erarbeiten und verdienen muss." An sich sei diese Botschaft ja nicht schlecht. "Aber wie wir Deutschen nun einmal sind: Wir übertreiben es gerne, wir machen alles sozusagen 120-prozentig." Viele Menschen hätten das Gefühl, "nur dann existenzberechtigt zu sein, wenn sie sich halb tot geschafft haben".

Das erinnert an den Spruch "Erst die Arbeit, dann das Vergnügen", den viele schon im Kindesalter eingetrichtert bekommen haben. Die Arbeit gilt nach diesem protestantischen Prinzip als Mittelpunkt des Lebens, als Lebenspflicht. Der Müßiggang oder der genießerische Moment hat dagegen etwas Lasterhaftes an sich, denn er ist ja scheinbar zwecklos und damit verzichtbar. Kein Wunder, gelten die Deutschen aus der Sicht vieler anderer Kulturen zwar als leistungsstark und effizient, aber auch als genussfeindlich.

Genuss und die Fähigkeit zur Muße hängen eng zusammen. Denn ohne das Erleben mit allen Sinnen und das Innehalten im Moment gibt es keinen echten Genuss, weder beim Essen oder beim Musikhören, noch beim Spaziergang in der Morgensonne. Doch vielen fehlt dafür die Aufmerksamkeit. Im Jahr 2012 ergab eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts Rheingold, dass es 46 Prozent der Menschen in Deutschland angesichts von Stress und permanenter Erreichbarkeit immer weniger gelingt, etwas zu genießen.

"Viele Menschen haben eine große Angst, sich selbst zu begegnen, also einfach einmal mit sich alleine zu sein. Sie haben verlernt, das Leben zu genießen, ohne ständig etwas tun, etwas leisten oder etwas konsumieren zu müssen", sagt Bauer. Momente der Muße ohne Ablenkung werden erst einmal als unangenehm empfunden. Wer zu tief in der Reiz-Reaktions-Falle steckt, dem raten Experten zur Meditation oder zu Übungen, die die Achtsamkeit stärken. Bauer selbst empfiehlt, sich "das Ganze einfach einmal bewusst zu machen" und zu überlegen, ob einem die eigene Lebensführung eigentlich guttut. Vielleicht bei einer Tasse Tee? Info Die Universität Freiburg bietet zum Thema Muße ein Online-Magazin unter: http://musse-magazin.

Süßes Nichtstun, konzentriertes Arbeiten, Abwarten und Tee trinken: Die Muße hat viele Seiten

Süßes Nichtstun, konzentriertes Arbeiten, Abwarten und Tee trinken: Die Muße hat viele Seiten

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

03.11.2015, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball