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Neue Kulturpflanze

Süßkartoffeln vom heimischen Acker

Der Klimawandel verhilft Bauern in Baden-Württemberg zu einer neuen Kulturpflanze aus wärmeren Regionen. In Heilbronn werden jetzt die ersten Bataten geerntet.

06.10.2016
  • HANS GEORG FRANK

Siegfried Wagner (75) sieht mit Wohlgefallen, welche appetitliche Frucht sein Sohn neuerdings anbaut. Widerspruch gibt es nicht. „Bei uns gilt schon immer, wenn die Jungen da sind, entscheiden nicht mehr die Alten“, sagt er und gibt damit einen Einblick in die familiären Gepflogenheiten auf dem Aussiedlerhof am Rand von Heilbronn. Als der heutige Seniorchef vor über einem Vierteljahrhundert das Kommando übernommen hatte, setzte er auf Gemüse. Mit Karotten, Gurken, Kraut sei er einer der Ersten seiner Zunft gewesen, sagt er. Jetzt gedeihen sich diese Sonderkulturen bei vielen Kollegen auf vielen hundert Hektar.

Sohn Holger (41) fängt klein an. Zwei Hektar hat er für die Pionierpflanzen reserviert. „Wir wollen etwas Neues bringen“, sagt der Landwirt, der eine Ergänzung zu den Kartoffeln suchte. Bei Süßkartoffeln glaubt er fündig geworden zu sein: „Die Verbraucher wollen eine regionale Süßkartoffel, keine Importware, die um die halbe Welt gekarrt worden ist.“

Mit alten Arbeitsmethoden

Wagner jun. hat mit fünf Sorten experimentiert, eine erscheint ihm vielversprechend. „Beauregard“ heißt die Züchtung, „schöner Ausblick“ – für Wagner ein gutes Omen. „Sie schmeckt wie eine Karotte, ein bisschen süßlich“, beschreibt er das Aroma der orangefarbenen Knolle. Die „Murasaki“ nebenan könnte äußerlich fast mit einem Rettich verwechselt werden, dabei erinnert ihr Geschmack an eine echte Kartoffel. Ob sie auch so gut mit der Temperatur zurechtkommt wie die „Beauregard“, muss sich noch erweisen.

Die Heimat der Süßkartoffeln hat der Naturforscher Alexander von Humboldt in Mittelamerika entdeckt. Anders als das Nachtschattengewächs Kartoffel gehört die Batate, wie die Süßkartoffel richtigerweise heißt, zu den Windengewächsen. Nach Kartoffeln und Maniok belegt die Ipomoea batatas, so der lateinische Name, mit über 120 Mio. Tonnen Platz 3 der Weltproduktion an Nahrungsmitteln mit Wurzeln und Knollen.

Für den Anbau hierzulande muss sich ein moderner Bauer wie Holger Wagner auf alte Handarbeitsmethoden besinnen. Werden Kartoffeln als Knollen in den Boden gesteckt und später mit einem Vollernter herausgeholt, müssen die künftigen Bataten als Blattstecklinge gesetzt werden. Wagner hat seinen Acker dafür mit verrottbarer Mulchfolie aus Maistärke abgedeckt. Ist das Gemüse nach 120 Tagen erntereif, greift der Landwirt zum Karst – jener Hacke mit zwei Zinken, die auch im Weinberg zur Bearbeitung des Bodens verwendet wird. Eine Maschine zur Erleichterung der Arbeit ist noch nicht erfunden. Siegfried Wagner glaubt an eine Renaissance des Roders, der längst seinen Platz in Heimatmuseen gefunden hat. Bei einem Erlös von 2,50 EUR je kg lohne sich die Mühe, meint Holger Wagner.

Die Bataten erfüllen zwei wichtige Kriterien, die ausschlaggebend sind für den wirtschaftlichen Erfolg, weiß auch Mark Mitschke vom Heilbronner Landwirtschaftsamt. Sie gehören zum Trendgemüse, erfreuen sich steigender Nachfrage. Und sie passen zum veränderten Klima. Bislang stammen die Bataten in deutschen Läden aus Südamerika, Südeuropa, Israel. Jetzt wachsen sie auch in Deutschsüdwest. „Wir haben einen klaren Klimavorteil“, sagt Mitschke. Denn im Norden der Republik seien die Bedingungen suboptimal. Von den 7 Hektar mit Bataten in Deutschland sind 2 in Heilbronn zu finden, etwa 1,5 in Südbaden, ein bisschen im Raum Würzburg.

Händler wie Jürgen Stahl schätzen die Absatzchancen positiv ein: „Das Potenzial ist da.“ Trotz des Kilopreises von mindestens 4 EUR rechnet er mit guten Geschäften. „Die Süßkartoffeln ist in Mode.“ Züchter haben sich auf noch viel mehr Bauern eingerichtet, die sich für die Süßkartoffel entscheiden. Rüdiger Walz, Repräsentant der israelischen Firma Hishtil im Moshav Nehalim, schätzt, dass sich die Anbaufläche in Deutschland innerhalb von fünf Jahren auf 200 Hektar ausgedehnt hat. „In zehn Jahren dürften es 300 Hektar sein.“ Erleichtert wird der Vormarsch der Bataten durch die Züchtung von Sorten, die tiefere Temperaturen als in den Ursprungsländern verkraften. „Aber für Norddeutschland“, bedauert Walz, „haben wir noch nichts.“

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06.10.2016, 06:00 Uhr

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