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Superreiche Raser am Steuer
Die Raser in Moskau sind besonders gerne nachts unterwegs. Foto: © Dmitry Vereshchagin - fotolia.
Verkehrsrowdys

Superreiche Raser am Steuer

Der Nachwuchs des Moskauer Geldadels liebt lebensgefährliche Regelverstöße mit dem Auto. Die jungen Leute sind praktisch unantastbar.

12.11.2016
  • STEFAN SCHOLL

Moskau. Mara Bagdasarjan ist 23 Jahre alt und fotogen. Lange Beine, kastanienbraunes Seidenhaar, riesige graue Augen und pralle Lippen – scheinbar etwas nachgepolstert. Im Gericht trägt Mara eine Pelzweste, das Gesicht versteckt sie erst einmal hinter einem Louis Vuitton-Tuch. Ihre Augen aber verdreht sie wiederholt genervt. Ein Moskauer Friedensrichter verurteilt sie wegen vier unbezahlter Strafzettel zu zehn Tagen Arrest und 75 Stunden Strafarbeit. Mara drohen noch weitere Verhandlungen und Strafen. Insgesamt geht es um 16 ignorierte Zahlungsbefehle.

Bereits vergangenen Oktober hatte man sie mit 140 unbezahlten Knöllchen erwischt – bei einem Verkehrsunfall. Damals wurde sie als Beifahrerin schwer verletzt, der junge Mann am Steuer des BMW X5 kam ums Leben.

Verfolgungsjagd mit der Polizei

Ein Jahr später saß sie in einem Geländewagen von Mercedes, der sich in Moskau eine Verfolgungsjagd mit der Polizei lieferte.

Mara Bagdasarjan ist Moskaus berühmtester Verkehrsrowdy. Sie rast oder driftet gerne über Moskaus Straßen, vor allem bei Nacht. Im Mercedes S63 AMG, im BMW X6M, im Nissan GR-R, oder auf einem ihrer beiden Motorräder. Diese finanziert der arbeitlos gemeldeten Mara ihr Vater, der Fleischgroßhändler Elmar Bagdasarsjan. Ebenso die Nebenkosten wie Rechtsanwälte oder Strafzettel. Für letztere soll er bereits vergangenes Jahr gut 14 000 Euro gezahlt haben.

Die nachwachsende Generation der Superreichen Russlands liebt lebensgefährliche Regelverstöße im Straßenverkehr. Und sie präsentiert sie stolz im Internet. Auch Mara stellte immer wieder Videos ihrer Autojagden auf Instagram oder Facebook, zudem Selfies mit ausgestreckten Zeigefingern, gemeinsam mit Verkehrspolizisten. Ein Film zeigt die Verfolgungsjagd zwischen einem Mercedes-Jeep und Polizeiautos im Oktober. Die Teilnehmer im Alter von 20 bis 23 Jahren hatten ihren Ruf als „Goldene Geländewagenjugend“ weg – und einen Strafprozess wegen Gewaltandrohung und Beleidigung von Vertretern der Staatsgewalt am Hals.

Sie kamen glimpflich davon: Mara wurde nur als Zeugin befragt, der Fahrer freigesprochen, zwei weitere Insassen erhielten 300 Stunden Strafarbeit. Darunter Ruslan Schamsuarow, Sohn des Vizepräsidenten der zweitgrößten russischen Ölfirma „Lukoil“. Immerhin, das Gericht ließ Schamsuarows 140 000 Euro teuren „Geländewagen“ konfiszieren.

Der konterte frech auf Instagram: Er wolle sein Auto zurück, sonst stelle er Telefonate ins Netz, die bewiesen, dass hohe Polizeibeamte von ihm 500 000 Dollar Schmiergeld zur Vertuschung der Angelegenheit gefordert hätten. „Euch erwartet das Gericht“, drohte der Jüngling. Die erboste Staatsanwaltschaft verlangt, das Verfahren gegen die Raser wieder aufzunehmen.

Allerdings glaubt in Moskau niemand, dass ihnen ernste Folgen drohen. „Nach der geltenden Straßenverkehrsordnung sind sie angemessen bestraft worden“, sagt Sergei Kanajew vom Verband der Autobesitzer Russlands.

Verschärfungen sind geplant, etwa ein Tempolimit von 70 Stundenkilometern für junge Fahrer. Kanajew bezweifelt, dass sich damit etwas ändert. „Die reichen Kinder fallen auf, weil sie mit ihren Verstößen im Internet prahlen. Das Hauptproblem sind ihre hochgestellten Eltern und die Vertreter der Staatsorgane, die die Verkehrsordnung genauso krass mit Füßen treten. Die Regeln müssen für alle gelten, damit sich die Lage auf den Straßen bessert.“

Prahlerei im Internet

Die Massenzeitung „Moskowski Komsomoljez“ aber unkt schon: Wenn es in Russland eine Revolution geben werde, dann wegen der Zöglinge der Ölmagnaten. „Haben Sie keine Angst, Schwefelsäure ins Gesicht zu bekommen?“, wird Mara Bagdasarjan auf ihrer Facebook-Seite gefragt. Bisher jedoch fühlt sich die „Goldene Jugend“ ganz offenbar ähnlich unantastbar wie ihre Eltern.

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12.11.2016, 06:00 Uhr

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