Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Kernenergie

Symbolisches Bolzenziehen in Neckarwestheim

Heute beginnt der Rückbau der Reaktoren in Neckarwestheim. Ein Ende der Atom-Ära ist wegen des Zwischenlagers noch in weiter Ferne.

10.04.2017
  • HANS GEORG FRANK

Neckarwestheim. Einen Schraubbolzen wird Franz Untersteller (Grüne) heute im Maschinenhaus von Block 1 der Atomkraftwerke Neckarwestheim entfernen. Der Umweltminister startet damit offiziell den Rückbau des seit 16. März 2011 stillgelegten Reaktors. „Es ist ein wichtiger Tag für die Sicherheit der Menschen insbesondere der Region und ein guter Tag für den Klimaschutz und die Energiewende“, meint Untersteller.

„Wir kommen dem Ende der Atomkraft in Deutschland wieder ein Stück näher“, betonte der Politiker. GKN I sei „die erste Anlage in Baden-Württemberg, die im Zuge des Atomausstiegs zurückgebaut wird“. Zwar lässt die ENBW den ältesten Meiler im Südwesten, KWO in Obrigheim, schon seit 2008 demontieren, aber dieser Reaktor wurde 2005 abgeschaltet, ehe sich die Bundesregierung unter dem Schock der Katastrophe von Fukushima am 11. März 2011 zum Stopp für die AKW-Veteranen entschlossen hat. Fünf Tage später erklärte ENBW, dass „ein dauerhaft wirtschaftlicher Betrieb von GKN 1 und damit ein Wiederanfahren des Kernkraftwerks voraussichtlich nicht mehr darstellbar ist“.

Das Atomkraftwerk wurde ab 24. Januar 1972 in einem weitgehend aufgegebenen Kalksteinbruch direkt am Neckar errichtet. Der 33 Hektar große Bauplatz liegt auf der Gemarkungsgrenze von Neckarwestheim (Kreis Heilbronn) und Gemmrigheim (Kreis Ludwigsburg). Beide Kommunen sollten in den Genuss üppig sprudelnder Gewerbesteuer kommen. Die „Gemeinschaftskernkraftwerk Neckar GmbH (GKN)“, gegründet am 20. Juli 1971, bekam die Genehmigung schon nach wenigen Wochen. 4421 Einsprüche verhinderten das Vorhaben nicht. Am 24. Januar 1972 wurde die Bodenplatte des Druckwasserreaktors mit einer Leistung von 840 Megawatt betoniert. Die Kosten summierten sich auf umgerechnet 300 Millionen Euro. Am 26. Mai 1976, 23.17 Uhr, gelang die erste Kettenreaktion.

Der Block sollte kein Solitär bleiben. Schon im Juni 1975 wurde ein zweiter Druckwasserreaktor beantragt. Aber die Landesregierung ließ vor allem wegen der Proteste in Wyhl das Verfahren ruhen. Als die GKN-Gesellschafter 1980 die überarbeiteten Pläne für einen leistungsfähigeren Stromerzeuger mit 1400 Megawatt einreichten, dauerte die öffentliche Anhörung der 27 000 Einwendungen 19 Werktage. „Grünes Licht“ bekam GKN II am 9. November 1982. Die drei Milliarden Euro teure Anlage war am 29. Dezember 1988 um 16.08 Uhr betriebsbereit. Nach dem Atomstopp muss GKN II spätestens am 31. Dezember 2022 vom Netz.

Schon vor der ministeriellen Schraubaktion begann der Rückbau des „Einserblocks“. 34 Kühlzellentürme mussten schon 2012 weichen, um dort ein Standortabfalllager für schwach und mittelstark strahlende Stoffe und ein Reststoffbearbeitungszentrum zur Zerkleinerung großer Elemente errichten zu können. Die ersten Wände sind hochgezogen. Für die Stabilität müssen 650 Betonpfähle in den Untergrund gerammt werden. Den Standort haben Kritiker wie der Geologe Hermann Behmel wegen der Hohlräume von jeher als ungeeignet abgelehnt. Der Kühlkoloss für GKN 2 müsste mehrfach abgesichert werden, nachdem er mehrere Zentimeter einsank.

Als eigentlicher Beginn des Rückbaus gilt bei der ENBW die Abtrennung der Hauptleitungen für die Kühlmittel vom Reaktordruckbehälter am 27. Februar. Voraussichtlich bis Anfang 2019 sollen nun die unter Wasser liegenden Kerneinbauten ferngesteuert demontiert werden. „Damit wäre dann ein Großteil des Aktivitätsinventars der Anlage entfernt“, heißt es im Fachjargon.

Für die organisierten Atomgegner gibt es keinen Grund zum Feiern. Zwar haben sie seit langem den Verzicht der Kernenergie gefordert, doch den Rückbau halten sie auch für zu gefährlich. Es sei „ein Billigabriss zu Lasten von Mensch und Natur“, glaubt Franz Wagner von der Arbeitsgemeinschaft „Atomerbe Neckarwestheim“. Es sei ein Skandal, dass „wissentlich und vorsätzlich die Bevölkerung einer zusätzlichen Strahlenbelastung und Gesundheitsgefahr ausgesetzt“ werde.

Selbst wenn in einem Vierteljahrhundert der letzte Rest der Reaktoren entfernt ist, bricht in Neckarwestheim keine atomfreie Ära an. Auf dem GKN-Areal befindet sich ein Zwischenlager für ausgemusterte Brennelemente, das nach ursprünglicher Planung 40 Jahre betrieben werden sollte. Da es aber noch kein Endlager gibt, ja nicht einmal ein Standort dafür gefunden ist, muss davon ausgegangen werden, dass dieses hochriskante Depot auf unbestimmte Zeit erhalten bleibt. Zusätzlich werden dort Brennelemente aus Obrigheim abgestellt. Der Schiffskonvoi für den Transport auf dem Neckar liegt bereits vor Anker.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

10.04.2017, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball