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Sie möchten ihr Leben wiederhaben

Syrische Familie aus Homs lebt mit ihren Kindern in Weilheim

Ihre Heimatstadt ist vollkommen zerstört, und die Tochter wurde während ihres Asyls in Libyen geboren. Seit Oktober haben Nour und Radwan mit ihren drei Kindern eine vorübergehende Bleibe in der Flüchtlingsunterkunft Weilheim gefunden.

26.12.2014
  • Christiane Hoyer

Tübingen. Das Zimmer, in dem die fünfköpfige Familie ihre Tage verbringt, ist akribisch aufgeräumt. Kein herumliegendes Kleidungsstück und keine Malsachen verraten etwas über die hier lebenden Kinder – nur ein riesiger Zottelhund aus Stoff auf dem Stockbett. Die beiden Jungen Alaa und Abdulmartin, sechs und sieben Jahre alt, sind in der Schule. Nur die kleine Rooa ist zuhause. Sie liegt auf dem Bett und schläft, als die Eltern die Besucher von der Zeitung und den Übersetzer Haidar Nishkar empfangen.

Flucht vor den Demos nach Libyen

In dem Raum ist es sehr warm. In den letzten Tagen war die Heizung defekt, und jetzt versuchen die Eltern ein wenig Wärme zurückzuholen. Der 29 jährigen Nour ist es trotzdem noch kalt. Sie empfängt uns in einem grauen Kurzmantel und in Jeans, ihr Kopf ist von einem blauen Baumwolltuch bedeckt. Nour und ihr 49-jähriger Mann Radwan möchten nicht fotografiert werden. Sie möchten auch nur mit ihren Vornamen in der Zeitung stehen. Die Angst vor Verfolgung sitzt tief. So sehr, dass sie sich trotz der räumlichen Distanz zu ihrer Heimat immer noch nicht vorstellen können, hier in Deutschland sicher zu sein.

Nour und Radwan lebten mit ihren beiden Söhnen und den Verwandten in der Millionenstadt Homs in West-Syrien, als im März 2011 die Demonstrationen gegen die Regierung losgingen– und zwar ausgerechnet in dem Viertel, in denen Radwan und Nour lebten. „Das war für uns sehr gefährlich“, schildert Radwan die Situation. „Wir hatten ständig Angst“. Im Oktober 2011 machte er sich mit seiner Familie auf den Weg. Zu Arbeitskollegen nach Libyen, wo ihnen die politische Situation vor drei Jahren stabiler zu sein schien. „Wir haben nur zwei Taschen zusammengepackt“, berichtet der 49-jährige Dekorateur. Dann ging es mit dem Bus nach Bengasi.

Dort fanden die Vier eine Bleibe, Radwan bekam auch Arbeit. Je länger der Krieg in Syrien tobte, umso mehr Syrer flüchteten in die Nachbarländer. Auch die Verwandtschaft floh nach Ägypten und Jordanien. Wer die Bilder der total zerstörten Stadt Homs in den Medien gesehen hat, in der Kinder und Erwachsene verhungerten oder durch Minen getötet wurden, wundert sich, wie Nour und Radwan da rausgekommen sind. Auch in Bengasi spitzte sich die Situation so sehr zu, dass sich die inzwischen fünfköpfige Familie im August erneut auf die Flucht machte. 2000 Dollar bezahlte sie für die Flucht übers Meer von Sabratha aus. Radwan und Nour sprechen nicht gerne über das stundenlange Ausharren in einem überfüllten Fischerboot.

An Deck des rund zehn Meter langen Holzboots waren 600 Leute, berichtet Radwan. Achtzehn Stunden waren sie auf dem Boot gefangen, als Italien in Sicht kam. Soldaten lotsten sie – vorbei an einer Ölmine im Meer – nach Sizilien. Von dort wurden die Familien mit dem Bus nach Mailand gebracht. Nach drei Tagen wurden sie in den Zug nach München gesetzt – ohne Fingerabdrücke zu nehmen oder ihre Pässe zu kontrollieren. Sie haben mir nur ein Hemd gegeben, berichtet Radwan. Darauf stand: „M – fünf Personen“.

Mit diesem Hemd kamen die Fünf am 28. August in München an. Erst landeten sie in der fränkischen Aufnahmestelle Zirndorf, in der Flüchtlinge dieses Jahr wegen der unhaltbaren Zustände demonstriert hatten: „Wir wollen ein Leben in Würde“. Auch Radwan verdrängt die „schlimme Zeit“ dort, denkt lieber an die freundliche Aufnahme in Karlsruhe und dann in Tübingen.

Seit 8. Oktober sind Nour und Radwan jetzt in Tübingen. Jeden Morgen, erzählt der Vater, begleitet er seine beiden Jungen mit dem Bus, zur Grundschule nach Tübingen. Dort, in den Containern im Anlagensee, lernen sie in einer Sonderklasse Deutsch. „Das klappt schon ganz gut“, freut sich der Übersetzer Haidar Nishkar. Er hat sie neulich zum Zahnarzt begleitet und konnte sich von ihren Sprach-Fortschritten überzeugen. Auch Nour und Radwan lernen gerade Deutsch. Jeden Montag und Dienstag kommt eine Lehrerin aus dem Schlatterhaus zu ihnen nach Weilheim und bringt ihnen erste Deutschkenntnisse bei – bis sie Anfang des kommenden Jahres einen Integrationssprachkurs besuchen können.

Eine neue Zukunft für die Familie

Denn Radwan möchte so schnell wie möglich wieder arbeiten und seine Familie versorgen – dazu fehlt noch die Aufenthaltserlaubnis. „Ich möchte mein Leben wieder haben“, sagt er. Und dieses Leben möchte er sich hier neu aufbauen. „In unserer Heimat gibt es keine Zukunft“, so Radwan. Er und seine Frau Nour freuen sich schon auf eine Wohnung, in der sie nur für sich sein können und wo es keinen Schimmel an den Wänden gibt. Wo die anderthalbjährige Tochter Rooa irgendwann einen Kindergarten in der Nähe besuchen und mit Gleichaltrigen spielen kann. Für Radwan und Nour steht fest: „Unsere Zukunft sind unsere Kinder.“

Syrische Familie aus Homs lebt mit ihren Kindern in Weilheim
Mit einem bunten Teppich und farbenfroher Bettwäsche versucht die fünfköpfige Familie ihre Einraum-Behausung in Weilheim wohnlicher zu machenBild: Metz

Derzeit leben im Kreis Tübingen 650 Asylsuchende in vorläufigen Flüchtlingsunterkünften, Hauptaltersgruppe sind die 26-bis 30-Jährigen (97 Personen), gefolgt von Kindern bis fünf Jahren (81), 21- bis 25-Jährigen (79), Kindern zwischen 6 bis 10 Jahren (68) und 31 bis 35-Jährigen (65).
Hauptherkunftsländer: Gambia (100 Personen), Syrien (90), Serbien (64), Nigeria (44), Mazedonien (44), Kosovo (40), Russische Föderation (36), Bosnien-Herzegowina (16), Iran (17).
Geschlecht: 410 männlich, 240 weiblich.
Das Landratsamt rechnet 2015 mit der Aufnahme von weiteren 700 Flüchtlingen.

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26.12.2014, 12:00 Uhr

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