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Tübinger Hilfe für die Helfer

Syrischer Sanitäter bekommt eine Handprothese

Seit einer Woche wird ein 28-jähriger Ersthelfer aus Syrien an der HNO-Klinik medizinisch und orthopädisch betreut. Er ist der Erste, der von der Menschenrechtskommission Human Rights Committee (HRC) an eine deutsche Klinik vermittelt wurde.

24.11.2012

Tübingen. Seit Beginn der Revolution engagierte sich Waleed Dimaschq (Name geändert) als Ersthelfer in Krisengebieten. Mit dem syrischen Roten Kreuz kümmerte er sich um die medizinische Versorgung für Verletzte, half bei der Sicherung von Unterkünften sowie Lebensmitteln und transportierte Verwundete zu provisorischen Krankenstationen.

Am 25. Januar dieses Jahres belieferte er zusammen mit einem Kollegen die unter Beschuss stehende Stadt Ranquz bei Damaskus mit Medikamenten und Verbandsmaterial. Bei der Einfahrt nach Ranquz wurden die beiden Ersthelfer von Sicherheitskräften des Regimes angegriffen: Dimaschq musste zusehen, wie sein Kollege „in Stücke gerissen“ wurde. Ihm selbst trennte ein Bombensplitter die linke Hand ab, seine rechte wurde verstümmelt. Dem 28-Jährigen gelang die Flucht aus dem zerstörten Auto. Die freie syrische Armee brachte ihn in ein provisorisches Krankenhaus. Nach einigen Tagen flüchtete er illegal über die Grenze nach Jordanien.

Seit einer Woche ist Dimaschq in der Tübinger HNO-Klinik untergebracht. Er ist der Erste, der über die Menschenrechtskommission Human Rights Committee (HRC) der Leopoldina (Nationale Akademie der Wissenschaften) für medizinische und orthopädische Hilfe an eine deutsche Klinik vermittelt wurde.

Kosten für die Prothese noch nicht gedeckt

Unter der Betreuung von Prof. Nikolaus Wülker, Direktor der Orthopädischen Klinik, wird Dimaschqs rechte Hand so operiert, dass der Greifmechanismus zwischen Mittelfinger und Daumenstumpf wieder funktioniert. Für die abgetrennte linke Hand wird ihm von der Firma Brillinger eine Prothese gefertigt.

Diese ermöglicht es Dimaschq, künstliche Finger mit Hilfe eines Motors zu bewegen, der über Sensoren im Prothesenschaft gesteuert wird. „Die Verbindung zwischen Hirn und Arm bleibt erhalten“, erklärt Wülker. Die Prothese arbeitet mit einer maximalen Greifkraft von zehn Kilogramm. „Mehr Kraft als Arnold Schwarzenegger hat“, scherzt André Banzhaf, Therapeut bei Brillinger, der mit Dimaschq die Kraftregulierung trainiert. Die Kosten der Prothese, die zwischen 15 000 und 18 000 Euro liegen, sind allerdings noch nicht gedeckt. Die Universitätsklinik ist auf Spenden angewiesen.

Während Banzhaf und Wülker bei einem Pressegespräch die technischen Details der Prothese erläutern, erinnert sich Dimaschq an den Tag, an dem er seine Hand verlor. „Beim Einfahren in die Stadt sind wir gezielt beschossen worden“, sagt er, es sei ein bewusster Angriff auf Helfer gewesen. Die syrische Regierung wolle deutlich machen, dass sie keine Hilfe wünsche, erklärt Prof. Hans-Peter Zenner, Vorsitzender des HRC und Direktor der HNO-Klinik. Deswegen werden Ärzte und Sanitäter, die verletzte Aufständische versorgen, gezielt „verschleppt, gefoltert und getötet“. Aktuell zähle man bereits 57 getötete und 540 inhaftierte oder verschollene Ärzte und Sanitäter in Syrien. „Es passiert Entsetzliches in Syrien“, so Zenner. Dimaschq hat jedoch Hoffnung, dass der Konflikt in seinem Heimatland bald beendet ist. Bis das geschieht, wird er nicht nach Syrien zurückkehren. Wenn seine Prothese fertig und seine Operation gelungen ist, wartet auf ihn wieder das Flüchtlingslager in Jordanien. Über die Hilfe des HRC und des Universitätsklinikums verspüre er „unglaubliche Freude“. Ein arabisches Sprichwort laute: „Die Gesundheit ist die Krone auf dem Kopf, die nur der Kranke sehen kann.“

Info: Für die Finanzierung der Prothese bittet das Universitätsklinikum um Spenden. Hierfür steht das Spendenkonto des Rotary-Gemeindienstes bei der Kreissparkasse Reutlingen zur Verfügung: Konto-Nr.: 580 90, Blz.: 640 500 00.

Syrischer Sanitäter bekommt eine Handprothese
Ein syrischer Ersthelfer, der anonym bleiben möchte, erhält am Universitätsklinikum Tübingen eine Prothese. Von links: Prof. Nikolaus Wülker, Dr. Hazem Kaheel, Prof. Hans-Peter Zenner und André Banzhaf.Bild: Sommer

Das Human Rights Committee (HRC) der Leopoldina kooperiert vor allem mit Universitätskliniken, in die sie verletzte Ersthelfer aus dem syrischen Bürgerkrieg vermittelt. Dort erhalten die Ersthelfer medizinische Versorgung, für die sie selbst nicht aufkommen müssen. 13 deutsche Uni-Kliniken, darunter die Uni-Klinik Tübingen, haben die Kooperation bereits zugesagt. Acht Verletzte werden durch die Vermittlung des HRC bald in Deutschland behandelt, weitere sollen folgen.

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24.11.2012, 12:00 Uhr

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