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„Menschen zur Zeit“

TAGBLATT-Fotograf Rainer Mozer war Talkgast

Rottenburg. Es gibt einen schönen Satz von Walter Benjamin über die Filmkunst, der uneingeschränkt auf die Fotografie zutrifft: Im Kino kann man dem Tod bei der Arbeit zusehen.

23.06.2012

Das gilt auch für die Bilder von Rainer Mozer, der mit verschiedenen Kameras über 30 Jahre lang Rottenburger Geschichte dokumentiert und kommentiert hat; eine kleine Auswahl davon ist derzeit im Nepomukhaus an der Josef-Eberle-Brücke zu sehen. Dort sprach der Rottenburger Stadtfotograf am Donnerstagabend auf Einladung der Katholischen Erwachsenenbildung mit Hausherr Ernst Heimes und Stadtarchivar Peter Ehrmann über Themen und Probleme, die mit seiner Arbeit als Pressefotograf zusammenhängen und die auch für die Öffentlichkeit interessant sind, plauderte sozusagen „aus dem Nähkästchen“.

Nicht ohne Tiefgang, und durchaus mit Wärme. Die etwa 40 Zuhörer/innen jedenfalls genossen den Abend, applaudierten mehrfach, lachten und schmunzelten, fragten dazwischen – und blieben am Ende auch noch auf ein Glas Wein und ein paar Worte da.

35 000 Fotos hat Rainer Mozer im Laufe seines Berufslebens im TAGBLATT veröffentlicht, bedeutende und weniger bedeutende. Fotos von Personen der Weltgeschichte wie Helmut Kohl – den er mit einem Schoko-Hasen portraitierte – und vom Rottenburger Straßenkehrer. Hat stets darauf geachtet, wie er betonte, sein Gegenüber nicht unfair abzulichten, auch wenn er manchmal kritisch durchs Objektiv blickte – auf Bischof Walter Kasper zum Beispiel, der auf einem Mozer-Bild „wie ein Nussknacker aussieht“, wie Ernst Heimes bemerkte.

„Man muss als Fotograf seinen Standpunkt finden“, lautete einer der Merksätze von Rainer Mozer. Seiner war nicht selten die Froschperspektive – vielleicht, weil sie in gespielter Unterwürfigkeit das Gegenüber vermeintlich größer, tatsächlich aber grotesker erscheinen lässt. Ganz deutlich zum Ausdruck kommt dies in einem der ersten Mozer-Bilder, einem Unfall mit einem Panzer auf der Südtangente, 1982, in dem der amerikanische GI wie ein Rambo auf einen umgeworfenen PKW schaut.

Agitprop war Rainer Mozers Sache ansonsten nicht. Er hat zwar eine politische Meinung. Als Fotograf habe er aber nie versucht, diese anderen aufzudrängen. Vielleicht auch deshalb sei er, trotz manches kritischen Bildes, von der Rottenburger Gesellschaft – egal welcher Parteizugehörigkeit – anerkannt worden.

Auch die private Seite des Pressefotografen kam zur Sprache. Dass Mozer aus einer Ulmer Lehrerfamilie stammt. Dass schon sein Vater fotografierte, und in dessen Bildern immer eines der Kinder einen roten Pulli tragen musste – um Farbe ins Bild zu bringen. Dass er mit 14 die erste Kamera bekam und schon als Gymnasiast zuhause eine Dunkelkammer hatte.

Was hat sich durch die Digitalfotografie verändert? Der studierte Geografie- und Französisch-Lehrer betrachtet es sachlich: Ob Licht auf eine Filmschicht oder auf einen elektronischen Sensor fällt, ist im Grunde gleichgültig. Aber das Geschäft des Pressefotografen haben die „Digicams“ hektischer gemacht, die Besinnungspausen in der Dunkelkammer fielen weg.

Das hat ihn am Ende seines Berufslebens auch krank gemacht, ist Rainer Mozer überzeugt – der zunehmende Stress, die Rennerei. Eine Krebserkrankung hat er überstanden, der zeitweise drohende Verlust seines Augenlichts ist abgewendet. Dafür ist er dankbar. Und für zwei Söhne, aus denen etwas geworden ist.

Unterm Strich ist er auch mit seinem eigenen Berufsweg zufrieden – trotz mancher Bitterkeit. Dass er Menschen kennenlernen durfte und an Orte kam, mit denen man in einem „normalen“ Berufsleben kaum je zu tun bekommt. Der Besuch im Schlachthof fällt ihm dazu ein, morgens um 5 Uhr, nach dem ihm der Geruch toter Tiere noch „tagelang in der Nase hing“ und er einige Zeit kein Fleisch mehr aß.

Vor allem aber hat man den Eindruck (auch beim Gang durch die Ausstellung, die noch bis 28. Juni geöffnet ist), dass Rainer Mozer ein „Menschenbildfänger“ ist, wie sich Peter Ehrmann ausdrückte, mit einem liebevollen, manchmal auch ein wenig boshaften Blick auf seine Mitmenschen. Und gerade dies macht ihn zum Chronisten der Vergänglichkeit (nichts anderes meint Walter Benjamins Aphorismus), dessen Wert erst mit den Jahren feststehen wird – dann nämlich, wenn alle oder viele von denen, die in seinen Bildern auftauchen, Vergangenheit sind. Ulrich Eisele

TAGBLATT-Fotograf Rainer Mozer war Talkgast
Talk im Haus am Nepomuk: Rainer Mozer (Mitte) im Gespräch Ernst Heimes (rechts) und Peter Ehrmann. Bild: Sommer

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23.06.2012, 12:00 Uhr

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