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TAGBLATT-Gespräch mit Carmen Eckardt über ihren Film „Viktors Kopf“
Carmen Eckardt Bild: Lang
Die Spur zum Gräberfeld X

TAGBLATT-Gespräch mit Carmen Eckardt über ihren Film „Viktors Kopf“

Tübingen, wo der antifaschistische Widerstandskämpfer Viktor Kunz auf dem Gräberfeld X des Stadtfriedhofs begraben wurde, ist nun auch ein Ort seiner Rehabilitierung. Der Dokumentarfilm „Viktors Kopf“ läuft am Dienstag, 24. Januar, im Waldhorn-Kino und am Mittwoch, 25. Januar, im Tübinger Arsenal, jeweils um 18 Uhr.

16.01.2017
  • Hans-Joachim Lang

Carmen Eckhardt hatte Angst. Sagt sie. Angst vor „schmerzlichen Wahrheiten“ und Angst davor, „damit allein zu sein“. Sie sagt das in dem Dokumentarfilm, den sie über Viktor Kunz gedreht hat, ihren Urgroßvater. Carmen Eckardt stand vor der Kamera und stand hinter der Kamera, mal rückt ihr Bild voll ins Zentrum, dann geht sie wieder auf Distanz. Sie drehte einen Film nicht nur über ihren Urgroßvater, sondern letztlich auch über sich. Und über die Frage des angemessenen Umgangs mit unbewältigter Geschichte, die noch nach Generationen Familien belastet.

In Eckardts Familie hatte man sich über den Pazifisten, Anarcho-Syndikalisten, kurzzeitigen Arbeitsminister der pfälzischen Separatisten und antifaschistischen Widerständler ausgeschwiegen. Mit nichts als dem Wissen, dass ihn die Nazis 1943 zum Tode verurteilt hatten, begann dessen Urenkelin in Archiven zu forschen. Die Quellen waren ergiebig. „Ich spürte intuitiv“, ergänzt sie im TAGBLATT-Gespräch, „dass diese Geschichte in Teilen der Familie auf große Abwehr stößt und dass ich keine Unterstützer finden würde, die mich bei dieser Spurensuche begleiten. Das hat mir Angst gemacht, diesen einsamen Weg zu gehen.“

Anleitung und Orientierung fand Carmen Eckardt bei dem Psychoanalytiker Arno Gruen, der vorigen Herbst 92-jährig in Zürich gestorben ist. Gruen, der 1936 mit seiner Familie vor den Nazis aus Berlin geflohen war und sich beruflich mit den Ursachen der menschlichen Destruktivität auseinandersetzte, gab im Filminterview die Stichworte vor: Verleugnung der Schmerzen, hier die Gewalt des NS-Systems, macht krank, betäubt Mitgefühl und verleitet dazu, Schmerz weiterzugeben. Gruen hatte der Dokumentarfilmerin den Rat mitgegeben, die Blockade in der Familie nicht einfach hinzunehmen. Vier Jahre war sie dann unterwegs, den familiengeschichtlich verschollenen Uropa aufzuspüren und mit den Nachgeborenen bekanntzumachen.

Carmen Eckardt rekonstruiert mit ihren Recherchen zugleich eine bemerkenswerte politische Biographie, mit der sich manche Institutionen noch heute erstaunlich schwertun. Für sie selbst blieb es „bis zum Schluss ein einsamer Weg“, denn auch der Familienzweig ihres Urgroßvaters blieb in Abwehrhaltung.

Im Film erleben die Betrachter hautnah, wie die Forscherin geduldig ihre Fundstücke zusammenträgt. Flugschriften werden aufgeblättert, die Viktor Kunz‘ Politaktivitäten belegen, Akten der Justiz vorgezeigt, die den Werdegang des kompromisslosen Oppositionellen belegen und seinen Lebensweg nachspüren lassen. Bis hin zur Verhaftung im Frühjahr 1943 im besetzen Elsass, wohin Kunz schon vor der Nazizeit geflüchtet war und wo ihm der berüchtigte Roland Freisler den Prozess machte, der mit dem Todesurteil endete.

Vollstreckt wurde das Urteil in Stuttgart, dokumentiert ist es in allen Details – bis hin zum nicht zugestellten Abschiedsbrief – im Bundesarchiv. Die enthauptete Leiche blieb den Angehörigen und dem ordnungsgemäßen Begräbnis vorenthalten. Stattdessen übernahm sie das Anatomische Institut der Universität Tübingen für Präparierkurse von Medizinstudenten. Die im Krematorium verbrannten Überreste kamen ins Massengrab des Gräberfeld X im hiesigen Stadtfriedhof. Die Kamera folgt der Protagonistin auf allen Stationen.

„Ich habe mich lange gescheut, aus dieser Geschichte einen Film zu machen“, sagt Eckardt. „Zunächst hatte ich keine Lust, mich zu exponieren und mich auch noch in den Mittelpunkt zu stellen.“ Der Spagat vor und hinter der Kamera bedeutete für sie einen „fordernden Rollenwechsel“. Das Schwierigste und für sie selbst nicht einfach zu ertragen: „Mich mit den Gefühlen, die einhergehen, zu offenbaren. Aber ich dachte, da kann ich nicht kneifen.“

Dies im Gegensatz zu manchen ihrer Gegenüber, Amtspersonen, deren Empathie sie oft vermisste. Der Anatomie-Direktor, der sein Institut allgemein auf die Zeitumstände herausredete, ließ sich ebensowenig darauf ein wie die Justiz, für die eine Einzelfallprüfung des Unrechts kein Thema ist. Nicht einmal die Stadt Tübingen ist bislang bereit, auf der Bronzetafel den falsch aufgezeichneten Namen des Urgroßvaters zu korrigieren. Denn, huch, das kostet Geld.

In solcher Hinsicht, sagt die Kölnerin, hatte ihr Projekt „keinen heilsamen Abschluss“. Weil sie aber nicht locker ließ, um eine Form von Rehabilitierung für ihren Urgroßvater zu finden, fuhr sie vorigen Juni zum KZ Natzweiler, wo der französische Staat bei einer Gedenkfeier Ermordete und Überlebende der Resistance ehrte. Also Kämpfer, wie auch Viktor Kunz einer war. Seine Urenkelin trug sein Bild dorthin, reihte sich, und damit ihn, kurz entschlossen ein. Und erlebte, wie es ist, wenn es an Empathie nicht fehlt. Wenigstens dort.

Aber auch im Kino Arsenal, in dem die Premierengäste im dreiviertel vollen Kinosaal wärmenden Beifall spendeten. Im Gespräch hinterher sagt sie, dass sie persönlich es „als sehr befreiend“ empfinde, ihre Recherchen zu Ende geführt zu haben. „Ich konnte abschließen und Frieden machen mit der Geschichte.“

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16.01.2017, 11:11 Uhr

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