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Freundschaft mit einer Schnecke

TAGBLATT-Gutenachtgeschichte in der Ofterdinger Zehntscheune

Der Ofterdinger Kirchplatz war zu Beginn der Lesung zwar wieder trocken, aber da war der Umzug in die Zehntscheune schon geschehen. Dicht an dicht saßen die Ofterdinger, um die Geschichten zu hören.

08.08.2014
  • sum

Ofterdingen. „Die Hälfte des Sommers ist zu Ende“, stellte TAGBLATT-Mitarbeiter Jürgen Jonas am Donnerstag fest. Passend zum Lesungsdatum riet er, die verbleibenden 146 Tage bis zum Jahresende sinnvoll, etwa mit der Lektüre des Buches „Der Mann, der Donnerstag war“ zu verbringen.

Die lustvoll ausschweifenden Randbemerkungen des Moderators Jonas sind Tradition – dieses Mal ging es um die vielen Grußworte, die er als Lokalreporter auszuhalten hat. Die „Töchter des Hauses“, Jutta Fauser (Akkordeon) und Heidi Obertreis (Geige) aus Nehren, umrahmten die Lesung mit zauberhaften kleinen Herz- und Schmerz-Melodien.

Elvira Martin, seit 20 Jahren Wahl-Ofterdingerin, schlüpfte lesend in die Rolle der Autorin Elisabeth Tova Bailey, die monatelang durch eine rätselhafte Virusinfektion ans Bett gefesselt war. „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“ heißt ihr 2014 erschienenes Buch, in dem der Kontakt zu einem schleimigen Kriechtier den Blick auf das ganze Leben verändert. Die kleine Molluske im Blumentopf neben ihrem Bett wird für die Kranke zum Vorbild an Beharrlichkeit und Überlebenswillen.

Bailey empfindet „ein Gefühl von Gemeinschaft“, wenn sie ihr Haustierchen beobachtet und auf sein zartes Kauen lauscht, „als mampfte jemand sehr Kleines unablässig Selleriestangen“. Schließlich richtet sie in einem Terrarium ein artgerechtes Bed-and-Breakfast-Biotop ein. Die Erforschung ihrer Gefährtin begleitet Baileys schneckenlangsame Rekonvaleszenz. Zunehmend nimmt sie Zeit und Raum wie durch die Augenfühler ihrer Freundin wahr.

Wie können Schnecken bei ihrer geringen Geschwindigkeit fünf Kontinente besiedeln und das seit einer halben Milliarde Jahre? Das fragt sie voller Hochachtung, als sie in der Fachliteratur über die „Gastropoden“ (Magenfüßler) recherchiert. Dass Schnecken eine „dentale Ausstattung“ von 2640 nachwachsenden Raspelzähnchen haben, löst schließlich fast Neid aus.

Mit Sicherheit haben die Mollusken ihren Weg auch auf die Kanalinsel Guernsey gefunden. Dort spielt der Briefroman „Deine Juliet“ von Mary Ann Shaffer, aus dem Werner Killguss las. Der pensionierte Pfarrer, der in Balzheim, Mössingen, Onstmettingen und Fluorn als Seelsorger arbeitete, lebt erst seit drei Jahren in Ofterdingen.

Aus dem Briefwechsel, den die „Guernseyer Freunde von Dichtung und Kartoffelschalenauflauf“ mit einer Londoner Schriftstellerin unterhalten, erfährt der Leser humorvoll verpackt, wie sich die Bewohner der Kanalinsel die deutsche Besatzung erträglich machten.

Anfangs tarnte der Literaturkreis ein heimliches Schweinefleischessen, später wurden tatsächlich Bücher gelesen. Der Diener Darcy, der sich vor den Deutschen als Lord ausgibt, findet Trost in den Briefen Senecas. Doch nicht alles geht gut aus. Die Gastgeberin des Lesekreises versteckt einen polnischen Zwangsarbeiter. Sie wird nach Bergen-Belsen deportiert.

TAGBLATT-Gutenachtgeschichte in der Ofterdinger Zehntscheune
Elvira Martin las zum Auftakt der Gutenachtgeschichte in Ofterdingen. Bild: Franke

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08.08.2014, 12:00 Uhr

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