Tübingen · Sommernachtskino

TAGBLATT-Wunschfilm: Spotlight auf Unbequemes

Wie schwierig es ist, über sexualisierte Gewalt zu berichten, zeigt der Film „Spotlight“ ebenso wie der Pflegetöchterfall aus dem Steinlachtal.

23.07.2021

Von Andreas Straub

Tagblatt-Redakteurin Jacqueline Schreil und der stellvertretende Chefredakteur Ulrich Janßen. Bild: Andreas Straub

Um ernste Themen ging es beim Sommernachtskino am Donnerstagabend. Leser hatten beim Wunschfilm des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs eindeutig für den Film „Spotlight“ gestimmt, der sich mit sexuellem Missbrauch und der Berichterstattung darüber befasst.

Als Marty Baron, der neue Chefredakteur des Boston Globe, auf einen Artikel über den Missbrauch von Kindern in der katholischen Kirche stößt, beschließt er, der Sache nachzugehen. Er setzt eine Gruppe investigativer Reporter, das sogenannte Spotlight-Team, auf den Fall an. Die Journalisten fördern einen weitreichenden Skandal zutage, der von der Kirche jahrelang verschleiert wurde. Ihre Ermittlungen werden aber nicht nur durch das Schweigen der Betroffenen erschwert. Der Film erzählt spannend, detailreich und bewegend, wie vier „Boston Globe“-Reporter 2001 den sexuellen Missbrauch aufdecken und wie das Bostoner Establishment auf vielfältige Weise versucht, die Recherchen zu behindern. Der Film von Tom McCarthy wurde von der Kritik überschwänglich gelobt und erhielt unter anderem zwei Oscars.

Um aufrechten Journalismus vor Ort ging es in einem kurzen Gespräch vor dem Film. Der stellvertretende TAGBLATT-Chefredakteur Ulrich Janßen (62) befragte die Redakteurin Jacqueline Schreil (29), die in dieser Zeitung und im Wochenmagazin „Zeit“ über den Missbrauch zweier Mädchen in einer Pflegefamilie im Steinlachtal berichtet hatte. Das TAGBLATT begleitete den Fall über mehrere Monate hinweg. „Die Fälle in Spotlight sind eine andere Dimension“, stellte Janßen zu Beginn klar. Außerdem berichtete Schreil aus dem Gerichtssaal, als die sexualisierte Gewalt bereits aufgeflogen war.

„Es ist auf lokaler Ebene schwierig, über ein solches Thema zu berichten“, sagte Schreil. So nannte sie nie den genauen Ort der Geschehnisse, auch um die Opfer zu schützen. Andere Medien hatten den Namen der Gemeinde genannt. Dass die Geschichte größer ist als ursprünglich angenommen, wurde ihr am dritten Verhandlungstag klar. „Die Psychologin Heidrun Overberg schilderte im Zeugenstand ausführlich und eindrucksvoll, wie sie jahrelang versuchte, das Tübinger Jugendamt darauf aufmerksam zu machen, dass etwas in dieser Familie schiefläuft“, sagte Schreil. Für sie habe der Fall damit eine neue Wendung bekommen.

Die Berichte erregten viel Aufmerksamkeit und betrafen, so Schreil, hohe Ämter im Landkreis. Wichtig sei dabei, sich nicht mit einer Sache gemein zu machen und sich von einzelnen Akteuren nicht vereinnahmen zu lassen. „Die Leute, mit denen man sich unterhält, sind alle parteiisch.“ Die Recherchen führten bisweilen zu langen Arbeitstagen. „Da hockt man auch mal bis 23 Uhr an seinem Text“, erzählte Schreil. Erst recht, wenn man Wert auf das Feedback von Kollegen lege. „Das braucht einfach Zeit.“

Nur bei Janßens Frage, was sie im Nachhinein anders gemacht hätte, zögerte die Reporterin kurz. „Ich habe mich manchmal gefragt, ob ich nicht doch noch mit den Opfern hätte sprechen sollen. Ich habe die beiden Pflegetöchter ja bei Gericht gesehen.“ Das hätte für die inzwischen jungen Frauen aber womöglich eine weitere Belastung bedeutet. „Ich habe mich dann bewusst dafür entschieden, sie in Ruhe zu lassen.“ Aus heutiger Sicht finde sie diese Entscheidung auch richtig.

Das angemessene Berichten über Missbrauchsfälle sei eine Gratwanderung für Journalisten: Auf der einen Seite müsse man für solche Tabuthemen eine Öffentlichkeit schaffen, Zusammenhänge aufzeigen und die Dinge auch benennen. Auf der anderen Seite dürfe man sich nicht anmaßen, „den Opfern in den Kopf zu schauen“. Und man müsse auch die Gegenseite hören.

Gerne hätte das TAGBLATT die Sicht des Landratsamts schon zu Beginn der Vorwürfe mit einem großen Wortlautinterview beleuchtet. Dort habe man aber lange auf das noch laufende Verfahren gegen den Pflegevater verwiesen und abgelehnt. Das TAGBLATT berichtete zu dieser Zeit aber bereits über den Fall. „Da entsteht schnell der Eindruck, man wolle mit einer Seite nicht sprechen.“ Nach dem Urteil gegen den Pflegevater kam dann schließlich ein großes Interview zustande. „Ist jetzt alles gut?“, wollte Janßen wissen. „Es ist eine komplexe Geschichte, die sich über einen langen Zeitraum zieht“, so Schreil. „Trotz allem bleiben Fragen offen.“

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Erstellt:
23. Juli 2021, 19:55 Uhr
Aktualisiert:
23. Juli 2021, 19:55 Uhr
zuletzt aktualisiert: 23. Juli 2021, 19:55 Uhr

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