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Neue Dimensionen

Tabea Flath probt mit dem Stephanuschor Rutters Magnificat fürs Konzert am morgigen Sonntag

Vor einem Jahr, zum Juni 2014, übernahm Tabea Flath die Kirchenmusiker-Stelle an der Stephanuskirche, die sich bis dahin Chorleiter Hans Walter Maier und Organistin Heidi Grözinger geteilt hatten. Am morgigen Sonntag in der Stiftskirche gibt Flath ihr erstes großes Konzert mit dem Stephanuschor und dem Magnificat von John Rutter, einem der populärsten zeitgenössischen Komponisten.

27.06.2015
  • Achim Stricker

Tübingen. Sie hatte „Respekt vor den großen Fußstapfen“, in die sie an der Stephanuskirche tritt, erzählt Tabea Flath. 1971 hatte Hans Walter Maier die Leitung des noch jungen Stephanuschors übernommen, Heidi Grözinger kam 1977 als Organistin in die Gemeinde. Sie beide haben die Kirchenmusik an der 1968 geweihten Stephanuskirche über fast die gesamte Zeit ihres bisherigen Bestehens begleitet und geprägt.

Große Wertschätzung seitens des Chors

Aber Tabea Flath wurde von Gemeinde, Kirchengemeinderat und Stephanuschor mit offenen Armen empfangen, herzlich und wohlwollend. Ihrer Probenarbeit bringt der Chor große Wertschätzung entgegen. „Von der Jakobuskirche her war ich andere Dimensionen gewöhnt“, meint Flath mit Blick auf die zahlreichen Sänger/innen des Stephanuschors, die zum Probenwochenende im Stephanus-Gemeindesaal eintrudeln. Mit über 110 Stimmen ist der Stephanuschor einer der größten Kirchenchöre Tübingens – dank seiner Beliebtheit reicht sein Einzugsgebiet weit über die Gemeinde hinaus. Dagegen hatte Flaths Jakobuskirchenchor mit seinen 40 Mitgliedern Kammerchorgröße. Ein oratorisch großer Chor setzt viel mehr Klangkraft frei, umgekehrt erfordert er am Dirigentenpult aber auch mehr Kraft und Zentrierung – schon allein der Blickwinkel ist bei einem größeren Chor notwendig weiter.

„Alle Dimensionen sind größer geworden“, schildert Flath: „Bisher habe ich immer in der Jakobuskirche konzertiert. Die Stiftskirche ist für mich ein neuer Konzertraum. Wenn die Stiftskirche am Sonntag nur halb voll wird, sind das immer noch weit mehr Zuhörer, als in die Jakobuskirche überhaupt hineinpassen würden.“

Seit 2001 war Flath 13 Jahre lang Kantorin an Jakobus gewesen, allerdings immer nur in Mutterschaftsvertretung mit befristetem Vertrag. Trotz der ungewissen Situation fühlte sie sich dort „heimisch und verwurzelt“.

Für etwas komplett Neues entschieden

Den Stellenantritt an der Stephanuskirche sieht Flath nun als Chance. Auf der Orgel der Bautzener Firma Eule fühlt sie sich schon „wie Zuhause, es ist wie ein Heimkommen“: Im Kirchenmusikstudium in Dresden hat Flath vielfach auf Eule-Orgeln musiziert. Die Peter-Vier-Orgel der Jakobuskirche mit ihren beschränkten Registermöglichkeiten war zwar kein ideales Konzertinstrument, dennoch vermisst Flath ein wenig die dortige samstägliche Reihe „Orgel zur Marktzeit“. Nach ihrem Weggang übernahm Gisela Sauerbeck die Leitung des Jakobuschors, Michael Dan den Organistendienst.

Ein Dirigentenwechsel bringt in der Regel Dynamik in einen Chor. Im Stephanuschor sind dagegen die meisten geblieben, sogar noch einige dazugekommen, wofür Flath „ebenso froh und dankbar“ ist wie für „die vorbildliche Übergabe und Unterstützung“ ihrer Amtsvorgänger. Heidi Grözinger korrepetiert beim Probenwochenende am Yamaha-Flügel.

Bei ihrem ersten Konzertprojekt hat sich Flath für „etwas komplett Neues entschieden. Unter Hans Walter Maier hat der Chor viel Mendelssohn gesungen. Ich wollte aber auch keinen Bach oder Schütz machen.“ John Rutters Magnificat, 1990 in der New Yorker Carnegie Hall uraufgeführt, ist dagegen ein Werk der Postmoderne: pluralistische Stilzitate von der Gregorianik über Händel und die anglikanische Kirchentradition bis hin zu Pop und Jazz. Mit seiner neotonalen Rückkehr zu Dur und Moll, seinen bereinigt glatten Klängen und der Verbindung zum Pop gerät Rutter oft in „den Ruf des Süßlichen“, berichtet Flath. Aber je mehr sie sich mit dem 1945 in London geborenen Komponisten beschäftigt hat, umso mehr gefiel ihr seine bescheidene Haltung: „Für ihn kommt zuerst der Text, die Musik stellt sich in seinen Dienst, bringt ihn in die Herzen der Zuhörer. Diese Demut hat mich beeindruckt.“

Für den Chor gibt es hier einige rhythmische Herausforderungen; im ersten der sieben Sätze ändert sich das Metrum ständig – 3/8 und 3/4-Takt wechseln permanent. Im dramatischen fünften Satz „Fecit potentiam“ („Er übet Gewalt“) springen die Akzente rebellisch gegen den Takt. „Nie eilen, gleichmäßig wie ein Uhrschlag“, mahnt Flath, „die Silben kurz und prägnant absprechen, die Akzente herausmeißeln.“ Wenn Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Hoffärtigen zerstreut, lässt Rutter sinnbildlich auch die musikalischen Linien auseinanderbrechen und zerbröckeln.

A lovely rose is all my song

Dagegen sollen die Chorist(inn)en in die Klänge des dritten Satzes „Quia fecit mihi magna“ („Denn er hat große Dinge an mir getan“) „eine mütterlich-herzliche Ausstrahlung hineinlegen, eine ganz helle Farbe, und dabei etwas rein Positives ausstrahlen. Ein gleichmäßiges Schreiten – stellen sie sich englische Chorgewänder in einem weiten Raum vor.“ Der zentrale Begriff des Magnificats und der Rutter-Vertonung ist für Flath „misericordia“ – Barmherzigkeit. In den traditionellen Magnificat-Text, den Lobgesang der Maria, hat Rutter als Sopran-Solo das spätmittelalterliche Mariengedicht „Of a rose, a lovely rose is all my song“ eingefügt.

Musiziert wird das 40-minütige Werk in der Kammerorchester-Version mit solistischen Bläsern, Harfe, Streichern, Percussion und Orgel. Davon ausgehend, hat Flath ein weiteres Stück in fast derselben Besetzung gesucht, ebenfalls ein Lobpreis: Händels 20-minütige Psalmvertonung „Laudate pueri Dominum“ HWV 237 („Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn“. 1707 in Händels italienischen Lehr- und Wanderjahren entstanden, ist es eins seiner frühesten Werke überhaupt.

Info: Stephanuschor und Concerto Tübingen musizieren unter Tabea Flath am morgigen Sonntag um 19.15 Uhr in der Stiftskirche Rutters Magnificat und Händels „Laudate pueri“. Soli: Maria-Barbara Stein (Sopran) und Daniel Tepper (Orgel).

Tabea Flath probt mit dem Stephanuschor Rutters Magnificat fürs Konzert am morgigen Sonntag
Tabea Flath dirigiert, Heidi Grözinger am Flügel: Ein Blick ins Probenwochenende im Stephanuszentrum, wo alle schon sehr bei der Sache sind.Bild: Metz

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27.06.2015, 12:00 Uhr

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