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Hoffnung, Chaos, Schlamm

Täglich kommen 4000 Flüchtlinge auf der Mittelmeerinsel Lesbos an

Tausende Flüchtlinge kommen täglich über das Mittelmeer in die EU. Die Inseln, auf denen sie stranden, sind oft überfordert - so auch das griechische Lesbos, wo teils unmenschliche Zustände herrschen.

04.11.2015

Von BETTINA GABBE

In den ersten Morgenstunden flaut der Wind auf der Insel Lesbos etwas ab. Noch vor Sonnenaufgang starten in der Türkei, dort, wo das Land nur acht Kilometer von der Ostküste Lesbos entfernt ist, die ersten Boote. Von griechischer Seite sehen sie aus wie schwarze Punkte, die sich im Zickzack nähern. Offensichtlich ist niemand auf dem Boot, der Kurs halten könnte.

Sobald das Boot besser zu erkennen ist, fahren freiwillige Helfer auf dem schlammigen Küstenweg dorthin, wo es vermutlich ankommen wird. Niederländer, Norweger und ein Fischer winken die Flüchtlinge an eine Stelle, an der die Landung weniger gefährlich ist. Sie geben den Menschen auf dem völlig überfüllten Boot mit Handzeichen zu verstehen, dass sie sitzen bleiben sollen - wenn alle aus Freude, endlich in Europa angekommen zu sein, aufstehen, kann so ein Boote schnell kentern. Viele können nicht schwimmen, nur wenige haben Schwimmwesten an. Kleinkinder sind in dicke Wintermäntel gehüllt, sollten sie ins Wasser fallen, werden sie rasch in die Tiefe gezogen.

Dann schaffen es die ersten jungen Leute ans Land. Helfer heben Kleinkinder und Neugeborene aus dem Boot und wickeln nasse Babys in leuchtend orangefarbene Aludecken. Zwei junge Männer lachen und machen ein Selfie, andere rufen in der Heimat an, um zu sagen, dass sie sicher angekommen sind. Familien sitzen erleichtert am Straßenrand, Kinder werden mit Kartoffelchips versorgt - Hauptsache etwas im Magen. "Ich fühle mich, als hätte ich im Lotto gewonnen", sagt ein junger Pakistani. "Ich komme aus Syrien", sagt ein junger, in Folie gewickelter Mann, am Straßenrand. Ein Afghane erzählt, er sei vor den Taliban geflohen. Alle wünschen sie sich nur eins: Sicherheit. Und die, so glauben sie, gibt es in Deutschland und Schweden. In Griechenland will kaum jemand bleiben.

Ein paar Kilometer weiter steht der Bus einer adventistischen Hilfsorganisation. Helfer verteilen Wasserflaschen und Weißbrotscheiben. "Manchmal kommen so viele Menschen an, dass ich gar nicht genug Brote streichen kann", erzählt Ellen aus Kopenhagen. Für ihren Aufenthalt auf Lesbos gibt die Rentnerin ihr Erspartes aus. Vor zwei Wochen kam sie spontan auf die Insel, die sie aus ihren Urlauben kannte, und packte einfach mit an.

Am Morgen erreichte auch ein Kajütboot den Strand - der Bug tief unter Wasser, die Fenster geborsten, die Flüchtlinge voller Todesangst. Wenn das Boot gesunken wäre, hätten viele von ihnen kaum eine Chance gehabt, zu überleben. Nun wird das Boot abgeschleppt und vermutlich versenkt. Lesbos ist zu klein, für die vielen Bootswracks fehlt der Platz.

Auf einem Zaun am improvisierten Aufnahmelager hängen Hosen zum Trocknen. Rauch liegt in der Luft. "Er verpestet die Luft im Ort", sagt eine Frau in der Hafenbar. Sie schwankt zwischen Mitleid und Unmut. Es seien einfach zu viele, die Fremden schaden dem Geschäft. "Wir arbeiten nur sechs Monate im Jahr, davon kommen wir gerade eben über die Runden." Im vergangenen Sommer seien wegen der Flüchtlinge 80 Prozent der Buchungen storniert worden.

Auf dem Weg ins größte Flüchtlingslager der Insel winken junge Leute den Vorbeifahrenden zu. Busse des UN-Flüchtlingshilfswerks verbinden das Lager, das als Hotspot die Ankommenden registrieren und zur Weiterfahrt aufs griechische Festland vorbereiten soll, mit dem Rest der Insel.

Noch stranden täglich rund 4000 Menschen auf der Lesbos. Die 80 000 Bewohner und ihre Verwaltung sind überfordert - auch angesichts der vielen Toten, die angeschwemmt werden. Auf dem Friedhof der Insel ist kein Platz mehr. Bürgermeister Spyros Galinos fordert, die Flüchtlinge mit Fähren abzuholen, statt sie Schleppern für rund 1000 Euro pro Überfahrt in die Arme zu treiben.

Im Flüchtlingslager von Moria erwartet die Flüchtlinge dann erst einmal eine Enttäuschung. Die hohen Zäune zu dem Lager sind mit Stacheldraht geschützt, die Tore geschlossen. Nicht jeder kann sofort aufgenommen werden. Polizisten fordern die Ankommenden auf, eine Nummer zu ziehen und eine Schlange zu bilden, die sich aber selbst unter Gebrüll nicht formieren will. Familien mit Kleinkindern lagern am Fuß des Zauns in unbeschreiblichem Dreck. Eine junge Frau wäscht an einem Gummischlauch Kleidungsstücke mit Seife.

"Heute wäre ich eigentlich dran", schimpft ein junger Mann und zeigt auf seinen Nummernzettel. "Sie geben uns nichts zu essen und zu trinken, wir warten hier seit zwei Tagen." Unten an der Straße nutzen fliegende Händler das Chaos. Sie verkaufen Kleidung, Sandwiches und Zelte für 30 Euro. Vor der nächtlichen Kälte schützen sie nicht.

Das Chaos und der Schmutz machen nicht den Eindruck, dass der Hotspot seine Funktion erfüllt. Flüchtlinge sollen hier die Möglichkeit haben, Asylanträge zu stellen, der Strom soll von hier aus gelenkt werden. Vor wenigen Tagen war ein Besuch von Außenminister Frank-Walter Steinmeier angekündigt, dann aber wieder abgesagt worden. Die Bilder, die so nach Deutschland gelangt wären, hätten das Gegenteil der erwünschten Beruhigung der Gemüter bewirkt.

Acht Kilometer trennen die Türkische Küste von den Stränden der Insel Lesbos - viele versuchen, sie in überfüllten Booten zu überwinden Foto: afp

  • Statistik Im Oktober sind nach UN-Angaben rund 218 400 Menschen über das Mittelmeer nach Europa geflohen ? beinahe so viele wie im gesamten vergangenen Jahr. „Das war die höchste Zahl seit dem Ausbruch der Syrien-Krise, die wir je in nur einem Monat verzeichnet haben?, sagte der Sprecher des UN-Flüchtlingshilfswerks, William Spindler.
  • >Gründe Ein Grund sei die humanitäre Flüchtlingshilfe in Deutschland, sagt Spindler. Viele Flüchtlinge hätten sich aus Furcht vor einem bald restriktiveren Vorgehen Deutschlands beeilt, noch rechtzeitig nach Europa zu gelangen. Auch das Näherrücken des Winters spiele eine Rolle. Zudem habe sich die Versorgungssituation in Lagern der Nachbarländer Syriens verschlechtert. dpa

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Erstellt:
4. November 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
4. November 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 4. November 2015, 12:00 Uhr

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