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25 Jahre Projekt Handschlag

Täter-Opfer-Ausgleich gesetzlich verankert

Das Projekt Handschlag feierte am Freitag mit einem Festakt im Spitalhof sein 25-jähriges Bestehen. Damit blickt der „Verein Hilfe zur Selbsthilfe“ nicht nur auf ein Vierteljahrhundert erfolgreiche Arbeit zurück, er hat auch Rechtsgeschichte geschrieben: Seit 1991 ist der Täter-Opfer-Ausgleich im Jugendgerichtsgesetz verankert.

28.09.2010
  • uschi kurz

Reutlingen/Tübingen. Das Projekt Handschlag in Trägerschaft des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe nahm 1985 in der Metzgerstraße 67 in Reutlingen als Modellprojekt des Bundesministeriums für Familie, Gesundheit und Soziales seine Arbeit auf. Es war damals die erste Einrichtung in Deutschland, die versuchte, zwischen Tätern und Opfern zu vermitteln, ohne dass es zum Gerichtsverfahren kommt.

Nach und nach wurde eine Verfahrensweise entwickelt, wie mit Hilfe eines Mediators im direkten Gespräch zwischen den jugendlichen und heranwachsenden (maximal 20-jährigen) Tätern und Opfern ein Ausgleich erzielt werden kann. Ein Ausgleich mit dem hinterher alle Beteiligten leben können. Hintergrund war die Überzeugung, dass nicht nur die Täter, sondern auch die Opfer einbezogen werden müssen, wenn der „soziale Rechtsfrieden“ wieder hergestellt werden soll. Während die Täter Verantwortung übernehmen und angemessene „Wiedergutmachung“ leisten sollen, können die Geschädigten ihre eigenen Bedürfnisse als Reaktion auf die Straftat einbringen. Diese Möglichkeit, die passive Opferrolle zu verlassen, bleibt den Opfern bei einem Gerichtsverfahren normalerweise versagt. So werden gemeinsam Vorstellungen entwickelt, wie der Ausgleich aussehen könnte. Eine Wiedergutmachung kann aus Schadenersatz, Schmerzensgeld, aber auch aus einer Entschuldigung oder einem Geschenk bestehen. Sind alle Beteiligten mit dem Ergebnis des Ausgleichs einverstanden, erhält die Staatsanwaltschaft einen Bericht. Für die Justiz besteht dann die Möglichkeit, das Verfahren einzustellen oder das Ergebnis in der Strafzumessung zu berücksichtigen.

In enger Kooperation mit Staatsanwälten, Jugendrichtern, Jugendgerichtshelfern entwickelte sich der Täter Opfer-Ausgleich Made in Reutlingen schnell zu einem Erfolgsmodell: Nach dem die dreijährige Modellphase vorüber war, übernahmen die Landkreise Reutlingen und Tübingen die Finanzierung. 1991 führte die positiven Erfahrungen mit dem Täter-Opfer-Ausgleich dann dazu, dass diese Art der Konfliktlösung 1991 im Jugendgerichtsgesetz verankert wurde: Damit, so der Verein in seinem Rückblick anlässlich des Jubiläums, habe „das Projekt Handschlag und der Verein zur Selbsthilfe quasi Rechtsgeschichte mitgeschrieben“. 1996 schloss der Landkreis Calw mit dem Verein Hilfe zur Selbsthilfe einen Kooperationsvertrag. Seither ist das Projekt Handschlag im ganzen Einzugsgebiet der Tübinger Staatsanwaltschaft im Einsatz.

Mittlerweile gehört der Täter-Opfer-Ausgleich nicht mehr nur im Landgerichtsbezirk Tübingen, sondern in ganz Deutschland zum gängigen Maßnahmenkatalog als Reaktion auf Straftaten, die von jugendlichen Straftäter(inne)n begangen wurden. Und das mit einer großen Erfolgsquote wie Diplom-Sozialarbeiterin Gina Steinborn berichtet, die schon seit 1995 als Vermittlerin im Täter-Opfer-Ausgleich arbeitet. In 75 Prozent der Fälle, die über die Staatsanwaltschaft oder das Gericht vermittelt werden, komme eine Einigung zustande. In Fällen, in denen sich die beteiligten Täter und Opfer selbst dazu entscheiden, gemeinsam an einen Tisch zu sitzen, um so ein Strafverfahren zu verhindern „sind es sogar weit über 90 Prozent“.

Wie der Täter-Opfer-Ausgleich abläuft

Der symbolische Handschlag zwischen Tätern und Opfern, der dem Projekt seinen Namen gab, kommt übrigens in der Realität nur selten zustande. Weil das bisweilen zu Missverständnissen führte, sagt Steinborn, habe der Verein sogar kurz überlegt, das Projekt umzubenennen. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte sich das Projekt Handschlag bereits bundesweit einen Namen gemacht und deshalb sei es dabei geblieben. Und ein symbolischer Handschlag ist es ja allemal.

Das Projekt Handschlag erhält die Fälle, die überhaupt für einen Täter-Opfer-Ausgleich in Frage kommen, durch die Staatsanwaltschaft oder die Jugendgerichtshilfe oder durch die Richter. Auch können sich Täter wie Geschädigte direkt beim Projekt Handschlag melden, wenn in einem strafrechtlichen Konflikt vermittelt werden soll.

In einem ersten getrennten Gespräch mit dem Täter und dem Opfer wird abgeklärt, ob der Täter-Opfer-Ausgleich überhaupt geeignet erscheint. Falls ja, kommt es zu einem gemeinsamen Gespräch der Beteiligten bei dem der Vorfall aufgearbeitet und die Wiedergutmachung vereinbart wird.

Weitere Infos zum Projekt Handschlag gibt es im Internet unter: www.projekt-handschlag.de.

Täter-Opfer-Ausgleich gesetzlich verankert

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28.09.2010, 12:00 Uhr

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