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Skandal

Täuschen und Tricksen auf Facebook

Forscher wollten mit ihren Fragebögen psychologische Profile erstellen. Das Ganze endete in einer riesigen Datenschnüffelei.

22.03.2018
  • HENDRIK BEBBER

London. Das britische Parlament hat Mark Zuckerberg vorgeladen, damit der Facebook-Boss „einen akkuraten Bericht über das katastrophale Versagen“ des Schutzes von Privatdaten der Benutzer abgeben kann. Wie berichtet, wurden mehr als 50 Millionen Profile von Facebook Teilnehmern von der britischen Agentur Cambridge Analytica für politische Zwecke ausgewertet. Der Skandal kostete das Netzwerk um die 35 Milliarden Dollar, weil der Börsenwert über Nacht um sieben Prozent schrumpfte.

Nach den Enthüllungen durch den britischen Fernseh-Sender „Channel 4 News“ und durch die Zeitungen „Guardian“ und „Observer“ hat die staatliche Informationsschutzbehörde einen richterlichen Durchsuchungsbefehl für Cambridge Analytica beantragt, um den ganzen Umfang des Datenmissbrauchs zu klären. Auch die Wahlaufsichtsbehörde will Ermittlungen anstellen, inwieweit das Unternehmen in etwaige Manipulationen des Referendums zum Austritt aus der EU beteiligt war. Und: Wegen der Rolle, die Cambridge Analytica beim Wahlsieg von Präsident Donald Trump spielte, wurden auch Untersuchungen in den USA eingeleitet.

Die Affäre ist umso bemerkenswerter, weil die massive Verletzung der Privatsphäre von Internet-Nutzern, nicht durch Hacker geschah, sondern scheinbar legal durch eine Firma für Datenanalyse, die damit hohe Gewinne machte. Freilich wurden die Betroffenen durch unsaubere Tricks übertölpelt, nicht nur ihr Profil preiszugeben sondern auch das ihrer Freunde.

Cambridge Analytica nutzte dabei die Erkenntnisse der Psychologen Michal Kosinski und David Stillwell aus, die am psychometrischen Zentrum der Universität Cambridge forschten. Sie fanden heraus, dass sie mithilfe von Fragebögen psychologische Profile erstellen konnten, die ziemlich deckungsgleich mit denen anderer Facebook-Benutzer sind, die die gleichen Antworten gaben. Wer zum Beispiel angab, „Israel zu hassen“, bevorzugte die gleichen Schokoladenriegel und Sportschuhe, wie tausende von anderen Facebook-Nutzern, die die gleichen Antworten auf Kernfragen gaben.

Die Forscher entwickelten eine App mit psychometrischen Persönlichkeitsfragen und stellten es den Befragten anheim, ihr Profil mit den Wissenschaftlern zu teilen. Zu ihrer Überraschung bekamen sie über einer Million Rückmeldungen. Die Trefferquote wurde sogar noch höher, weil es zu dieser Zeit noch möglich war, dass andere Benutzer mit dem Anklicken von „mag ich“ ihre Übereinstimmung mit den Antworten öffentlich kundgeben konnten. Diese Möglichkeit wurde mittlerweile von Facebook unterbunden.

„Unser Handy ist ein riesiger psychologischer Fragebogen, den wir bewusst oder unbewusst ständig ausfüllen,“ kommentiert Psychologe Kosinski die Entwicklung. Dem Forscher war bewusst, welche Probleme für den Zugriff auf die Privatsphäre diese „psychologische Suchmaschine“ mit sich bringt. Er warnte, dass „diese Methode eine Gefahr für das Wohlbefinden, die Freiheit oder sogar das Leben der Benutzer haben kann“. Solche Skrupel plagten einen jungen Kollegen namens Aleksandr Kogan nicht. Er bot 2014 Kosinski an, seine Methode kommerziell anzuwenden. Als Partner schlug er SCL (Strategische Kommunikations Labors) vor.

Dieses Unternehmensgruppe arbeitete über zahlreiche Tochterfirmen auch im politischen Bereich und „assistierte“ unter anderem bei den Wahlkämpfen in Nigeria, Uganda und Trinidad und Tobago. Mitarbeiter der SCL waren häufig ehemalige Militärexperten für psychologische Kriegsführung, die ihre Erfahrungen bei der Auseinandersetzung ihrer Klienten mit politischen Gegnern einsetzten. Kosinski wurde misstrauisch und lehnte eine Zusammenarbeit ab.

Kogan entwickelte die App „thisisyourdigitallife“ (das ist dein digitales Leben) und erntete damit Millionen von Facebook-Benutzerprofilen, die er an Cambridge Analytica verkaufte, welche zu der Unternehmensgruppe SCL gehörte. Diese bekam von dem amerikanischen Multimilliardär Robert Mercer, der Trumps Kanditatur unterstützte, eine kräftige Finanzspritze. Als Vizepräsident trat Steve Bannon, der ultrarechte Berater von US-Präsident Donald Trump, in das Unternehmen ein.

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22.03.2018, 06:00 Uhr

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