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Rexingen war um 1900 führend

Tagung der Gedenkstätten am Oberen Neckar liefert neue Erkenntnisse zum jüdischen Viehhandel

REXINGEN. Über Jahrhunderte war der Raum Horb ein Zentrum des schwäbischen Landjudentums. Um 1900 wurde Rexingen sogar als „Viehbörse Süddeutschlands“ bezeichnet. Gestern kam dieser Tatsache erneut Bedeutung zu. Die Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Gedenkstätten am Oberen Neckar hatte zur deutschlandweit ersten wissenschaftlichen Tagung über „Jüdische Viehhändler zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb“ geladen. Rund 200 Interessierte waren in die Johanniterhalle gekommen. Die Veranstalter sprechen vom Beginn einer neuen Forschungsrichtung.

04.10.2006
  • Elisabeth Ehmann

Der Träger- und Förderverein „Ehemalige Synagoge Rexingen“ hatte insgesamt sieben Referenten zur Tagung geladen. Den Abschluss am Abend bildeten die Erzählungen von drei Zeitzeugen (wir berichten noch). „Das erste große Ergebnis der fruchtbaren Zusammenarbeit“ der Arbeitsgemeinschaft Jüdischer Gedenkstätten, nannte Oberbürgermeister Michael Theurer die gestrige Veranstaltung. Und er sprach die Hoffnung aus, dass noch weitere ihrer Art folgen mögen.

Landrat Peter Dombrowsky erinnerte sich an die Erzählungen seines Schwiegervaters über dessen „gute, langjährigen und vertrauensvollen Geschäftsbeziehungen“ mit jüdischen Viehhändlern. Auch er sprach den Wunsch aus, dass alle Facetten der Geschichte aufgearbeitet würden. „Man kann nur in der Gegenwart leben und die Zukunft gestalten, wenn man die Vergangenheit kennt.“

Der Schweizer Historiker, Dr. Uri Kaufmann, machte die Anwesenden sogleich mit einem Aspekt dieser Vergangenheit bekannt: Dem Viehhandel der Juden in Deutschland und der Schweiz. Kaufmann hatte über dieses, wie er selbst sagt, „exotische Thema“ promoviert. Nach ihrer Vertreibung aus den Städten im 15. Jahrhundert hätten die Juden den Vieh- und Pferdehandel für sich als „ökonomische Nische“ entdeckt, da dieser nicht zünftisch geregelt gewesen sei. Er sei jedoch, entgegen der landläufigen Meinung, keinesfalls fest in der Hand der Juden gewesen, so Dr. Kaufmann. Nur vereinzelt, wie vor allem im Raum Horb, sei eine hohe Konzentration an jüdischen Landgemeinden aufgetreten.

Laut Kaufmann, hätten diese Viehhändler ihre Geschäfte bis ins Elsass und in die Schweiz betrieben. Kaufmann war bei seinen Nachforschungen sogar auf eine Frau aus Dettensee gestoßen, die einen schweizerischen Viehhändler geheiratet hatte. „Wucherjude“, wurden die jüdischen Viehhändler seit dem 19. Jahrhundert oft beschimpft. Der Agrar-Antisemitismus griff um sich. Ging es den Bauern schlechter, so wurden die Juden auch hier, wie so oft in der Geschichte, dafür verantwortlich gemacht.

Im Raum Horb bot sich ein ähnliches Bild, wie Carsten Kohlmann vom Staatsarchiv in Sigmaringen erläuterte. Im 16. Jahrhundert hatten sich die ersten Juden in einigen Gemeinden rund um Horb angesiedelt. Da die Berufstätigkeit in Handwerk und Landwirtschaft für Menschen jüdischen Glaubens grundsätzlich verboten war, seien als einzige Existenzmöglichkeiten das Kreditgeschäft und der Handel geblieben. Vor allem für letzteres war der Raum Horb aufgrund seiner Lage in der Mitte von Schwaben sehr geeignet. „Für die Juden begann ab 1810 im Königreich Württemberg das Zeitalter der Emanzipation“, erklärte Kohlmann. So hätten sie in mehreren Schritten über Jahre die gleichen Rechte wie die christlichen Bürger erhalten.

Die Gemeinde Rexingen habe sich erst spät zum Zentrum des Pferde- und Viehhandels entwickelt. Während Ende des 19. Jahrhundert infolge der Landflucht die Entwicklung in anderen jüdischen Gemeinden zurück ging, sei die Einwohnerzahl der jüdische Gemeinde Rexingen konstant geblieben. „Noch im Adressbuch des Oberamtes Horb aus dem Jahr 1930 sind unter Rexingen fast fünfzig Betriebe dieser Branche zu finden“, so Kohlmann. Es sei zwar nicht ganz sicher, aber vermutlich habe es im Deutschen Reich keine andere Gemeinde dieser Größe mit einer vergleichbaren Anzahl von Pferde- und Viehhändler gegeben. „Der bedeutendste Pferde- und Viehhändlerort im Königreich Württemberg war Rexingen auf jeden Fall“, betonte Kohlmann und der geschäftliche Erfolg habe zu einer großen wirtschaftlichen Entwicklung zwischen der Reichsgründung und dem Ersten Weltkrieg beigetragen. Die Blütezeit endete mit der Zwangswirtschaft des Ersten Weltkrieges und der Agrarkrise der Weimarer Republik. Auch im Raum Horb habe die nationalsozialistische Bewegung jüdische Viehhändler für die Agrarkrise verantwortlich gemacht. „Durch bösartige Hetze und Gesetze wurde die jahrhundertelange Zusammenarbeit zwischen den christlichen Landwirten und jüdischen Pferde- und Viehhändler schließlich in der NS-Zeit zerstört,“ so Kohlmann.

Die Referenten betonten, dass es für die Wissenschaft im Bereich der jüdischen Landbevölkerung noch viel zu erforschen gelte. Mit dem gestrigen Tage wurde ein erster Schritt getan.

Tagung der Gedenkstätten am Oberen Neckar liefert neue Erkenntnisse zum jüdischen Viehhandel
Der Rexinger Archivar, Adolf Sayer, und mit ihm rund 200 Gäste waren gestern in die Johanniterhalle gekommen, um sich ein Bild von den jüdischen Viehhändlern zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb zu machen. Bilder: KuballDer Rexinger Archivar, Adolf Sayer, und mit ihm rund 200 Gäste waren gestern in die Johanniterhalle gekommen, um sich ein Bild von den jüdischen Viehhändlern zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb zu machen. Bilder: Kuball

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04.10.2006, 12:00 Uhr

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