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Das Ende einer Kindheit

Tatsachen-Roman über die Entführung von Jan Philipp Reemtsma

Auch eine Passionsgeschichte: Johann Scheerer erzählt, wie er als 13-Jähriger die Entführung seines Vaters Jan Philipp Reemtsma erlebte.

29.03.2018
  • JÜRGEN KANOLD

Ulm. Vogelgezwitscher, gepaart mit den ersten vorsichtigen Sonnenstrahlen des Jahres – für Johann Scheerer ist das der Soundtrack eines Albtraums, ein Schlüsselreiz seiner Erinnerung. Es war der 25. März 1996, „es war Frühling, und mein Leben sollte von da an ein anderes sein.“ An diesem Tag in der Woche vor Ostern weckt die Mutter ihren 13-jährigen Sohn mit den Worten: „Wir müssen jetzt gemeinsam ein Abenteuer bestehen. Jan Philipp ist entführt worden.“

Alles Leben verändert sich, von einem Verbrechen bestimmt. Es ist der spektakulärste Entführungsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte: 33 Tage lang wird der Hamburger Zigarettenfabrik-Erbe, Germanist und Autor Jan Philipp Reemtsma in einem Keller festgehalten, bis er gegen ein Lösegeld von 30 Millionen Mark freikommt. Zwei Geldübergaben scheitern, ehe die Familie nach nervenaufreibenden Wochen an der Polizei vorbei die Kidnapper befriedigen kann.

Viel ist in den Medien darüber berichtet worden, nicht zuletzt aus den Strafprozessen gegen Thomas Drach und seine Komplizen. Reemtsma selbst, dieser strenge Intellektuelle und Mäzen, der mit seinem Geld Arno Schmidt unterstützte und auch das Hamburger Institut für Sozialforschung gründete und die folgenreiche Ausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht ermöglichte, hat seine Entführung in dem Buch „Im Keller“ reflektiert. Überraschend aber erzählt jetzt Reemtsmas Sohn Johann, ein Musiker und Plattenproduzent, die Erlebnisse aus seiner Perspektive als damals 13-Jähriger: „Wir sind wohl die Angehörigen“.

Angst und Schuldgefühle

Als Roman ist das erschütternde, mitreißende Buch etikettiert, aber es ist ein sehr persönlicher, autobiografischer Bericht. Das liest sich teils wie ein Thriller, greifbar in der Szenerie, bilderreich, gespeist mit den zitierten Briefen der Entführer und des Vaters. Angst, Schuldgefühle, quälende Langeweile – aber immer wieder die entsetzliche Angst eines völlig überforderten Kindes, das plötzlich auch Teil der Kriminalgeschichte ist. Scheerer aber gelingt noch mehr: Er hat auch das Buch einer besonderen Vater-Sohn-Beziehung geschrieben, der Roman ist ebenso eine offen erzählte Coming-of-age-Story.

Tatsachen-Roman über die Entführung von Jan Philipp Reemtsma
Musiker und Produzent: Johann Scheerer, geboren 1982, ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma und Ann Kathrin Scheerer. Schon mit 15 Jahren hatte er seine eigene Band, er nahm mit „Score!“ 1999 sein erstes Album auf und ging auf Deutschlandtour. Nach dem Abitur bekam er für sein Soloprojekt „Karamel“ einen Plattenvertrag und gründete 2003 das Tonstudio „Rekordbox“ und 2005 die Plattenfirma Clouds Hill Recordings. Als Musiker und Produzent feierte er Erfolge unter anderem mit Faust, Gallon Drunk, Bosnian Rainbows, Rocko Schamoni, James Johnston, Peter Doherty und aktuell At the Drive-In.Foto: Matthias Haslauer/Piper Verlag/dpa

Jan Philipp Reemtsma (geboren 1952) hasste seine Vergangenheit, das exponierte Kronprinzen-Dasein als Multimillionärs-Erbe. Er verkaufte seine Anteile am Tabak-Konzern, ließ das Elternhaus in Hamburg-Blankenese abreißen, sehnte sich nach einem normalen Leben, das er auch seinem Sohn Johann und seiner Ehefrau Ann Kathrin bieten wollte: „Mein Vater wollte sich einfach von dem Umstand, viel Geld zu haben, nichts vorschreiben lassen.“ Keine Zäune, keine Überwachungskameras, ein offenes Tor in den Garten an der Elbe. Diese Sehnsucht nach Normalität musste er büßen.

Johann erlebte seinen Vater Jan Philipp als einen fast unnahbaren Mann der Bücher, der auch vom Sohn Lektüre einforderte. In den Urlaub fuhren sie mit zwei mindestens 30 Kilogramm schweren Koffern voller Bücher. Und noch am Skilift zog Reemtsma ein Reclamheft aus der Jacke, um die Wartezeit zu nutzen. Extreme Bildungsbeflissenheit: das Kind unter Druck. In einem Brief aus seinem Verließ schlägt der entführte Reemtsma dem Sohn vor, dass sie sich beide gleichzeitig jeden Tag um 17 Uhr die „Chronik des 20. Jahrhunderts“ vornehmen und dann lesen sollten, was von 1900 bis 1995 an diesem Datum passiert ist. Die Weltgeschichte abarbeiten als verordnete Strategie, um die Gemeinsamkeit zwischen Vater und Sohn zu beschwören? Das stürzt den Sohn, der mit 13 vorpubertär eigentlich dabei ist, sich abzunabeln von den Eltern, in die Verzweiflung: „Konnte ich mich seinem geschriebenen Wort widersetzen, und machte ich seinen Tod damit wahrscheinlicher? War ich wirklich so dumm und gemein?“ Der Vater fordert ihn aber auch auf, „Langweilig“ zu spielen, den Song der Ärzte.

Tatsachen-Roman über die Entführung von Jan Philipp Reemtsma
Im Rowohlt Verlag ist jetzt Johann Scheerers „Geschichte einer Entführung“ erschienen unter dem Titel „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ (240 Seiten, 20 Euro). Foto: Piper Verlag

33 Tage im Ausnahmezustand – das gilt ebenso für den Sohn. Wie in einer anderen Galaxie lebte er, ausgeschlossen von Freunden. Wie betäubt man die Todesangst, die unerträgliche Spannung? Mit Chips und Süßigkeiten, mit Videos, mit Geschenken. Aber auch eine rote Gibson ES 335 zu Ostern ist kein Trost.

Scheerers Tatsachen-Roman ist eine Leidensgeschichte, die der Leser nicht schnell vergisst. Bewundernswert, wie der heute 35-Jährige sein Schicksal verarbeitet hat.

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29.03.2018, 06:00 Uhr

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